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| 19:57 Uhr

Großes Nato-Manöver derzeit in Norwegen
Nato gegen Russland: Ostsee wird immer mehr Spannungsgebiet

Schützenpanzer „Marder“ rollen zum Einsatz beim Großmanöver der Nato in Norwegen von einem RoRo-Schiff auf das Hafengelände von Fredrikstad .
Schützenpanzer „Marder“ rollen zum Einsatz beim Großmanöver der Nato in Norwegen von einem RoRo-Schiff auf das Hafengelände von Fredrikstad . FOTO: dpa / Mohssen Assanimoghaddam
Berlin. Klein, flach und angreifbar: Die Ostsee ist zum Schauplatz der neuen Konfrontation zwischen Nato und Russland geworden. Die Bundeswehr soll bei der Verteidigung der nassen Flanke des Bündnisses eine führende Rolle einnehmen. Von Ellen Hasenkamp

Die Segler wären an diesem hellen Juli-Abend vor Schreck fast über Bord gekippt: Zwischen Wellen und Freizeitbooten kreuzte plötzlich die 73 Meter lange „Wladikawkas“ auf. Das mächtige U-Boot der russischen Marine schob sich, begleitet von einem dänischen Begleitschiff, durch den engen und flachen Fehmarnbelt zwischen Deutschland und Dänemark.

Russische Aufklärer vor Anker bei Kiel, russische Bomber über der baltischen See, russische Manöver vor der Küste Polens – die kleine Ostsee ist zum Schauplatz für einen großen Konflikt geworden. Denn auch die Nato zeigt an ihrer Nordostflanke gerne, was sie hat und was sie kann.

In Norwegen läuft in diesen Wochen eines der gewaltigsten Manöver seit dem Ende des Kalten Kriegs mit rund 50 000 Soldaten, bis zu 10 000 Fahrzeugen und Panzern sowie 65 Schiffen und 150 Flugzeugen. Alle Nato-Staaten – einschließlich Deutschland – sowie die eigentlich neutralen Ostsee-Anrainer Schweden und Finnland sind dabei.

Ziel ist es, sich und anderen zu beweisen, dass See-, Luft- und Landstreitkräfte schnell und gemeinsam auf einen Angriff reagieren können. Während der Fokus in Norwegen auf den Bodentruppen liegt, findet parallel die jährliche Seeübung „Northern Coasts“ statt. „Sie erweitert das Manöver in die Ostsee hinein“, sagt der Marinesprecher und Kapitän zur See, Johannes Dumrese. Geübt wird, die Seewege rund um Skandinavien freizuhalten. „Nichts richtet sich gegen jemand“, betont Dumrese. „Aber Russland hat die Aktivitäten seiner Flotte verstärkt, das tun wir eben auch.“

Ost und West teilen sich das kleine Binnenmeer im Norden Deutschlands. Nach dem Ende des Kalten Kriegs führte dies zunächst zu neuen, regionalen Formen der Zusammenarbeit: Kampf gegen ungeklärte Abwässer beispielsweise oder gegen Menschenhandel. Doch mit der Annexion der Krim hat sich das wieder verändert. „Die Lage im Ostseeraum ist in der Tat seit dem Jahr 2014 deutlich angespannter, es findet eine gewisse Remilitarisierung statt“, sagt Tobias Etzold von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Aber von einem Bedrohungsszenario wie im Kalten Krieg sind wir noch weit entfernt.“ Noch gebe es nämlich die kooperativen Strukturen, „auch wenn sie momentan teils nicht uneingeschränkt funktionieren.“

 Die strategische Bedeutung der Region für das westliche Bündnis ist deutlich gewachsen. Bis auf Russland sind inzwischen alle Anrainer entweder Mitglied der Nato oder der EU oder beides. Aus Sicht von Militärs heißt das, dass die zu schützende Flanke größer geworden ist und weiter nach Osten reicht als zu Zeiten des Kalten Kriegs. Das hat Folgen – auch für die Bundeswehr.

Eine davon ist beim Richtfest in Rostock an einem strahlenden Septembertag zu besichtigen. Ein Zimmermann verkündete Gereimtes vom Dachstuhl und Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hämmert auf einen eher symbolisch angebrachten Nagel ein. „Den hätt’ ich mit drei Schlägen drin gehabt“, flüstert einer der Handwerker, die sich aufgereiht haben.

Auf dem Gelände der Hanse-Kaserne entsteht derzeit das neue Führungszentrum der Marine. Von den 6600 entstehenden Quadratmetern aus sollen künftig die weltweiten Aktivitäten der deutschen Seestreitkräfte gesteuert werden. Der schicke Bau soll aber auch eines Tages ein Hauptquartier für viele verschiedene Länder beherbergen, das internationale Operationen steuern kann. „Wir bauen hier einen Bestandteil der regionalen und nationalen Sicherheitsarchitektur“, schwärmt der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Andreas Krause.

 Von der Leyen weist auf die besondere Rolle Deutschlands hin: „Als größter Ostseeanrainer unter den Mitgliedern von Nato und EU steht es uns gut zu Gesicht, hier noch mehr Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie.

Um diese auch wahrzunehmen, steckt die Bundeswehr nicht nur gut 60 Millionen Euro in den Neubau. Nötig sind auch Investitionen auf See: Die Bedeutung der vergleichsweise kleinen, dafür wendigen und schwer zu ortenden deutschen U-Boote, die zuletzt allerdings eher mit ausgiebigen Reparaturphasen von sich reden machten, ist gesunken. „Entscheidend sind die Korvetten mit größerer Seeausdauer“, sagt Dumrese. Fünf weitere dieser schwimmenden Waffensysteme für insgesamt rund zwei Milliarden Euro sollen ab 2022 an die Marine ausgeliefert werden.

Globale Einsätze, Landes- und Bündnisverteidigung – so lautet die vertraute Aufgabenbeschreibung für die Truppe. Das Weißbuch der Regierung formuliert aber noch einen dritten Aspekt, dem sich die Marine besonders verpflichtet fühlt. Wohlstand, Handel, Weltmeere lautet der Dreiklang.

„Eine starke Marine schützt diese Seewege“, so prangt es auf der Pressemappe.  Und auch von der Leyen hebt die „strategische Bedeutung“ der Region hervor: „Die Ostsee ist die wirtschaftliche Lebensader für alle Anrainer.“