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| 17:27 Uhr

Parlamentswahl in Russland
„Mir geht es um Kennen und Verstehen“

Wirbt um Verständnis für Russland – und wird dafür gelegentlich auch angefeindet: Matthias Platzeck.
Wirbt um Verständnis für Russland – und wird dafür gelegentlich auch angefeindet: Matthias Platzeck. FOTO: Ralf Hirschberger
Delitzsch. Wer in Zeiten des Syrien-Kriegs und des Agententhrillers von Salisbury für mehr Russland-Verständnis wirbt, kriegt in der großen Politik wenig Beifall. Im Osten aber schon. Ein Abend mit Matthias Platzeck. Von Christine Keilholz

Der Osten ist näher an Russland. Wie diese Woche in Delitzsch. Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat geladen. Matthias Platzeck, Stargast an diesem Abend, sitzt vor einem vollen Saal. Gut 200 Gäste im Delitzscher Bürgerhaus sehen es wie er: Nur mit einer Annäherung an Russland ist der Frieden in Europa dauerhaft zu sichern.

Der Begriff „Russland-Versteher“ steht schon im Raum, bevor der ehemalige SPD-Chef und einstige Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck „Guten Abend!“ gesagt hat. Später wird er sagen, es sei für ihn „schon eine gefährliche Verschiebung der Koordinaten“, dass der Umstand, Russland zu verstehen, offenbar vorwerfbar ist.

Als Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Russischen Forums sieht Platzeck mit Sorge auf den „Scherbenhaufen“, den die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland gerade abgeben. Dabei gebe es „keine zwei Völker auf der Welt, die so eng verwoben sind wie Deutschland und Russland“, sagt Platzeck, „und das seit fast einem Jahrtausend“.

Wer mit der Mission, für Verständnis für Russland zu werben, durch den Osten der Republik zieht, bekommt dort mitunter mehr Zustimmung als ihm lieb ist. Ein Herr aus dem Publikum hat es satt, in den Nachrichten dauernd zu erleben, „wie Russland schamlos provoziert wird“. Er nennt Deutschland einen „Vasallen Amerikas“ und die Annexion der Krim eine „logische Schlussfolgerung daraus, dass die Nato so nah rangerückt ist“. Für einen Moment steigt die Temperatur im Saal. Platzeck kalibriert mit einer Aussage, die man von ihm kennt: Es gibt an Russland-Kritik keine Marktlücke. Und was Amerika betrifft: „Das Verhältnis zu Russland können wir uns nicht aussuchen. Das ist für Amerika anders.“ Denn da liegt der Atlantik dazwischen.

Platzeck, 64, war vor zwölf Jahren für ein halbes Jahr Bundesvorsitzender der SPD. Ein krankheitsbedingt kurzes Gastspiel, an das sich viele Genossen gern erinnern. Seit seinem Abtritt als Ministerpräsident von Brandenburg 2013 steht ihm der Russland-Versteher auf die Stirn gestempelt. Als solchen schätzen ihn die größtenteils älteren Gäste im Bürgerhaus, die auch aus Leipzig angereist sind.

Platzeck betont, es gehe ihm in erster Linie um „Kennen und Verstehen“. Das fängt schon bei der Perzeption von Politik an, die in Russland eine archaischere ist als im pragmatischen, emotionsfreien Deutschland. Ein Politiker, der im Urlaub ohne Hemd durch den Wald zieht und Bären jagt, würde hierzulande Probleme kriegen. In Russland aber muss ein Präsident so was machen, denn „er muss beweisen, dass er mehr zustande bringt als Akten von rechts nach links zu räumen“.

Aber es ist nicht nur die Stilistik, die das aktuelle Verhältnis stört. Der Krieg in Syrien, in den Russland als Kriegspartei eingegriffen hat, kommt in der Delitzscher Runde nur am Rande zur Sprache. Die Andersartigkeit der russischen Demokratie und der Präsidentschaftswahlen werden eben als Ausdruck der großen russischen Andersartigkeit hingenommen und nicht weiter debattiert.

Die Tische sind voll besetzt, etliche Teilnehmer berichten von persönlichen Beziehungen zu Russland. Der Abend ist ein Erfolg für den kleinen nordsächsischen Kreisverband der SPD. Veranstaltungen solcher Größe trommelt im ländlichen Sachsen sonst höchstens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zusammen – oder die AfD. Aber das Thema Russland-Politik zieht und provoziert an diesem Abend viele Fragen an den Ostpolitiker Platzeck. Wieso zum Beispiel seine Partei die russlandfreundliche Stimmung in der Bevölkerung nicht im Bundestagswahlkampf aufgegriffen hat. Die Antwort kommt mit einem Lächeln: „Martin Schulz wollte das Thema nicht.“

Der von Platzeck vertretene Kooperationsansatz in der Russland-Politik erntet unter Außenpolitikern und Russland-Experten viel Skepsis. Dafür sprechen die jüngsten Ereignisse. Als Ex-Außenminister Sigmar Gabriel sich Anfang des Jahres offen zeigte für eine Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland, antwortete Putin mit der Ankündigung, aufzurüsten.

Gabriels Nachfolger Heiko Maas (SPD) kündigte in seiner Antrittsrede am Dienstag dagegen einen harten Kurs gegen Russland an. Moskaus völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die andauernde Aggression gegen die Ukraine könne man nicht hinnehmen, sagte Maas. Im Koalitionsvertrag erklären sich CDU und SPD bei Umsetzung der Minsker Vereinbarungen zu einem Abbau der Sanktionen bereit.

Was die Sanktionen denn bringen, will ein Zuhörer in Delitzsch von Matthias Platzeck wissen. Darauf erzählt Platzeck von einer Milchviehanlage südlich von Moskau, die er kürzlich besuchte. Ein gigantischer Betrieb, der Moskau mit Milch versorgt, was früher europäische Lieferanten getan haben. Der Chef des Kuhstalls „sagt mir, er bete zu Gott und Putin, dass die Sanktionen noch eine Weile erhalten bleiben“. Außerdem hätten die Russen entdeckt, dass Tomaten aus Kasachstan besser schmecken als holländische. „Wenn die Sanktionen enden“, sagt Matthias Platzeck, „wird die russische Wirtschaft nicht mehr die sein wie vorher.“