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| 14:55 Uhr

Jubiläum
Nelson Mandela – eine Ikone, kein Heiliger

ARCHIV - 29.09.2003, Südafrika, Soweto: Nelson Mandela, ehemaliger südafrikanischer Präsident und Friedensnobelpreisträger, hört einem Redner zu, während er die Grundschule Freedom Park eröffnet. (zu dpa "Ernüchterung in Südafrika trotz Mandelas historischer Verdienste" am 17.07.2018) Foto: Kim Ludbrook/EPA FILE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
ARCHIV - 29.09.2003, Südafrika, Soweto: Nelson Mandela, ehemaliger südafrikanischer Präsident und Friedensnobelpreisträger, hört einem Redner zu, während er die Grundschule Freedom Park eröffnet. (zu dpa "Ernüchterung in Südafrika trotz Mandelas historischer Verdienste" am 17.07.2018) Foto: Kim Ludbrook/EPA FILE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: dpa / Kim Ludbrook
Kapstadt. Der Anti-Apartheid-Kämpfer und erste schwarze Präsident Südafrikas wurde am 18. Juli vor 100 Jahren geboren. Von Alexander Brüggemann

Ein Nelson Mandela kann Päpsten und Königen auf Augenhöhe begegnen. US-Präsidenten bis hin zu Stars aus Sport und Pop erscheinen auf dem Erinnerungsfoto mit ihm als bloßes Beiwerk. Nelson Mandela, Widerstandskämpfer gegen die Apartheid, Denkmal schon zu Lebzeiten, Vater der Regenbogennation Südafrika, wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Jeder kennt die Biografie, die einen festen Platz in den Geschichtsbüchern hat: Geboren am 18. Juli 1918 in einem Dorf bei Umtata in der Transkei, der ärmsten Region Südafrikas; eine naturverbundene Kindheit als Hirtenjunge. Die methodistische Lehrerin konnte mit seinem Xhosa-Namen Rolihlahla (übersetzt etwa „der Unruhestifter“) nichts anfangen und nannte ihn „Nelson“. Jurastudium als Schwarzer während der Rassentrennung. Bürgerrechtler, Aktivist und Anführer im Afrikanischen Nationalkongress (ANC) und seinem bewaffneten Arm, dem „Speer der Nation“; abgeurteilt wegen Terrorismus und Verrats und 1964 für lebenslänglich eingesperrt.

Als Nummer 46664 „berühmtester Häftling der Welt“ auf der Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt; insgesamt 27 Jahre in Haft, unbeugsam und ungebrochen. Triumphale Freilassung 1990; Protagonist eines gewaltfreien Endes der Apartheid und für Versöhnung statt Rache; erster schwarzer Staatspräsident Südafrikas von 1994 bis 1999. Zum Millenniumswechsel Rückzug aus der aktiven Politik ins Privatleben. Gewissen der Nation, Übervater, Elder Statesman.

Sein letzter öffentlicher Auftritt war eigentlich die Schlussfeier der Fußball-WM 2010 gewesen. Doch im April 2013 sorgte eine TV-Schaltung für Grusel und Proteste. Sie zeigte den todkranken Greis apathisch inmitten fröhlicher selbsternannter politischer Erben: Staatspräsident Jacob Zuma, ANC-Vizepräsident Cyril Ramaphosa und anderer Parteifunktionäre. „Wie ein Tier im Zoo. Wir sollten uns schämen“, twitterte ein zorniger Bürger damals.

Vergeblich bat Alterzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu die Nation: „Lassen wir ihn in Frieden gehen!“ Die Medien lieferten sich einen beschämenden Rummel vor dem Krankenhaus. Die Familie zankte sich öffentlich um Mandelas Grabplatz. Ganz am Ende musste er, künstlich beatmet, noch seinen 95. Geburtstag feiern lassen.

Rückblende, das Ringen um ein Ende der Apartheid. Die blutigen Konflikte zwischen Xhosa und Zulus im Sommer 1990 trüben das Vertrauen zwischen Mandela und Regierungschef Frederik Willem de Klerk.

Erst recht, als ans Licht kommt, dass der immer noch mächtige Geheimdienst hinterrücks die Zulu-Partei Inkatha unterstützt. Mit Waffenlieferungen, Militärtrainings, dem Dirigieren nächtlicher Aktionen schürt eine „dritte Macht“ aus Teilen von Polizei, Geheimdienst und Armee den Konflikt, um so eine Unmündigkeit der Schwarzen vorführen zu können: Bitte sehr, die  kriegen  es  eben  doch  nicht hin!

Und dann noch der Mord an Chris Hani. Im April 1993 tötet ein Rassist den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Südafrikas und Stabschef des „Speers der Nation“. Sein Auftraggeber: ein Ex-Abgeordneter der Konserwatiewe Party. Das Ziel: den hochsensiblen Verhandlungsprozess für das Ende der Apartheid zu torpedieren.

Die Townships kochen vor Wut, bereit loszuschlagen; 70 Menschen sterben binnen zwei Tagen. Mandela eilt nach Johannesburg und wendet sich in mehreren TV-Ansprachen an das Volk, beschwört Frieden. Er zieht alle Register – vielleicht Mandelas größte Stunde.

Erzbischof Tutu sagte in der Rückschau: „Wäre Mandela nicht im Fernsehen und Radio aufgetreten, wäre unser Land in Flammen aufgegangen.“ Es mag am Ende als ein historischer Glücksfall durchgehen, dass die Gewalt nicht zum Scheitern des Friedensprozesses führte. Nach den ersten freien Wahlen 1994 übergab de Klerk die Macht an Mandela; beide erhielten 1993 den Friedensnobelpreis.

Mandela vollbrachte politische Wunder, verschaffte Südafrika neue Sympathiewerte und einen Vertrauensvorschuss in der Welt. Doch seine Nachfolger Thabo Mbeki und Jacob Zuma konnten das Niveau nicht halten. Der zweite Anzug des ANC passte nicht. Südafrikas wirtschaftlicher Anschluss an die Länder des Nordens – und der meisten Schwarzen an die Mittelschicht - misslang; auch weil die Regenbogennation, das gemeinschaftliche Südafrika von Schwarz, Weiß und Coloured, in die Sackgasse geriet.

Gewalt, Kriminalität, Korruption, Diskriminierung und Auswanderung der ehemaligen weißen Führungsschicht: nur einige Schlaglichter auf die wachsenden Probleme einer Nation, in der viele schon ein Erfolgsmodell für ganz Afrika sahen. Seit Februar ist nun Cyril Ramaphosa am Ruder, ewiger Hoffnungsträger und politischer Ziehsohn Mandelas. Schon seit Jahren in hohen Ämtern und dabei leidlich ohne Skandale ausgekommen, muss der 65-Jährige erst noch beweisen, dass er das Steuer rumreißen kann.

Den „Mandela-Tag“ am 18. Juli, der traditionell landesweit mit ehrenamtlichem Engagement aller Südafrikaner begangen wird, wird Ramaphosa nutzen, um sich als der wahre Erbe „Madibas“ zu stilisieren. Hoffentlich aber auch, um im Land ein wenig von dem Aufbruchsgeist der 90er-Jahre heraufzubeschwören.

Zum 100. kommt Mandelas zweite Biografie auf den Markt.
Zum 100. kommt Mandelas zweite Biografie auf den Markt. FOTO: dpa