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| 15:02 Uhr

Pflegenotstand
Lausitzer Kliniken zwischen Personalnot und dem Spahn-Gesetz

 Eine anspruchsvolle Arbeit – Krankenschwestern betreuen in einem Krankenhaus einen Patienten auf einer Intensivstation.
Eine anspruchsvolle Arbeit – Krankenschwestern betreuen in einem Krankenhaus einen Patienten auf einer Intensivstation. FOTO: dpa / Patrick Seeger
Cottbus. Die vom Gesundheitsminister initiierten Veränderungen im Pflegebereich fordern den Lausitzer Kliniken und deren Beschäftigten einiges ab. Von Andreas Blaser

Viele Kliniken, ob groß oder klein, haben fast überall in Deutschland ein ähnliches Problem: Es fehlt an Pflegern – und die vergleichsweise wenigen, die da sind, müssen zahlreiche Überstunden machen und extrem flexibel sein. Darunter leiden letztlich auch die Patienten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) reagiert auf diese Misere unter anderem mit dem Pflegepersonal-Stärkungsgesetz. Die RUNDSCHAU hat in großen Kliniken der Region nachgefragt.

Wie ist die derzeitige Lage in den Lausitzer Kliniken?

  Jens Spahn droht den Kliniken mit dem Abbau von Betten, wenn sie nicht genug Personal haben.
Jens Spahn droht den Kliniken mit dem Abbau von Betten, wenn sie nicht genug Personal haben. FOTO: dpa / Gregor Fischer

Während die Verantwortlichen im Kreiskrankenhaus Weißwasser erst die Ausgestaltung des Gesetzes und die Pflegesatzverhandlungen für eine konkrete Bewertung der Situation abwarten möchten, sieht der Geschäftsführer der Lausitz Klinik Forst sein Haus im Moment, auch im Vergleich zu Krankenhäusern, in anderen Regionen recht gut aufgestellt. Hans-Ulrich Schmidt: „Bei uns ist nur die Geriatrie von dem Gesetz betroffen. Dort und insgesamt bei uns im Krankenhaus haben wir einen auskömmlichen Stellenschlüssel und liegen teils sogar deutlich über der Mindestbesetzungsquote.“

Für das Klinikum Niederlausitz mit seinen zwei Standorten Senftenberg und Lauchhammer erläutert dessen Geschäftsführer, Uwe Böttcher: „Im Bereich der Kardiologie werden 19 zu belegende Betten mit zwei Pflegekräften im Frühdienst, zwei Pflegekräften im Spätdienst und einer Pflegekraft im Nachtdienst beplant. Damit werden die Untergrenzen gut eingehalten.“ Ähnlich sehe es in den anderen von den Untergrenzen betroffenen Bereichen der Unfallchirurgie und Geriatrie aus. „Auch hier werden die Untergrenzen eingehalten“, versichert Böttcher.

„In unserem Haus sind derzeit alle Stellen zur unmittelbaren Patientenversorgung im Pflegebereich besetzt und auch in den pflegesensitiven Bereichen sind die Pflegepersonaluntergrenzen nicht erst seit Jahresbeginn erfüllt“, erklärt für das Lausitzer Seenland Klinikum Hoyerswerda dessen Sprecher Gernot Schweitzer.

Wie sieht es mit Überlastungsanzeigen aus?

Das schließt aber Probleme im täglichen Klinikalltag nicht aus. Ein Instrument der Beschäftigten, um darauf zu reagieren, sind Überlastungsanzeigen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die auch in Lausitzer Kliniken die Interessen der Beschäftigten vertritt, begründet den Sinn dieser Anzeigen damit, dass „in vielen Branchen die ,Wirtschaftlichkeit‘ von Unternehmen mit Personalabbau und unbesetzten Stellen erkauft wird“. Der Alltag des Personals sei von wachsendem Leistungs- und Verantwortungsdruck geprägt. „Aufgrund massiver Überlastung kann es zu Sach- oder Personenschäden durch die Beschäftigten kommen. Dies kann zu arbeits-, straf- oder zivilrechtlichen Konsequenzen führen“, konstatiert Verdi. Eine Überlastungsanzeige biete Beschäftigten die Möglichkeit, auf die unter Umständen personengefährdende Situation aufmerksam zu machen und sich bei etwaigen Haftungsansprüchen entlasten zu können.

 Pflegedirektorin Andrea Stewig-Nitschke ist im CTK verantwortlich für rund 1350 Pflegerinnen und Pfleger.
Pflegedirektorin Andrea Stewig-Nitschke ist im CTK verantwortlich für rund 1350 Pflegerinnen und Pfleger. FOTO: CTK / Ben Peters

Die Pflegedirektorin des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums, Andrea Stewig-Nitschke, nennt für das Kalenderjahr 2017 für das gesamte Krankenhaus die Zahl von rund 100 Überlastungsanzeigen. Im vergangenen Jahr sei diese Zahl aber niedriger gewesen. Gemeinsam mit dem Betriebsrat habe man ein Bearbeitungsschema entwickelt, um mögliche Probleme zu lösen, womit man aber auch signalisiere, dass man das Thema ernst nimmt.

In Senftenberg und Lauchhammer, sagt Klinikum-Geschäftsführer Böttcher dazu, „wird geschaut, ob organisatorisch nachgeschärft werden muss, ob die Situation durch Ausfallsituationen oder nicht besetzte Stellen zu Stande gekommen ist“. Im Vergleich zu 2017 sei die Anzahl der angezeigten Überlastungen im Jahr 2018 rückläufig gewesen.

Der Geschäftsführer der Forster Klinik hat bei Überlastungsanzeigen nicht nur die Beschäftigtenseite im Blick. Einerseits seien sie ein Mittel, um auf Personalprobleme aufmerksam zu machen. Jede Anzeige wird ernst genommen und dem nachgegangen. Andererseits müsse man auch immer wieder hinterfragen, ob nicht auch andere Probleme dahinter stecken. „Zudem kommt es vor, dass bei Überlastungsanzeigen die Sicht von Beschäftigten und die der Unternehmensleitung unterschiedlich sind“, sagt Schmidt. Auch fehle es manchmal langjährig Beschäftigten häufig am Vergleich, wie gut oder wie schlecht die Personalsituation in anderen Kliniken sei. Ein  nicht zu unterschätzender Aspekt bei Vergleichen sei, wo jemand vorher gearbeitet habe. Schmidt: „Kommt jemand aus einem Zweier- in ein Viererteam, ist alles super.“ Komme jemand aus einem Sechser- in ein Viererteam, wird die Arbeit sicher als Stress und Belastung empfunden.

Was bringen Personaluntergrenzen oder der Pflegequotient?

Im Cottbuser CTK gelten für die Bereiche Geriatrie, Unfallchirurgie, Kardiologie sowie die Intensivmedizin beziehungsweise -station bereits die Personaluntergrenzen. Die Neurologie kommt laut Stewig-Nitschke in Kürze hinzu. Brandenburgs größtes Krankenhaus arbeitet dann in allen vom Gesetz bislang abgedeckten Bereichen mit der geltenden Personaluntergrenze. „Innerhalb des seit Juli vergangenen Jahres laufenden Projekts Zukunft Pflege ist die Personaluntergrenze ein Teilprojekt“, erläutert die Pflegechefin. In diesem Zusammenhang komme den Leitern der einzelnen Teams große Bedeutung zu, da sie das Personal in den einzelnen Stationen so aufstellen müssen, dass sie auch in sich gut organisiert sind. Da spielt natürlich Stabilität, aber auch Flexibilität eine große Rolle. Das will Stewig-Nitschke nicht wegdiskutieren, sie erklärt aber auch, dass das CTK mit einem Pool-System gute Erfahrungen gemacht hat. Gleichzeitig ist sie aber auch dagegen, de facto jeden Beschäftigten für jede Tätigkeit einzusetzen.

 Hans-Ulrich Schmidt führt die Geschäfte der Lausitz Klinik in Forst.
Hans-Ulrich Schmidt führt die Geschäfte der Lausitz Klinik in Forst. FOTO: Katrin Kunipatz

Was machen die Kliniken für ihre Beschäftigten und bilden sie auch genug aus?

Lausitz-Klinikum-Chef Schmidt sieht in seinem Haus im Pflegebereich im Moment noch keine Personalprobleme. „Bei uns konnten und werden wir alle frei werdenden Stellen im Pflegebereich besetzen. Im Vergleich zu anderen Branchen in der Region sind wir, glaube ich, ein attraktiver Arbeitgeber: zahlen ordentliche Löhne, bieten ein attraktives Arbeitsumfeld und gut organisierte und strukturierte Tätigkeiten.“ Zudem hat das Forster Krankenhaus in den vergangenen Jahren verstärkt im Pflegebereich ausgebildet. „Der Pflegeberuf ist sicher durch Schichtdienste und andere Belastungen für manche weniger verlockend als andere, aber wir versuchen, dem durch attraktive Arbeitsbedingungen entgegenzuwirken, gleichwohl der zunehmende Fachkräftemangel in der Zukunft durchaus Sorgen bereitet“, sieht Schmidt durchaus auch die problematischen Seiten.

Das Klinikum Dahme-Spreewald mit der Spreewaldklinik in Lübben und dem Achenbach Krankenhaus in Königs Wusterhausen versucht, dem Personalproblem in der Pflege mit einer eigenen Ausbildungsstätte zu begegnen. „Noch weit vor der Prüfungszeit erhalten unsere Absolventen einen Arbeitsvertrag als Pflegefachkraft – in diesem Jahr wurden 35 Arbeitsverträge überreicht“, bilanziert Pflegedirektor Kay Hilbiber. Allerdings weist er wie auch Klinikumsgeschäftsführer Michael Kabiersch darauf hin, „dass mit administrativen Pflegeeinsatzvorgaben keine Pflegekräfte geschaffen werden können, die auf dem Arbeitsmarkt nicht verfügbar sind“. Die große Herausforderung für Kliniken werde es daher sein, die verfügbaren Stellen mit entsprechend qualifiziertem Fachpersonal zu besetzen.

Das Problem ist auch dem Cottbuser CTK nicht fremd. Deshalb ist die weitere Ausbildung und Bindung von Pflegekräften und Ärzten in der Region wichtig. Sowohl die Pflegedirektorin als auch CTK-Geschäftsführer Götz Brodermann gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren – ungeachtet eigener und aller anderen Bemühungen – etliche Beschäftigte im Pflegebereich aus dem Ausland kommen werden. Allein in Brandenburg werden laut Prognosen etwa 20 000 Pflegerinnen und Pfleger benötigt.

Droht den Beschäftigten mit dem Spahn-Gesetz jetzt noch mehr Bürokratie?

Ja, ist der Forster Schmidt überzeugt. „Ein Beispiel dafür ist die Idee von tagesbezogenen zu dokumentierenden Schichtbesetzungen, was in der Pflegepraxis, aber auch in anderen Bereichen eines Krankenhauses unpraktikabel und realitätsfremd ist. Wir brauchen einerseits den Pflegeexperten am Bett des Patienten und nicht in der Küche oder bei der Toilettenreinigung. Andererseits benötigen die Kliniken auch noch unternehmerische Freiheiten.“ Mit diesen tagesbezogenen Schichtbesetzungen schwinde aber die Flexibilität.

 Uwe Böttcher ist Chef des Niederlausitz Klinikums mit den zwei Standorten in Senftenberg und Lauchhammer.
Uwe Böttcher ist Chef des Niederlausitz Klinikums mit den zwei Standorten in Senftenberg und Lauchhammer. FOTO: Steffen Rasche

Auch Niederlausitz-Klinikum-Geschäftsführer Böttcher befürchtet eine Ausweitung der Bürokratie. Allein für die Nachweisführung der schichtgenauen Einhaltung der Untergrenzen ist ein neues „bürokratisches Monster“ entfesselt worden. Wie an so vielen Stellen in der Gesundheitsversorgung, so auch hier, seien durch eine immer weiter ausufernde Bürokratisierung, als Ausfluss einer generellen Misstrauenskultur der Kostenträger gegenüber den Leistungserbringern, wichtige Ressourcen der Patientenversorgung entzogen worden.

Welche Belastungen gibt es noch?

„Natürlich bedeutet Flexibilität auch Belastungen für die Arbeitnehmer“, verweist Lausitz Klinik-Chef Schmidt noch auf einen anderen Aspekt. „Das ist bei uns nicht anders als in anderen Teilen der Wirtschaft und Gesellschaft.“ Es sei für den Vorgesetzten und für den Betroffenen nicht angenehm, wenn eine Pflegekraft auf ihren freien Sonntag verzichten muss, weil jemand krank geworden ist. „Ich sehe hier aber noch viele Möglichkeiten, diese Belastungen durch intelligente Planung und Organisation abzufedern.“ Insgesamt machten aber die Pflegenden im Haus mit großem Engagement einen tollen Job.

In den vergangenen Jahren im CTK vollzogene Veränderungen im Pflegebereich sorgen zwar dafür, dass dort die Verantwortlichen auf das neue Gesetz vorbereitet sind. „Gleichwohl ist die geforderte Schnelligkeit in der Umsetzung auch für uns eine Herausforderung“, räumt Stewig-Nitschke ein. Zumal das Pflegeberufe-Gesetz und andere Dinge hinzukommen. Dennoch betrachtet sie Spahns schnelles Gesetzeswerk als eine Chance, Entwicklungen zu fördern. Konkret bedeutet das auch zu schauen, wie groß ist die jeweilige Station, wie viel und welches Personal arbeitet dort, müssen Strukturen verändert werden . . .

Inwiefern wirkt Spahns Drohung, die Bettenzahl zu reduzieren, weil die Kliniken den gesetzlichen Pflegequotienten nicht einhalten?

Hier verweisen die Kliniken meist darauf, dass noch keine konkreten Aussagen möglich sind, „da die genauen Einflussfaktoren auf den Pflegequotienten noch nicht feststehen“ – heißt es beispielsweise aus dem Hoyerswerdaer Klinikum.

Auch im Kreiskrankenhaus Weißwasser geht man „zum heutigen Zeitpunkt von keinem Bettenabbau aus“. „Wir müssen jedoch konstatieren, dass die Zersplitterung unseres Klinikums zu zusätzlich erschwerenden Problemen führt“, sagt Krankenhaussprecherin Jana-Cordelia Petzold.

Gestärkt werden soll die Pflege im Klinikum Dahme-Spreewald. „Dazu gehört, dass trotz des allgemein beklagten Fachkräftemangels die Nachtschicht überwiegend mit zwei Pflegekräften besetzt wird“, sagt Pflegedirektor Hilbiber. Zusätzlich sei geplant, dass pro Standort jeweils eine pflegeintensive Station etabliert wird. „Diese wird mehr Personal erhalten, sodass die Fachkräfte mehr Zeit für den individuellen Bedarf ihrer Patienten haben und eine spürbare Entlastung erfahren“, blickt Hilbiber voraus.

Trotz Fachkräftemangels scheinen  Lausitzer Krankenhäuser Pflegefach- und -hilfskräfte zu finden – noch. Der Forster Lausitz-Klinik-Chef Schmidt verweist aber auf Städte wie Berlin, wo Pflegekräfte dringend gesucht werden.

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FOTO: LR