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| 15:58 Uhr

Minister in Israel
Erinnern und den Menschen als Mensch sehen

 Dietmar Woidke (SPD, r), Ministerpräsident von Brandenburg, verleiht einen Verdienstorden an den Holocaust-Überlebenden Michael Goldmann-Gilead (92). Dahinter stehen Clemens von Goetze, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Israel, der Holocaust Überlebende Zwi Steinitz (v.r.n.l.), sowie die Delegation von Brandenburg.
Dietmar Woidke (SPD, r), Ministerpräsident von Brandenburg, verleiht einen Verdienstorden an den Holocaust-Überlebenden Michael Goldmann-Gilead (92). Dahinter stehen Clemens von Goetze, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Israel, der Holocaust Überlebende Zwi Steinitz (v.r.n.l.), sowie die Delegation von Brandenburg. FOTO: Corinna Kern / dpa
Yad Vashem. Brandenburgs Ministerpräsident hat besucht Yad Vashem und zeichnet Shoah-Überlebende aus Von Benjamin Lassiwe

Das Licht fällt spärlich in den dunklen Raum mit den Mauern aus großen, alten Steinen. Alles ist still. Aus der Dunkelheit löst sich ein Mann, tritt nach vorn, legt einen Hebel um. Eine Flamme lodert empor. So wie schon sein Vorgänger Matthias Platzeck steht der Brandenburger Ministerpräsident in der Halle der Erinnerung der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Zwei Kranzträger bringen einen Kranz nach vorn, legen ihn nieder. Woidke beugt sich nach vorn, ordnet die Schleifen. Für eine Schweigeminute steht er vor dem Blumengebinde.

Der Besuch in Yad Vashem, wo der Millionen Toten der Shoah gedacht wird, war einer der Höhepunkte des Israelbesuchs des Brandenburger Ministerpräsidenten. In einer Zeit, in der die Welt den Atem anhält, und angespannt auf den Konflikt zwischen Israel und dem Iran blickt und in der die antisemitischen Vorfälle in Deutschland so stark zunehmen, wie lange zuvor nicht mehr, bemüht sich der Brandenburger SPD-Politiker um Erinnerungskultur und Versöhnung. So schlossen das Land Brandenburg und Yad Vashem am Dienstag ein Abkommen über eine stärkere Zusammenarbeit in der Lehrerbildung. Brandenburger Pädagogen sollen Fortbildungen in Yad Vashem erhalten, zudem soll es regelmäßige Begegnungen zwischen Lehrkräften aus Deutschland und Israel geben. „Deutschland fühle sich besonders verpflichtet, nicht zuzulassen, dass die Wahrheit über die Verbrechen in Vergessenheit gerät“, sagte Ministerpräsident Dietmar Woidke in Yad Vashem. Die Geschichte des „unvorstellbaren Zivilisationsbruchs Holocaust“ lehre vor allem, den Menschen als Mensch zu sehen. „Das ist die Haltung, die wir in jedem Menschen stärken, die wir an unsere Kindeskinder vererben wollen.“

Bereits am Morgen hatte Woidke in der mondänen Residenz des deutschen Botschafters im Tel Aviver Vorort Herzliya drei Holocaust-Überlebende mit dem Verdienstorden des Landes Brandenburg ausgezeichnet. Die mittlerweile hochbetagten Zwi Steinitz, Emmie Arbel und Michael Goldmann-Gilead hatten sich in der Vergangenheit in Brandenburger Schulen und an der Fachhochschule der Polizei in Oranienburg als Zeitzeugen engagiert. Und auch am Dienstag fanden sie bewegende Worte, als ihnen Woidke das Emaillekreuz am rot-weißen Ordensband um den Hals legte. „Mein ganzes Leben war es das Wichtigste, Mensch zu sein“, sagte Zwi Steinitz, der der Hölle von Auschwitz entkam und auf einem Todesmarsch kurz vor Schwerin befreit wurde. „Ich kenne keinen Hass und keine Rachegefühle – und ich wünsche mir, dass die ganze Menschheit keinen Hass und keine Rachegefühle mehr hegt.“ Und der 92-jährige ehemalige Polizist Michael Goldmann-Gilead, der in Israel an den Vernehmungen des Kriegsverbrechers Adolf Eichmann beteiligt war, erinnerte sich daran, wie er 1958 erstmals dienstlich in Deutschland war. Damals fragte ihn die 18-jährige Tochter des Hauses, wie er denn Jude sein könne. Er sehe doch gar nicht so aus wie einer. „Es stellte sich heraus, dass sie nie einen Juden gesehen hatte – sie kannte nur die Karrikaturen aus dem Stürmer“, sagte Goldmann-Gilead. Damals habe er sich entschlossen, nach Deutschland zu fahren, und mit den dortigen Jugendlichen zu reden. Was er von dem Aufkommen von Rechtspopulisten und den neuen antisemitischen Vorfällen in Deutschland halte? „Deutschland ist ein demokratischer Staat – und wer es will, kann auch ein Idiot sein.“