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| 18:32 Uhr

In Paris weckt die Tat traurige Erinnerungen
Der Terror kehrt nach Paris zurück

Polizisten sichern nach einem Messerangriff am Samstag im Zentrum von Paris den Tatort.
Polizisten sichern nach einem Messerangriff am Samstag im Zentrum von Paris den Tatort. FOTO: dpa / Han Bing
Paris. Ein Mann tötet bei einem Messerangriff in Paris einen Passanten und verletzt vier weitere. Von Christine Longin

Hayfa geht auf ihren Balkon, als sie am Samstagabend kurz vor 21 Uhr Lärm auf der Straße hört. Die junge Frau denkt an einen Streit, wie er in ihrem beliebten Ausgehviertel rund um die Pariser Garnier-Oper häufiger vorkommt. „Doch als ich einen Mann voller Blut sah, wusste ich, dass es eine Gefahr gab“, sagt sie dem Fernsehsender BFMTV. Der Mann, von dem Hayfa spricht, greift in ihrem Straßenzug voller Bars und Restaurants fünf Passanten mit dem Messer an und ruft dabei „Allahu Akbar“. Ein 29-Jähriger stirbt, ein 34-jähriger Luxemburger und eine 54-jährige Französin werden schwer verletzt, bevor die Polizei den Angreifer erschießt. Der 20-Jährige geht frontal auf die Beamten zu und ruft: „Los, schießt. Ich werde euch töten.“  Ein Polizist versucht, den Angreifer mit einer Elektroschock-Waffe außer Gefecht zu setzen, bevor sein Kollege die tödlichen Schüsse abfeuert. Vom Anruf bei der Polizei bis zum Tod des Attentäters dauert es nur neun Minuten.

Auch wenn der Attentäter keine Papiere bei sich hat, ist seine Identität schnell geklärt: Es handelt sich um Khamzat A., einen gebürtigen Tschetschenen, der 2010 die französische Staatsbürgerschaft bekam. Er wuchs in Straßburg auf, das eine große tschetschenische Gemeinde hat. Der bärtige Mann mit dichten Augenbrauen gehörte zu den rund 20 000 Menschen, die in Frankreich den Sicherheitsvermerk „S“ tragen. „Er hatte keinen sehr langen Bart und war normal angezogen. Er entsprach also nicht dem klassischen Bild eines Dschihadisten“, sagt der 34-jährige Romain, der sich mit Frau und Kind in einem Café versteckte, im TV.

Dennoch galt A., dessen Tat die Terrormiliz Islamischer Staat für sich reklamiert, seit 2016 als Sicherheitsrisiko. Er hatte Kontakt zum Ehemann einer Französin, die sich als Kämpferin auf den Weg nach Syrien gemacht haben soll. Er soll in Straßburg zu einer Gruppe gehört haben, die radikale Tendenzen zeigte, und deshalb im Frühjahr 2017 von einer Anti-Terror-Einheit der Kriminalpolizei verhört worden sei. „Für uns war Khamzat A. im unteren Spektrum angesiedelt: Nichts rechtfertigte, dass wir ihn näher beobachteten“, werden Sicherheitskreise zitiert.

 Direkt nach dem Attentat begann eine neue Debatte über den Umgang mit mutmaßlichen Islamisten, die im Radar der Sicherheitsbehörden sind. Die Chefin des rechtspopulistischen Front National, Marine Le Pen, schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter: „Was nützt der Sicherheitsvermerk, wenn nicht dazu, diese Zeitbomben auf französischem Boden zu entschärfen.“ Die frühere Präsidentschaftskandidatin fordert seit Langem die Ausweisung aller ausländischen Terror-Verdächtigen.

 Der Chef der konservativen Republikaner, der Rechtsaußen Laurent Wauquiez, setzt sich für die vorbeugende Inhaftierung ein. Rein juristisch ist das allerdings nicht möglich, da die Betroffenen nicht verurteilt wurden. Das stellte der Staatsrat als oberstes Verwaltungsgericht bereits nach den ersten Anschlägen 2015 klar. „Es gibt kein Null-Risiko und diejenigen, die behaupten, dass aus dem Hut gezauberte Lösungen das Problem regeln, lügen“, sagte Regierungssprecher Benjamin Griveaux.

Angriffe wie der in Paris sind besonders schwer zu verhindern. „Ein solches Attentat kann überall in Frankreich passieren. Man sieht, wie einfach die Waffe war“, sagte Innenminister Gérard Collomb nach einer Krisensitzung. Im Falle von A. war es ein Küchenmesser mit zehn Zentimeter langer Klinge, das er aus dem Haushalt seiner Eltern entwendete.

In Paris weckt die Tat traurige Erinnerungen an die Anschlagsserie im November 2015, als mehrere Terrorkommandos das Stade de France, mehrere Bars und den Konzertsaal Bataclan angriffen. 130 Menschen starben, darunter viele junge Leute unter 30. „Frankreich bezahlt erneut Blutzoll, weicht aber nicht einen Zentimeter vor den Feinden der Freiheit zurück“, twitterte Emmanuel Macron, der das Wochenende in seiner Ferienresidenz im südfranzösischen Fort Brégançon verbrachte.

 Für den Präsidenten ist es nicht der erste Anschlag seiner Amtszeit. Im Oktober 2017 erstach ein Attentäter  in Marseille zwei Frauen nach einem ähnlichen Muster wie A. Im März starben bei einem doppelten Anschlag im südfranzösischen Carcassonne und in Trèbes vier Menschen, darunter der Offizier Arnaud Beltrame, der sich im Austausch für eine Kassiererin freiwillig in die Hände des Attentäters begeben hatte.