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| 20:10 Uhr

Geschichte der Auftragsmorde
Mit Nero hat es einst angefangen

Berlin. Politische Auftragsmorde haben eine lange Geschichte. Ob KGB oder CIA – sie gehören bis heute zum Arsenal vieler Herrscher. Von Michael Gabel

Laut dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus trug sich der erste politische Auftragsmord so zu: Roms Kaiser Nero war gerade frisch im Amt und wähnte sich von Feinden umgeben. Den größten Konkurrenten um die Macht sah er in seinem Stiefbruder Britannicus, denn dieser würde bald volljährig werden und war der leibliche Sohn des verstorbenen Kaisers Claudius. Also ließ Nero  ihn von einem Helfer bei einem Festmahl vergiften.

Ob diese Darstellung der historischen Wahrheit entspricht, ist unklar. Fest steht aber: Der Mord am politischen Gegner oder dem Konkurrenten um die Macht gehört seit jeher zum Arsenal vieler Herrscher. Opfer sind Rivalen und Kritiker. In letzter Zeit trifft es immer häufiger auch Journalisten, wie jetzt den saudischen Mitarbeiter der „Washington Post“, Jamal Khashoggi.

In zahlreichen Fällen der vergangenen Jahre führen die Spuren nach Russland. So gehen britische Ermittler davon aus, dass zwei russische Ex-KGB-Mitarbeiter den zum Westen übergelaufenen früheren Kollegen Alexander Litwinenko 2006 ermordeten. Sie sollen ihm bei einem Treffen in einer Londoner Hotelbar mit radioaktivem Polonium versetzten Tee zu trinken gegeben haben. Ein weiterer Überläufer, Sergei Skripal, überlebte im März dieses Jahres einen Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok im englischen Salisbury nur knapp. Russlands Präsident Wladimir Putin wies zwar in beiden Fällen eine Verantwortung weit von sich. Doch er sagt auch: „Die Verräter werden ins Gras beißen. Sie haben ihre Freunde betrogen, ihre Waffenbrüder.“

In der Sowjetunion, vor allem unter Stalin, waren politische Auftragsmorde nichts Ungewöhnliches. Der bekannteste Fall war der Tod des Stalin-Gegenspielers Leon Trotzki. Er ging 1937 nach Mexiko ins Exil, wo ihm drei Jahre später Ramon Mercader, Agent des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, einen Eispickel in den Schädel rammte. Der lange Arm der Sowjetunion reichte aber auch bis zum bulgarischen Geheimdienst, der in den 1970er-Jahren mehrere Regenschirm-Attentate auf Regimekritiker verübte. Bei der Attacke auf den Oppositionellen Georgi Markow im Jahr 1978 in London lieferte nach Angaben des früheren KGB-Generalmajors Oleg Kalugin der sowjetische Geheimdienst das Gift und die Kapsel, mit der der Regenschirm ausgerüstet war.

Doch auch der CIA war nicht untätig. Historiker machen den US-Geheimdienst für den Sturz und die Ermordung von Rafael Trujillo (Diktator der Dominikanischen Republik, 1961), Ngo Dinh Diem (Präsident Südvietnams 1963) und René Schneider (Militärchef in Chile, 1970) verantwortlich. Auf Kubas Staatschef Fidel Castro verübte der CIA nach Angaben von dessen Ex-Sicherheitschef Fabián Escalante 638 Anschläge – darunter einen mit vergifteten Zigarren. Einem Bruderzwist ähnlich wie im Römischen Reich fiel offenbar Kim Jong-nam, der ältere Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un, zum Opfer. Kim Jong-nam liebte den Luxus und lebte schon lange nicht mehr in seiner Heimat. Am 13. Februar 2017 wurde er auf dem Flughafen von Kuala Lumpur von zwei Frauen attackiert, die ihm den Nervenkampfstoff VX ins Gesicht spritzten. Kurze Zeit später starb Kim Jong-nam. Die malaysische Polizei ist sicher, dass zwei Männer die Frauen angeleitet haben, die mit dem nordkoreanischen Geheimdienst in Verbindung stehen.