Von Michael Gabel

Jessica und Armin Geißdörfer haben alles probiert – von der künstlichen Befruchtung bis zur Adoption. Doch nichts hat geholfen. Am Ende ist es eine Leihmutter aus der Ukraine, die dem Paar aus einer Gemeinde bei Nürnberg zu seinen beiden Kindern verhilft.

Auf die Idee sei sie durch eine TV-Dokumentation gekommen, sagt Jessica Geißdörfer, die über ihre Erfahrungen das Buch „Die Wunschkinder“ geschrieben hat. Gut 20 000 Euro zahlte das Paar an die Agentur für den ganzen Prozess von der Anbahnung des Kontakts über die künstliche Befruchtung im Rea­genzglas bis zur Geburt. Ein schlechtes Gewissen hat die 32-Jährige nicht. Immerhin habe die Leihmutter 11 000 Euro bekommen. „Das ist in der Ukraine sehr, sehr viel Geld.“

Viele deutsche Paare sind verzweifelt, weil sie auf natürliche Weise keine Kinder bekommen können. Sie suchen dann Hilfe bei der Fortpflanzungsmedizin. Doch dort gibt der Staat enge Grenzen vor. So sind in der Bundesrepublik weder die Eizellspende erlaubt noch die Leihmutterschaft, also das Verleihen der eigenen Gebärmutter für eine fremde befruchtete Eizelle.

Die FDP will das ändern und fordert neben der Möglichkeit, Eizellen und Embryonen zu spenden, auch eine begrenzte Freigabe der Leihmutterschaft. Die Partei sieht sich im Einklang mit Experten etwa des Deutschen Ethikrats, die ebenfalls eine Liberalisierung fordern. Da andere Länder die Leihmutterschaft wesentlich großzügiger geregelt haben als die Bundesrepublik, hat sich unter anderem in die Ukraine ein regelrechter Fortpflanzungs-Tourismus entwickelt. Offizielle Zahlen liegen nicht vor, aber Schätzungen reichen bis zu jährlich mehreren Tausend Kindern, die im Auftrag deutscher Wunscheltern von Leihmüttern im Ausland ausgetragen werden.

Doch das bringt erhebliche juristische Probleme mit sich. So ist die rechtliche Mutter stets die Frau, die das Kind in ihrem Körper hat heranwachsen lassen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ändert daran auch die Erklärung über den Verzicht auf die Elternrechte nichts, die Leihmütter direkt nach der Geburt abgeben.

Damit der Säugling überhaupt außer Landes gebracht werden darf, benennt die Leihmutter als Vater üblicherweise ihren Auftraggeber, und zwar unabhängig davon, ob dessen Spermien bei der Zeugung überhaupt verwendet wurden oder die eines Samenspenders. Auch in der Heimat erwartet die „Wunschmutter“ ein langes bürokratisches Hin und Her, bevor sie im günstigsten Fall das Kind adoptieren darf. Sie bleibt aber die Stiefmutter.

Noch schwieriger ist die Situation der Kinder. Werden sie älter und haben Fragen zu ihrer Geburt und Abstammung, fällt die Auskunft zwangsweise unbefriedigend aus. Schauen sie in die Geburtsurkunde, merken sie schnell, dass mit ihrer Herkunft irgendetwas „nicht stimmt“.

Beim Bundesverband der Standesbeamten plädiert man auch deshalb für eine Gesetzesänderung. „Wenn Paare kein Kind bekommen können, ist es aus humanitären Gründen akzeptabel, ihnen die Möglichkeit der Leihmutterschaft auch in Deutschland zu eröffnen“, sagt Verbandspräsident Jürgen Rast. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert ebenfalls eine Reform. Dort sieht man Regelungsbedarf vor allem für den rechtlichen Status der Kinder, wie es in einer kürzlich veröffentlichten Erklärung heißt.

Derzeit ist die künstliche Befruchtung von Leihmüttern verboten. Ärzte, die den Eingriff vornehmen, müssen mit bis zu drei Jahren Haft rechnen. Sanktioniert wird darüber hinaus, Ersatzmütter zu vermitteln sowie öffentlich nach ihnen zu suchen oder sich selbst anzubieten. Die FDP-Rechtsexpertin Katrin Helling-Plahr will diesen Zustand ändern. Sie dringt darauf, die „nichtkommerzielle Leihmutterschaft in engen Grenzen“ – beispielsweise durch Bekannte oder Verwandte – zu erlauben.

Auf Unterstützung aus der Koalition kann die FDP-Politikerin kaum zählen. Zwar spricht die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, von „hohem Reformbedarf, um die erheblichen Rechtsunsicherheiten zu beseitigen“. Sie fordert bei Leihmutterschaften klare Regeln zur elterlichen Sorge, zu Unterhaltsansprüchen und zur Staatsangehörigkeit, wie sie dieser Zeitung sagt. Von einer auch nur begrenzten Zulassung der Leihmutterschaft hält sie jedoch nichts. Ähnlich sieht man es in der Union sowie bei Linken und Grünen. Es dürfe nicht sein, „dass Frauen unter Druck gesetzt werden oder ihre soziale Situation ausgenutzt wird“, sagt die Familienexpertin der Linken-Fraktion, Katrin Werner. Die Grünen-Gesundheitsexpertin Kirsten Kappert-Gonther, fordert immerhin „klarere Regeln für im Ausland von einer Leihmutter geborene Kinder“.

Die Geißdörfers haben inzwischen die meisten bürokratischen Hürden genommen. Irgendwann, so sagt es Jessica Geißdörfer, wollen sie ihren jetzt gut zwei Jahre alten Zwillingen erklären, woher sie stammen. „Ihr seid in einem fremden Bauch gewachsen. Aber wir sind eure Eltern“, werden sie dann sagen. Und es wird sich fast normal anhören.