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Mauerfall vor 28 Jahren
Wessis sind nicht neugierig genug

Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989. Die historische Sensation vom 9. November 1989 hat sich bei vielen Deutschen eingebrannt und ist jetzt schon 28 Jahre her.
Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989. Die historische Sensation vom 9. November 1989 hat sich bei vielen Deutschen eingebrannt und ist jetzt schon 28 Jahre her. FOTO: Wolfgang Kumm / dpa
Berlin. Als die Mauer fiel, gab es überschäumende Freude über die offenen Grenzen. Wie ist heute das Befinden der Deutschen?

Die historische Sensation vom 9. November 1989 hat sich bei vielen Deutschen eingebrannt und ist jetzt schon 28 Jahre her. Nun kocht die Ossi-Wessi-Debatte, die viele längst überwunden glaubten, neu hoch. Einen Stein ins Wasser geworfen hat dabei der Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger.

Er sagt, die westdeutschen Eliten dominierten bis heute den Osten. Das werde als „kultureller Kolonialismus“ erlebt, so der einstige DDR-Bürgerrechtler in der „Berliner Zeitung“. Er bezieht sich auf eine Studie und sieht eine wachsende Entfremdung von staatlichen Institutionen und Demokratie.

Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur widerspricht vehement. Die Unterscheidung in Ossi und Wessi sei zum Klischee verkommen, das aber gern fürs Eliten-Bashing benutzt werde, erregt sich Geschäftsführerin Anna Kaminsky. Damit werde eine Debatte von gestern angeheizt, die heutige Ressentiments im Osten nur verstärke.

„Die Herkunft wird vor allem dann zum Problem stilisiert, wenn Erwartungen enttäuscht werden und die allgemeine Unzufriedenheit zunimmt“, sagt Kaminsky. Wie widersprüchlich das sei, habe die Bundestagswahl gezeigt. Die AfD wurde im Osten zweitstärkste politische Kraft – eine Partei, die mit zwei westdeutschen Spitzenkandidaten antrat, wie Kaminsky zu bedenken gibt.

Die Stiftung sieht eine zunehmende Verklärung der Vergangenheit – bei Ost- und Westdeutschen gleichermaßen. „Der weichzeichnende Blick in die Vergangenheit ist eine Reaktion auf die allgemeine Verunsicherung der Gegenwart“, schätzt Kaminsky ein.

Laut Statistischem Bundesamt lebten 2015 von knapp 82,2 Millionen Bürgern 16,1 Millionen in den ostdeutschen Ländern und Berlin. Es gebe noch systematische Unterschiede zu Westdeutschland, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer jüngsten Videobotschaft. Deshalb werde es auch künftig „eine spezifische Förderung“ für die neuen Bundesländer geben, verspricht die CDU-Politikerin. Die Besonderheiten der Ost-Länder müsse man weiter im Auge haben – etwa in puncto Steuereinnahmen oder Arbeitslosigkeit.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) pflichtet ihr bei. Die Angleichung der Lebensverhältnisse sei weiter ein Thema. Die Förderung müsse neu ausgerichtet werden, viele Instrumente seien „ausgelutscht“.

Die Deutschen seien nicht neugierig genug aufeinander, findet ein CDU-Politiker aus Niedersachsen, der 1990 nach Magdeburg kam. Rainer Robra ist dort Chef der Staatskanzlei und sagt, dass viele West- und Ostdeutsche im jeweils eigenen Milieu verharrten. Es kränke ihn, „dass der durchschnittliche Westdeutsche so wenig Interesse für uns hat“.

Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) nimmt kein Blatt vor den Mund: Eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Nachwendezeit, den Schicksalsumbrüchen und Hoffnungen der Ostdeutschen gebe es kaum noch. „Tat man es dennoch, war man sofort Jammer-Ossi oder DDR-Nostalgiker.“ Ihre Mahnungen hätten die Genossen auf Bundesebene aber ignoriert, so Köpping. Sie seien im Wahljahr 2017 eher mit ihren Träumen von der Kanzlerschaft befasst gewesen. „Das machte die Leute erst recht wütend, oder es machte sie stumm.“

In Westdeutschland gebliebene Westdeutsche hätten keinen Schimmer über die Umbrüche im Osten, befindet Köpping. Niemand habe Probleme wirklich ernst genommen, niemand die Lebensgeschichten gewürdigt. „Niemand hat zugehört. Das ist bei vielen Menschen eine Kränkung, die bis heute wirkt.“

Auch die Besetzung von Führungspositionen mit Westdeutschen sei für viele „ein Stachel der Demütigung im Fleisch“ gewesen. Die meisten Ostdeutschen hätten damals mangels Eigenkapital keine Kredite bekommen. Köpping erinnert an die, denen unnütze Versicherungen aufgeschwatzt und schrottreife Gebrauchtwagen überteuert angedreht, denen Immobilien oder antike Möbel für wenig Geld abgeluchst wurden. „Und während man sich selbst beim Verlieren zusah, schienen andere zu gewinnen.“

Die innere Einheit der Deutschen kommt seit 2011 nach einer Forsa-Umfrage vom September nur in Mini-Schritten voran. Nur jeder zweite denkt demnach, dass die Menschen zusammengewachsen sind. Im Osten meinen 55 Prozent, dass das Trennende überwiege, im Westen sind es 45 Prozent.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, findet das Ost-West-Denken wenig hilfreich. Unterschiedliche Erfahrungen sollten jedoch respektiert werden. „Es fällt aber vielen noch immer schwer, sich im vereinten Deutschland mit dem gemeinsam Geschaffenen zu identifizieren. Daran sollten wir arbeiten und nicht immer wieder reflexartig die Herkunft als Schablone benutzen.“

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sieht indes die Gefahr, dass die gefühlte und reale Benachteiligung der Ostdeutschen Nährboden für rechtsextreme Einstellungen sein könnte.

(dpa)