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| 19:12 Uhr

Nach der Eskaltion
Was hat das noch mit Chemnitz zu tun?

Der Ort  in Chemnitz, an dem der 35 -jährige Daniel H. durch Messerstiche getötet worden ist.
Der Ort  in Chemnitz, an dem der 35 -jährige Daniel H. durch Messerstiche getötet worden ist. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
Chemnitz. Nicht wenige sagen, diese Ereignisse hätten in jeder ostdeutschen Stadt in dieser Größe passieren können. Von Thomas Block und Thomas Puddig

Die Geschichte von der Lawine, die Chemnitz erfasst hat, kann nur an einem Ort beginnen, und der befindet sich auf der Brückenstraße zwischen zwei Absperrungen. Mitten auf dem Gehweg steht ein Kreuz, an dem zwei Cappys hängen. Die obere trägt den Schriftzug  „Cuba“, weil der 35-jährige Daniel H., der hier am 26. August erstochen wurde, kubanische Wurzeln hatte. Sein Foto steht auf dem Boden, umringt von Kerzen, Blumen, Briefen. „Blut hat immer dieselbe Farbe“, lautet die Botschaft auf einem Zettel. Auf einem anderen steht: „Unfassbar, dass die Demonstrationen nach einem schrecklichen Mord mehr Empörung hervorrufen als der Mord selbst.“

Rechts neben dem Kreuz steht eine Gruppe von schwarz gekleideten Menschen, die der Meinung sind, dass das ihr Platz ist. Den ganzen Tag haben einige von ihnen hier Wache gehalten. Sie halten ein Schild hoch, auf dem steht: „Wir sind Bürger, keine Nazis. Ihr habt das Blut von Daniel an euren Händen.“ Auf der anderen Seite des Platzes steht eine Gruppe von jüngeren Demonstranten, die etwas später gekommen sind. Auf ihren Schildern steht: „Ihr seid uns fremder als jeder Flüchtling.“ Zwischen ihnen stehen Polizisten.

Es ist der Montag, der Tag, an dem die Ereignisse in Chemnitz ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen. Der Himmel ist grau, doch die Luft ist warm, Menschen strömen entweder zur nahegelegenen Bühne, auf der prominente Bands ein Gratiskonzert spielen. Nur wenige verirren sich zu dem Kerzenmeer auf der Brückenstraße. „Es ist schade, dass so viele Menschen wegen des Konzerts kommen und nicht wegen dem, worum es eigentlich geht“, sagt ein junge Frau mit knallroten Haaren und vielen Piercings im Gesicht. Sie ist aus München angereist. „Es ging doch eigentlich darum, sich dem rechten Mob in den Weg zu stellen“, sagt ihr Freund. „Darum, zu zeigen, dass wir mehr sind und nicht die.“

Um den Tod des 35-Jährigen geht es schon lange nicht mehr. Vielleicht ist es nie um ihn gegangen. Und trotzdem hat er eine Lawine ins Rollen gebracht, die so auch schon über andere Städte hinweggefegt ist, über Dresden, Freital, Cottbus: Rechte Gruppierungen lassen die Lage eskalieren, skandieren ausländerfeindliche Parolen, beschimpfen Presse und Staat. Nach den ersten Medienberichten formieren sich Gegenproteste. Beide Seiten mobilisieren im ganzen Land Mitstreiter, um „ein Zeichen zu setzen“. Die Rechte schickt prominente Redner ins Rennen, die Linken organisieren Konzerte, Politiker fahren in die Stadt, um den demokratischen Kräften den Rücken zu stärken. Die Abläufe sind so ritualisiert, dass man die Frage stellen muss: Was hat das eigentlich noch mit Chemnitz zu tun?

Eine Antwort lautet: „Das hätte in jeder ostdeutschen Stadt in dieser Größe passieren können.“ Marco Wanderwitz, CDU-Abgeordneter und Staatssekretär im Innenministerium, kommt selbst aus Chemnitz. Die meisten seiner Mitbürger wollen mit Neonazis nichts zu tun haben, sagt er. „Die Aktionen waren vorbereitet, bei der AfD und auch bei den Rechtsextremen. Das hätte jederzeit losgehen können. In einigen Städten wäre vielleicht die Zivilgesellschaft schneller gewesen.“

„Es hat etwas mit Chemnitz zu tun, aber es hat auch nicht so viel mit Chemnitz zu tun.“ Susanne Rippl ist Soziologin an der TU Chemnitz und lebt seit 20 Jahren in der Stadt. Eine schlanke Frau mit grauen Haaren und großen Brillengläsern, die in der vergangenen Woche zum ersten Mal daran gezweifelt hat, ob sie wirklich den Rest ihres Lebens in Chemnitz verbringen möchte. Der Rechtsextremismus, sagt sie, sei in Ostdeutschland besonders hoch ausgeprägt. Auch in Chemnitz gebe es Strukturen, die solche Ausschreitungen begünstigen. Einerseits. Andererseits sieht sie auch eine „gezielte Inszenierung“.

„Die gesamte neurechte Bewegung, von der AfD bis zu den Hooligans, hat in Chemnitz eine Bühne gefunden“, sagt Rippl. Und sie haben sie optimal genutzt. Als am Montag nach der Tat 6000 Demonstranten, darunter viele Rechtsextreme und Hooligans, zusammenkamen, hatte ihnen die Polizei nichts entgegenzusetzen, die Stadt gehörte ihnen. Als am Samstag die AfD den Schulterschluss mit den radikalen Demonstranten in Chemnitz vollzog, gingen Bilder von Björn Höcke, Lutz Bachmann und den 8000 Demonstranten um die Welt.

Die Macht dieser Bilder ist nicht zu unterschätzen. „Es wird immer mehr möglich“, sagt Rippl. „Seit Pegida sickert das Gedankengut der neuen Rechten immer mehr in den Diskurs ein.“ Innerhalb der vier Jahre, die seit den ersten Märschen in Dresden vergangen sind, hat sich die politische Rechte so einen festen Platz im kollektiven Bewusstsein erobert – und erfolgreich die Grenze des Möglichen nach rechts verschoben. Jede Lawine, die losgetreten wird, erhöht automatisch das Eskalationspotenzial der nächsten.

„Die Professionalisierung der rechten Szene ist wesentlich stärker geworden“, sagt Thomas Hoffmann. Der 30-Jährige mit den tätowierten Unterarmen arbeitet beim Sächsischen Flüchtlingsrat, seit 15 Jahren treibt er sich in der „antifaschistischen Szene“ rum, da lernt man auch die Gegenseite ganz gut kennen. „Was wir hier erlebt haben, ist eine neue Dimension der Gewalt und Aggression.“ Am Tag des Konzertes steht er vor einem Stand des Flüchtlingsrates und erklärt Journalisten aus der ganzen Welt die Befindlichkeit der sächsischen Zivilgesellschaft. Doch dazu später mehr.

Erst soll noch Christin Furtenbacher zu Wort kommen. Ja, es habe schon immer ausländerfeindliche Tendenzen in der Stadt gegeben, sagt die 33-jährige Stadträtin (Grüne). Das bekomme man jeden Tag mit, beim Bäcker, in der Straßenbahn, sagt sie. „Doch erst seit Pegida haben die Leute den Mut, das auch auf breiter Bühne zu sagen.“

„Als die ganzen Rechten durch die Stadt marschiert sind, war das eine Stimmung wie bei Leuten, die gerade auf ein tolles Konzert gehen“, sagt sie. Das sei kein schönes Gefühl gewesen. Vor allem weil es doch gerade so gut läuft für die Stadt: Die Kassen sind voll, Chemnitz ist nicht mehr so grau wie es vor zehn Jahren noch war. Das richtige Konzert fand dann  eine Woche später statt. Die Chemnitzer Band Kraftklub lud viel Rock- und Pop-Prominenz in die Stadt und 65 000 Menschen kamen, um das Spektakel zu sehen und sich nebenbei noch auf die richtige Seite zu stellen. Die meisten von ihnen dürften keine Einheimischen gewesen sein, doch das waren viele der Demonstranten aus der Hooligan-Szene ja auch nicht.

Ein „größeres Zeichen für Demokratie“ nennt die Parteivorsitzende der Linken, Katja Kipping, das Konzert, einen „Moment der Ermutigung“. „Heute haben wir das Gefühl, dass wir mehr sind, aber das hat man in Sachsen nicht jeden Tag.“ Sachsens Wirtschaftsminister, Martin Dulig (SPD), ergänzt: „Viele Chemnitzerinnen und Chemnitzer, die auf dem Konzert waren, wissen auch, dass ein Konzert allein nicht ausreicht. Es war natürlich ein Symbol, aber auch Symbole sind notwendig.“

Und doch hat man den Eindruck, dass es nach zwei oder drei Wochen in Chemnitz wieder vorbei sein wird. Genauso wie es in Freital vorbei war, in Dresden und in Cottbus, oder viel früher in Rostock und Mölln. Die Lieder gegen Rechts sind gesungen, die Minister mit ihren betroffenen Mienen waren da, und vielleicht kommt auch noch die Kanzlerin. Wenn die Kameras abgebaut sind, bleibt eine Stadt zurück, die nicht nur eine Bluttat, die rechten Krawalle und einen brutalen Imageverlust zu verkraften hat, sondern die nach dem Erlöschen des letzten Scheinwerfers wieder alleine ist mit sich und ihren Problemen.

Die Rituale sind billig und eilig – egal, ob sie nun von der rechten oder der linken Seite oder von der Zivilgesellschaft vollzogen werden. Teuer ist es, die Schäden zu beheben und eine Vorsorge zu ergreifen, die den Ort der Tat und der Reaktion immunisieren könnte gegen eine neue Fahrt auf der Achterbahn des Hasses.

Zurück zu Thomas Hoffmann vom Sächsischen Flüchtlingsrat. Frage: Warum beginnt diese Schlacht der Symbole immer nur auf Initiative rechter Gruppen? „Weil sie darauf setzen, die Stadt in einen Ausnahmezustand zu versetzen“, sagt er. „Straßenschlachten und Hetzjagden auf Journalisten kommen für uns als Mittel nicht infrage.“ Und wie kommt man da wieder raus? „Ein erster Schritt wäre es, wenn die Landesregierung eingestehen würde, dass es überhaupt ein Problem gibt.“ Eine kurzfristige Lösung hat Hoffmann nicht. Er kann sie gar nicht haben. Sobald sich die Aufmerksamkeit einmal auf die Ausschreitungen richtet, da sind sich alle Gesprächspartner einig, muss es Gegendemonstrationen geben, sonst gibt man eine Stadt verloren.

„Aus der Landespolitik wird es massive Initiativen geben, mit den Chemnitzern im Gespräch zu bleiben. Das ist auch so eine Art Gruppentherapie“, sagt der CDU-Politiker Wanderwitz. Doch vielen reicht das nicht. „Was ich von der Politik hören will, ist: Wir haben eine Strategie, wie wir das Problem angehen“, sagt Hoffmann. Das Problem, auch da sind sich alle Gesprächspartner einig, kann nur an der Wurzel gepackt werden – durch besseren Gemeinschaftskundeunterricht, durch Erwachsenenbildung, Demokratieförderung und mehr Geld für Initiativen gegen rechts. „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Chemnitzer etwas blöd sind und Demokratieerziehung brauchen“, sagt Martin Dulig.