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| 18:54 Uhr

Von Rechtsradikalen bis zu Islamisten
Lange Wege aus dem Extremismus 

Sieht martialisch aus, ist aber brüchig – eine langsame Desillusionierung in der Szene ist mit ein Grund für den Ausstieg aus dem Rechtsextremismus.
Sieht martialisch aus, ist aber brüchig – eine langsame Desillusionierung in der Szene ist mit ein Grund für den Ausstieg aus dem Rechtsextremismus. FOTO: dpa / Daniel Karmann
Cottbus. Hilfsprogramme unterstützen ausstiegswillige Anhänger extremistischer Szenen in Sachsen und Brandenburg.

Es sind prominente Beispiele wie Jasmin Apfel, die die öffentliche Aufmerksamkeit gelegentlich auf die Arbeit von „Steig aus!“ In Sachsen lenken. Die frühere NPD-Funktionärin und Ehefrau von NPD-Chef Holger Apfel hatte im Frühjahr ihren Ausstieg aus der rechtsextremen Szene öffentlich verkündet.

Seit dem wird sie von „Steig aus!“ betreut, bestätigt Stephan. Sein Nachname muss in diesem Fall anonym bleiben. Denn Diskretion ist ein Wesensmerkmal der Arbeit in dem Aussteigerprogramm mit Sitz in Leipzig, das völlig unabhängig von Politik und staatlichen Stellen arbeitet. Das Projekt, getragen vom sächsischen Landespräventionsrat, begleitet seit 2011 ausstiegswillige Extremisten bei ihrer Rückkehr in ein Leben ohne rechtsradikale Ideologie und Gewalt. Das Beratungspersonal ist psychologisch und sozialtherapeutisch geschult.

Seit der Gründung, so berichtet Stephan, seien zwölf Fälle erfolgreich abgeschlossen worden, 16 sind in Arbeit, darunter Jasmin Apfel. Einen jungen Mann habe man nach zwei Anläufen seinerseits auch wieder an die rechte Szene verloren. Fast 70 Anfragen gab es in sechs Jahren an das Projekt.

Wenn sich ein Ausstiegswilliger meldet, so Stephan, werde zunächst die Ernsthaftigkeit seiner Entscheidung geprüft und seine Sicherheitslage. Doch Bedrohungen von Ausstiegswilligen seien seltener als gedacht: „Die sind dann für die Szene die Verräter und fertig.“ Bei Aussteigern aus einer Kleinstadt werde jedoch in der Regel sofort ein Umzug organisiert, schon um Distanz zu seinem bisherigen Umfeld zu schaffen.

Am Anfang, so der Mitarbeiter von „Steig aus!“, stehe die Aussicht auf ein neues Leben. Dann beginne die Diskussion mit dem Aussteiger über seine bisherigen Ideale. „Wir wollen niemanden umerziehen“, so Stephan, „es geht darum, dass die Leute unsere gesellschaftliche Ordnung anerkennen und ihren Frieden damit machen.“ Daneben muss ein neues Leben aufgebaut werden: Ausbildung oder Arbeit organisieren, neue Freunde gewinnen.

„Wenn jemand mit 30 erkennt, das war alles Mist, was ich bisher gemacht habe, dann steht er vor einem Scherbenhaufen“, beschreibt Stephan das Ausmaß des Umbruchs. Der Entschluss, extremistischen Gruppen den Rücken zu kehren, wachse in der Regel langsam. Angst vor Haft, Widersprüche in der Szene, Angst um die Zukunft seiner Kinder, Ausgrenzung durch die Zivilgesellschaft, alles das seien Bausteine, die zum Umdenken führten.

In jüngster Zeit meldeten sich öfter junge Erwachsene, die sich schnell radikalisiert haben und zum ersten Mal in Haft kommen. Doch wie breit das Spektrum der Betreuten ist, zeigen zwei Beispiele, die Stephan nennt. Vor vier Jahren hat ein Mann nach 20 Jahren in der rechten Szene den Weg zu „Steig aus!“ gesucht. Bis heute wird er betreut. Der Mann sei durch psychische Probleme nicht arbeitsfähig, habe keinerlei Kontakte mehr außerhalb der Szene gehabt. „Den zu stabilisieren war schwer“, gesteht Stephan.

Daneben werde gerade ein Aussteiger der „Identitären“ begleitet: „Der hat ein nach außen intaktes Leben, will aber mit uns diskutieren, was er da im Kopf hat und warum er das alles geglaubt hat.“

Und noch ein drittes Problemfeld beginnt sich für „Steig aus!“ zu öffnen: der islamistische Extremismus. Die Leipziger haben mit der Betreuung eines jungen Flüchtlings begonnen, der versuche, sich von diesem Milieu, in dem er aufgewachsen sei, abzugrenzen. „Ich kann mir vorstellen, dass mehr solche Anfragen kommen“, sagt Stephan. Das Personal der Beratungsgruppe sei schon mit zwei Mitarbeitern, die Arabisch und Russisch sprechen, aufgestockt worden.

Bei Exit in Berlin gibt es für den Bereich Islamismus schon seit 2010 eine extra Beratungsstelle, bei der auch Angehörige und Umfeldpersonen der Extremisten Hilfe bekommen. „Wir wollen jetzt ein eigenes Aussteigerprogramm für Islamisten auflegen“, kündigt Exit-Chef Bernd Wagner an.

Exit ist die älteste Ausstiegsbegleitung für Extremisten in Deutschland, und sie ist bundesweit tätig. Damit betreut sie auch ausstiegswillige Extremisten in Brandenburg, das über kein eigenes Landesprojekt zu dem Thema verfügt. 24 Personen haben in Brandenburg mit Hilfe von Exit den Ausstieg geschafft. Gemessen an der Bevölkerungsdichte sei das vergleichbar mit anderen Bundesländern.

Auch Bernd Wagner nennt ähnliche Gründe für die Ausstiegsentscheidung von Extremisten wie sein Kollege in Leipzig: das Gefühl, sein Leben zu versauen, Haft, Ärger mit der Familie und eine langsame Desillusionierung in der Szene. Das Spektrum reicht auch hier von Menschen aus schwierigem Milieu bis zu Extremisten mit mittlerer oder hoher Bildung.

Auch die Dauer des Ablösungsprozesses sei unterschiedlich, so Wagner: „Die Schnellen schaffen es in gut einem Jahr, dann melden die sich nur, wenn es noch mal Probleme gibt.“ Andere, gerade auch einstige Führungsfiguren in der Szene, benötigten eher zwei bis drei Jahre. Bei ganz schwierigen Fällen könnte es noch länger dauern.

Der Ausstieg von bekannten Führungsfiguren polarisiere die rechtsextreme Szene, so Wagner. Die Fanatiker schotteten sich noch wütender ab, andere würden dadurch eher nachdenklich. Eine Beispielwirkung sei jedoch nicht zu beobachten, da ist sich Wagner mit Stephan vom sächsischen Aussteigerprojekt einig. Der Erfolg von Aussteigerprojekten sei schwer messbar, so Stephan. „Zu uns kommen ja nur die, die merken, sie brauchen jemanden, der sie hält, mit dem sie reden könnten.“ Viele andere kehrten der rechtsextremen Szene ja auch in aller Stille den Rücken.