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| 07:19 Uhr

Analyse
Münster - ein Ort zum Nachdenken

Münster. Zwischen AfD und Friedenssuche - so politisch war schon lange kein Deutscher Katholikentag mehr. Das Fest mit seinen 90.000 Besuchern zeigt bei allen Zukunftssorgen aber auch, dass die Kirche lebt. Lothar Schröder

Zwischen AfD und Friedenssuche - so politisch war schon lange kein Deutscher Katholikentag mehr. Das fünftägige Fest mit seinen 90.000 Besuchern zeigt bei allen Zukunftssorgen aber auch, dass die Kirche lebt.

57.000 Hostien sind beim 101. Deutschen Katholikentag in den Eucharistiefeiern ausgeteilt worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass unter den Kommunionsempfängern auch viele Protestanten waren, ist hoch. So blieb ausgerechnet jene Handlung der Selbstkontrolle jedes Einzelnen überlassen, die für die deutschen Bischöfe zuletzt Anlass zum Disput und zu einer Beratungsreise nach Rom gewesen ist.

Groß zur Sprache kam die gemeinsame Kommunion für konfessionsverschiedene Paare nicht. Einmal aber doch, polemisch von Eckart von Hirschhausen: In der Rolle des Hofnarren beschwerte er sich bei Rainer Maria Kardinal Woelki vor großem Auditorium, dass er als evangelischer Christ und in konfessionsverschiedener Ehe lebend, nicht an der Eucharistie teilnehmen dürfe. Wo er seine Steuern doch der römisch-katholischen Kirche entrichte: "Geben Sie mir mit Freude eine Oblate oder geben Sie mir das Geld zurück." Der Kölner Erzbischof reagierte gelassen, indem er Hirschhausen versicherte, dass seine Steuern gut angelegt seien, störte sich aber an dem Begriff der Oblate: "Ich würde als katholischer Christ niemals von einer Oblate sprechen. Die Verwendung des Begriffs zeigt, das wir beide darunter etwas ganz anderes verstehen: Für mich ist die Eucharistie das Allerheiligste."

Woelkis Worte wirkten nach. Tags darauf entschuldigte sich Eckart von Hirschhausen öffentlich: Es tue ihm leid, sollte er mit dem Begriff der Oblate Gefühle von Menschen verletzt haben. Seine Absicht sei es gewesen, dass Christen das Signal einer Gemeinschaft aussenden sollten, angesichts großer Herausforderungen wie der Bewahrung von Schöpfung und Frieden.

Letzterer war in der Friedensstadt für ein paar Stunden dann doch gestört, mit dem schon zuvor lang und breit diskutierten Auftritt des kirchenpolitischen Sprechers der AfD, Volker Münz - mit erhitzten Gemütern, viel Trara und gar einer Demo von 1000 Leuten. Seit' an Seit' zogen antifaschistische Aktionsgruppen, Pfadfinder von St. Georg und Vertreter der Linkspartei zur Münsterlandhalle. "Auf Nazi-Propaganda gibts kein Recht" stand auf einem Transparent; und: "Wir suchen Frieden. Nicht die AfD."

Der Auftritt wurde dann auch für die Kirche zur Lehrstunde. Denn bei aller Dialogbereitschaft, die man wie eine Präambel als großes Ziel aller Diskus sionsteilnehmer anvisierte, blieb es meist bei Provokationen. Dass nach Meinung von Münz alle anderen Parteien mit ihrer Flüchtlingspolitik die Verantwortung dafür übernehmen müssen, dass hierzulande "islamistische Anschläge passieren, Messerstechereien und Vergewaltigungen stattfinden", konnte nicht unerwidert bleiben. Auch sein Diktum, dass Kirchenvertreter sich in keiner Weise in Politik einzumischen hätten, bedurfte der Korrektur. Dazu reichte in Münster allerdings der Verweis auf den Dom, in dem Kardinal von Galen (1878-1946) begraben liegt - ein "Kirchenvertreter", der unerschrocken Widerstand gegen die Nazis geleistet hatte.

Doch alle Argumente blieben letztlich Reaktionen. Das Podium arbeitete sich an der AfD ab. Trotzdem war es richtig, einen Vertreter der AfD auf dem Katholikentag auftreten zu lassen. So konnte man die Erfahrung machen, ein solches Experiment nicht unbedingt zu wiederholen. Katholikentage sind zwar immer auch Orte der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung, nicht aber der politisch-diskriminierenden und ausgrenzenden Selbstinszenierung.

Dabei ist Münster einer der politischsten Katholikentage seit Langem gewesen. Das ist ihm gut bekommen. Beim Abschlussgottesdienst gestern sagte Reinhard Kardinal Marx, dass in Münster kein Wohlfühlkatholizismus geboten wurde, der um sich selbst kreist. In Münster haben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel die richtige Bühne gefunden, Trumps Kündigung des Atomabkommens deutlich zu kritisieren und zugleich den Blick auf ein Europa zu lenken, das ohne ein Bündnis mit den USA künftig kaum in der Lage sein dürfte, seine weltpolitischen Aufgaben wahrzunehmen. Münster war kein Ort der Beschlüsse und scharfen Worte, sondern ein Platz des Nachdenkens. Das ist sein guter Geist.

Natürlich kann man sich in Münster spielend leicht mokieren und amüsieren über das allseits grassierende Gutmenschentum des Treffens. Über den Preacher Slam in der Petrikirche, über das Speed-Dating, bei dem man seinem Gegenüber in Windeseile den eigenen Glauben zu erklären versucht, oder auch über die beiden, fast 80-jährigen Don-Bosco-Schwestern aus Magdeburg, die am "Rassismuskritischen Stadtrundgang" teilnehmen. Doch was hält eine Gesellschaft wie unsere überhaupt noch zusammen? Wo sind sonst die Foren, auf denen Anregungen, Irritationen, auch Selbstvergewisserungen zu erleben sind? Wer Wertediskussionen nicht grundsätzlich für überholt und sinnlos hält, wird die Tage von Münster nicht hoch genug schätzen können - nicht nur, aber eben auch aus christlicher Sicht.

Aber auch Münster kann nicht über die großen Zukunftssorgen der katholischen Kirche hierzulande hinwegtäuschen, wie den inzwischen dramatischen Priestermangel. Dagegen gab es auf dem Katholikentag großflächige Plakatwerbung: "Priester werden ohne Abitur." Der Pfleger Marc Heilenkötter wird darauf als ein Berufener vorgestellt. Ein gefundenes Fressen für Eckart von Hirschhausen. Seine Vorwürfe an die Kirche: "Sie verschärfen den Pflegemangel und nehmen lieber Männer ohne Abitur als hochqualifizierte Frauen." Sicherlich, auch das war eine Polemik. Die Reaktion des Publikums ließ aber - dezent gesprochen - auf reichlich Wohlwollen für diese Sicht der Dinge schließen.