Von Martin Gehlen

Bis tief in die Nacht hinein feierten ihn seine Anhänger mit Hupkonzerten, Feuerwerk und Autokorsos. Der neue Präsident Tunesiens heißt Kais Saied. In der Stichwahl um das Präsidentenamt setzte sich der pensionierte Verfassungsrechtler am Sonntag mit mehr als drei Viertel aller Stimmen haushoch gegen seinen Konkurrenten, den Medienmogul Nabil Karoui, durch. „Ich werde der Präsident aller Tunesier sein“, erklärte der 61-Jährigen in einer ersten kurzen Ansprache. Mit dieser demokratischen Wahl des Staatsoberhauptes hätten „die Tunesier der ganzen Welt eine Lektion erteilt. Es ist eine Revolution im Rahmen einer demokratischen Verfassung und in völliger Legalität“, rief er in den Jubel seiner Anhänger, die ihrem Idol wegen dessen gestelztem Hocharabisch und dessen oft regungsloser Mimik den Spitznamen „Robocop“ gegeben haben.

Am 22. Februar 1958 in eine Mittelklassefamilie geboren, studierte der Vater zweier Töchter und eines Sohnes Jura an der Universität Tunis. Von 1999 bis zu seiner Pensionierung 2018 war er Dozent für Rechtswissenschaften, seine Studenten beschreiben ihn als zugänglich und hilfsbereit. Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde Saied nach dem Arabischen Frühling 2011, als er im Fernsehen regelmäßig Verfassungsfragen kommentierte, während die erste demokratisch gewählte Volksvertretung das post-revolutionäre Grundgesetz Tunesiens erarbeitete.

In seinen gesellschaftlichen und sozialen Ansichten dagegen ist er ultrakonservativ. Er gilt als Befürworter der Todesstrafe und plädiert dafür, Homosexualität zu bestrafen. Unverheiratete Paare will er von der Polizei maßregeln lassen, wenn sie in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen. Kritischen Fragen zu seinen Verbindungen in salafistische Kreise weicht er aus. Alle internationalen Verträge dagegen will er weiter einhalten. Eine enge Anbindung Tunesiens an die Europäische Union steht für ihn nicht zur Disposition.