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| 08:49 Uhr

Gesellschaftskunde
Manche Entscheidungen tun einem später leid. Reue aber verstärkt die Enttäuschung.

Es gibt die banalen Reuemomente. Wenn man nach dem üppigen Frühstück an Ostern zum Spaziergang aufbricht und kurz denkt, dass diese hübsch verzierten Eier auch ein optischer Genuss hätten bleiben können. Man bereut dann kurz, fühlt sich ein bisschen schuldig - und lässt es damit gut sein. Als habe eine kleine Dosis schlechten Gewissens, eine kleine Missstimmung, die man sich selbst zufügt, das, was man für einen Fehler hält, getilgt. Natürlich ändert das nichts am Verhalten. Man wird bei nächster Gelegenheit in dieselbe Falle geraten. Und so ist das nun mal mit den kleinen Sünden des Alltags, die viel mit Lebensfreude zu tun haben. Aber es gibt die Reue ja auch im Großen. Beim Blick auf das eigene Leben, auf Entscheidungen, auf Schicksalsschläge und die eigenen Reaktionen darauf. Und da sind die Mechanismen ähnlich. Etwas Vergangenes zu bereuen, sättigt die Erinnerungen mit Traurigkeit und oft auch Selbstmitleid. Etwas ist nicht so gekommen, wie man es erwartet hatte, etwas hat sich nicht so gefügt, wie man gehofft hatte, und nun schmerzt das auch noch in der Gegenwart. Hätt ich nur! Diese Formel kann sich festsetzen im Kopf und zum Echo werden beim Gedanken an Episoden des eigenen Lebens. Doch meist ändert dieses Bereuen nichts. Man dringt gar nicht vor bis zu den Ursachen, und allein das hätte ja Erkenntnisgewinn. Stattdessen bleibt es bei negativen Gefühlen, mit denen man sich quält. Doch sie verhindern, dass man die Wirklichkeit zulässt, anerkennt, was gewesen ist und den eigenen Anteil daran sieht. Damit die Ohnmachtsgefühle verfliegen können und der schöne Lebenstrotz zurückkehrt, mit dem schon Édith Piaf ihre Hymne gegen das Bereuen schmetterte. Kann erleichternd sein, wenn aus einem "Hätt ich nur" ein "Hab ich so gemacht" wird.

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(RP)