Sechs Jahre, vier Premierminister: Das ist die aktuelle Bilanz in Großbritannien seit dem Brexit. Nachdem das Land mit einer knappen Mehrheit für den Ausstieg aus der EU gestimmt hat, ist es ins politische Chaos gefallen. Es folgten Rücktritte, Neuwahlen, noch mehr Rücktritte. Die aktuelle Premierministerin, Liz Truss, ist keine sechs Wochen im Amt – und schon tritt sie zurück. Sie ist damit die am kürzesten amtierende Premierministerin jemals.
Wie geht es in Großbritannien jetzt weiter? Stehen Neuwahlen an?

Liz Truss tritt zurück

Liz Truss trat am 20. Oktober 2022 als Premierministerin zurück. In der kommenden Woche soll ein neuer Regierungschef bestimmt werden.
Es ist damit mit Abstand die kürzeste Zeit, die ein Premierminister in Großbritannien jemals regiert hat. Den aktuellen Rekord hält George Canning aus dem Jahr 1827, der 119 Tage nach seinem Amtsantritt plötzlich starb.

Chaos in Großbritannien: Wer wird der neue Premierminister?

Wer also kommt danach? Aktuell werden drei Namen öffentlich als potentielle Nachfolger gehandelt: Rishi Sunak - der im Sommer bei der Abstimmung gegen Truss unterlegen war -, der aktuelle Finanzminister Jeremy Hunt oder die Parlamentsvorsitzende Penny Mordaunt.

Könnte es in Großbritannien Neuwahlen geben?

Die Forderung der Oppositionsparteien lautet schon länger: Es braucht Neuwahlen. Doch sind diese nicht besonders wahrscheinlich, was mit dem britischen Wahlsystem zusammenhängt.
In Großbritannien finden Wahlen mindestens alle fünf Jahre statt. Die Partei, die den Premierminister stellt, kann aber im Grunde jederzeit eine Wahl ausrufen. 2019 fand die letzte Parlamentswahl statt, die nächste müsste also spätestens 2024 abgehalten werden. Die Tories haben aktuell kein Interesse daran, eine vorgezogene Wahl auszurufen – denn in den Umfragen sieht es für sie sehr schlecht aus. Eine neue Umfrage prognostiziert, dass die Konservativen 28 Prozent der Stimmen bekommen würden, die Labour käme auf 43 Prozent. Für die Tories wäre das das schlechteste Ergebnis seit 1906. Da die Konservativen also die einzigen sind, die Wahlen ausrufen können, werden sie es so lange wie möglich hinauszögern. 2019 gewannen sie eine satte Mehrheit mit 43,6 Prozent der Stimmen – diese wollen sie so schnell nicht wieder aufgeben.
Für die Tories geht es also um die richtigen Zeitpunkt. Warten sie zu lange, könnten sie auch gerade deswegen von den Wählern und Wählerinnen abgestraft werden. Und es geht um den richtigen Spitzenkandidaten. Eines steht wohl schon fest: Mit Liz Truss gehen sie nicht ins Rennen.