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Beirut
Mit Kopftuch oder Minirock

Frank-Walter Steinmeier schwärmt im Libanon von der toleranten Gesellschaft des Landes. Studenten befragen den Bundespräsidenten eingehend zur Auseinandersetzung mit Israel und zu deutschen U-Boot-Lieferungen. Eva Quadbeck

An dem eckigen Tisch sitzen Vertreter 18 verschiedener Religionsgemeinschaften. Sie sind Sunniten, Schiiten, Christen, evangelisch, katholisch, orthodox. Sie alle sind im Libanon anerkannt und leben nicht immer miteinander, aber doch zumindest derzeit friedlich nebeneinander. Das Treffen der Männer in langen Gewändern und verschiedenen Kopfbedeckungen findet am Sitz des Großmuftis statt. Scheich Abdullatif Fayez Derian vertritt die muslimische Glaubensrichtung der Sunniten im Libanon.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der auf seiner fünftägigen Reise durch den Nahen Osten nach Jordanien nun im Libanon zu Gast ist, bescheinigt dem Land mit seiner toleranten Religionspolitik "Vorbildcharakter für die gesamte Region". Steinmeier ist das erste deutsche Staatsoberhaupt seit 120 Jahren, das den Libanon besucht.

Es sind nicht nur die Religionen und Konfessionen, die im Libanon gewaltfrei zusammenleben. Frauen können sich mit Kopftuch ebenso durch die quirlige Hauptstadt bewegen wie mit kurzen Röcken. Wobei die Kopftücher eindeutig in der Überzahl sind. Zwei Drittel der Bevölkerung sind Muslime.

Beirut gilt als das Paris des Nahen Ostens. "Sie hier im Libanon geben Anlass zur Hoffnung auf eine friedlichere Welt, wie sie sich auch Deutschland und meine Landsleute sehnlich wünschen", sagt Steinmeier vor den Religionsvertretern. Im realen Leben verbindet diese Männer nicht viel. Sie alle aber eint die Liebe Gottes, wie die meisten dem Bundespräsidenten sagen. Die religiöse Toleranz spiegelt sich auch in den politischen Machtverhältnissen wider. Die Bürgerkriege zwischen 1975 und 1990 konnten mit dem Kompromiss beendet werden, dass das Staatsoberhaupt immer ein Christ ist, der Regierungschef ein Sunnit und der Parlamentssprecher ein schiitischer Muslim.

Außer mit 18 Glaubensrichtungen muss der Libanon auch mit mehr als einer Million Flüchtlingen aus Syrien leben. Das kleine Land hat selbst nur vier Millionen Einwohner. Übertragen auf deutsche Verhältnisse wären das 20 Millionen Flüchtlinge hierzulande.

Der Libanon erhält viel internationale Unterstützung - nicht nur für die Versorgung der Flüchtlinge. Vor der Küste patrouillieren die Schiffe der Unifil-Mission. Mit einem Mandat der UN sind sie dafür zuständig, Schmuggel zu unterbinden und die Küste sicherer zu machen. Steinmeier besuchte auch die deutschen Soldaten, die an dem Einsatz beteiligt sind. Das Engagement der Blauhelme vor der Küste Libanons hat den positiven Nebeneffekt, dass die Libanesen und die Israelis einmal im Monat gemeinsam an einem Tisch sitzen müssen, um die Einsätze zu besprechen.

Vor dem Hintergrund, dass zwischen Israel und dem Libanon nie Frieden geschlossen wurde und es nur einen Waffenstillstand gibt, hat dieser Anti-Schmuggler-Einsatz in der Region vor allem stabilisierende Wirkung auf das Verhältnis der Nachbarn. Die Blauhelme sind so oder so in dem multikulturellen Land willkommen, dessen Freiheit durch die schärfer werdenden religiösen Auseinandersetzungen bei den Nachbarn bedroht ist. "Wir werden hier sehr geschätzt, weil wir zur politischen Stabilität beitragen", sagt der deutsche Kontingentführer Dirk Peters.

Solche friedenssichernden Missionen sind gerade in dieser Zeit umso wichtiger, da nach der Anerkennung Jerusalems als israelischer Hauptstadt durch die USA der arabisch-israelische Konflikt neu aufflammt. Bei seiner Rede vor Studenten der Beiruter Uni distanziert sich Steinmeier von der amerikanischen Entscheidung. "Unsere Position ist klar: Der endgültige Status von Jerusalem muss ebenso wie die anderen Schlüsselfragen des Konflikts im Rahmen einer Zweistaatenlösung zwischen den Parteien ausgehandelt werden, so mühsam und schwierig das auch ist", sagt er. Steinmeier bekam von der Beiruter Universität die Ehrendoktorwürde verliehen.

In seiner Rede lobt er noch einmal das Miteinander in dem kleinen, dicht besiedelten Land. "Beirut ist die Hauptstadt eines Landes, das auf die Akzeptanz des anderen setzt, auf die Fähigkeit, Konflikte zu überwinden, und schließlich auf die demokratische Tugend, Kompromisse schließen zu können." Das mache Beirut zu einer von allen Arabern geliebten Stadt, und diese Faszination strahle weit über die Grenzen des Nahen Ostens hinaus. Die Fragen der Studenten zielen dann aber doch sehr klar auf die Auseinandersetzung mit Israel und auf deutsche U-Boot-Lieferungen an den Feind. So sieht sich Steinmeier genötigt, die "Besonderheit" der deutsch-israelischen Beziehungen aufgrund der Nazi-Verbrechen zu betonten. Doch auch dafür bekommt er Applaus. Auch unter den Studenten im Libanon herrscht eben eine Vielfalt der Weltsichten.

In seiner Rede unternimmt der Bundespräsident auch einen Schlenker auf die innerdeutschen Debatten. Er beschreibt, wie mühsam es für Deutschland war, den demokratischen Kompromiss zu erlernen, und dass selbst heute die Fähigkeit zum Kompromiss keine Selbstverständlichkeit sei. "Das merken wir in diesen Tagen", sagt der Präsident, der seit dem Beginn seiner Amtszeit immer wieder die Zerbrechlichkeit der Demokratie thematisiert. Gewiss sei, sagt Steinmeier, je schneller sich die Gesellschaft verändere, je vielfältiger sie werde, desto schwerer falle es den Verantwortlichen, Brücken zu bauen. "Aber umso wichtiger ist es."