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| 17:56 Uhr

Nach dem blutigen Attentat von Christchurch
Neuseeland trauert um Terror-Opfer

 Blumen, Kerzen und Gebete: Neuseeland betrauert die Opfer des Attentats von Christchurch.
Blumen, Kerzen und Gebete: Neuseeland betrauert die Opfer des Attentats von Christchurch. FOTO: AFP / MARTY MELVILLE
Christchurch. 50 Menschen haben bei einem Anschlag auf eine Moschee in Christchurch ihr Leben verloren. Die Frage aller Fragen ist offen: Wie konnte das passieren? Von Sissi Stein-Abel

Auch Tage nach der Bluttat im neuseeländischen Christchurch, bei der 50 Menschen um Leben kamen, bleiben viele Fragen offen. Warum konnte der Attentäter Brenton Tarrant unter dem Radar der Sicherheitsbehörden in Neuseeland durchschlüpfen? Warum hat der nationale Geheimdienst NZSIS (New Zealand Security Intelligence Service) die Warnzeichen nicht wahrgenommen?

Tarrant war ständig unterwegs. Er reiste in der kürzeren Vergangenheit nicht nur in die Türkei, nach Bulgarien, Kroatien und Ungarn sowie in zahlreiche Länder Afrikas und Asiens, sondern auch nach Pakistan. Doch das fiel den Behörden nicht auf. Tarrant besaß einen Waffenschein und halbautomatische Gewehre, ohne dass das Aufmerksamkeit verursacht hätte. Der Täter hatte nach Worten des internationalen Sicherheitsexperten Paul Buchanan zudem Verbindungen in die rechtsradikale Szene von Christchurch. Doch auch das fiel nicht auf.

Nein, die Ideologie seines Rassenhasses blieb so lange verborgen, bis der Australier wenige Minuten vor den Anschlägen auf die beiden Moscheen in Christchurch sein umfangreiches Manifest („The Great Replacement“) per E-Mail an 70 Personen inklusive Premierministerin Jacinda Ardern schickte. Darin glorifiziert er etwa den norwegischen Attentäter Anders Breivik und den bosnischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic. Doch zu diesem Zeitpunkt war es zu spät, um das Blutbad noch zu verhindern.

Paul Buchanan, ein in Neuseeland lebender ehemaliger Sicherheitsberater der US-Regierung, hält dieses Versagen für keinen Zufall. Die elektronischen Überwachungssysteme seien nun mal auf die Sprache radikaler Islamisten geeicht. „Sie können die Ausdrucksweise von rechtsradikalen Rassisten nicht identifizieren.“

Premierministerin Jacinda Ardern hatte bereits am Freitag, direkt nach den Anschlägen auf die beiden Moscheen in Christchurch, eingeräumt: „Wir haben uns einseitig auf islamistischen Terror konzentriert.“ Der neuseeländische Geheimdienst führt insgesamt 30 bis 40 Personen als Gefährder. In seinem jüngsten Jahresbericht heißt es, man arbeite hart daran, Bedrohungen zu identifizieren und zu bekämpfen, „aber es ist möglich, dass eine abgeschottete Einzelperson einen Terroranschlag in Neuseeland verüben“ könne. Von solchen Personen wüsste dann auch der Geheimdienst-Bund „Five Eyes“ nichts, der aus den Geheimdiensten der USA, Kanadas, Großbritanniens, Australiens und Neuseelands besteht.

Nun zeigt sich um so deutlicher und bestürzender, dass auch in Neuseeland eine Bedrohung von rechts gegeben ist – und das, obwohl unter den 4,6 Millionen Einwohnern nur sehr kleine Minderheiten zu finden sind.

Prominente Rechte wie etwa Kyle Chapman wurden eher als arme Irre betrachtet, denn als Gefahr. Als ganz harmlos kann der 47 Jahre alte Mann jedoch nicht gelten. Er ist vorbestraft. Er warf eine Brandbombe auf einen Marae – eine Versammlungsstätte der eingeborenen Maori – und schleuderte mehrmals Molotow-Cocktails auf Gebäude, inklusive einer Schule. In Auckland plante er vor einigen Jahren einen Marsch gegen die wachsende Zahl chinesischer Einwanderer.

Chapman ist der Gründer der neuseeländischen Nationalen Front (NZNF) in Christchurch. Er organisierte mehrfach kleinere Neonazi-Aufmärsche und kündigte die Gründung einer weiß-europäischen Gemeinde in der Region an. Mehrfach allerdings kandidierte er bei der Bürgermeisterwahl in Christchurch, um jedes Mal chancenlos zu scheitern. Beim letzten Versuch erhielt er ganze 499 Stimmen.

Kann man angesichts dieser verschwindend geringen Zahl tatsächlich von einem Gefahrenpotenzial aus der rechten Ecke sprechen?

Nach den Worten des Sicherheitsexperten Buchanan hat der Attentäter Brenton Tarrant Verbindungen in die rechte Szene von Christchurch gehabt. Er selbst lebte allerdings in der 400 Kilometer südlich gelegenen Stadt Dunedin. In seinem Manifest schildert Tarrant, dass er seine Tat alleine vorbereitet habe. Seine anti-muslimische Haltung habe sich auf Reisen durch Westeuropa verschärft.

„Den Anschlag habe ich zwei Jahre lang geplant, und obwohl Neuseeland eigentlich nicht meine erste Wahl dafür war, habe ich mich drei Monate vorher für Christchurch entschieden“, schrieb er. Die Stadt sei als Ziel so lohnend wie jede andere in der westlichen Welt, und die Anschläge würden Einfluss auf die Politik der USA und die Weltpolitik nehmen.

Sein Ziel ist klar: Die Berichterstattung über das Massaker an Muslimen, die im vermeintlichen Paradies Schutz vor Gewalt und Krieg in ihren Heimatländern suchten und letztlich doch nicht fanden, soll Entsetzen und Fassungslosigkeit in der ganzen Welt auslösen. Wenn das gelänge, könnte sich niemand auf der ganzen Welt mehr sicher fühlen.