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| 07:29 Uhr

Berlin/Damaskus
Kriegsverbrechen in der Timeline

Berlin/Damaskus. Der Syrienkrieg findet live im Nachrichtenstrom sozialer Netzwerke statt. Menschenrechtler wollen das zur Aufklärung nutzen. Oliver Beckhoff

Der Syrienkrieg findet live im Nachrichtenstrom sozialer Netzwerke statt. Menschenrechtler wollen das zur Aufklärung nutzen.

Einen Moment lang taucht der Feuerball die Landschaft in grelles Licht. Schemen von Gebäuden werden sichtbar. Dann legt sich die Nacht wieder wie ein Schleier über das Geschehen. Was sich im Inneren des Krankenhauses in Idlib im Nordwesten Syriens abspielt, gegen das sich der Luftschlag richtet, lässt das Amateurvideo nur erahnen. Es ist die vierte Attacke gegen ein Krankenhaus in der Stadt innerhalb eines Monats. Nachgewiesen haben dies Menschenrechtler der Gruppe Syrian Archive.

Sollte die Staatengemeinschaft Kriegsverbrechen in dem seit 2011 andauernden Konflikt eines Tages aufklären wollen, könnte künstliche Intelligenz dabei eine Schlüsselrolle spielen. Eine spezielle App, die die Gruppe zusammen mit Wissenschaftlern entwickelt hat, könnte es möglich machen. Das Projekt wird unter anderem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Hadi Khatib spricht bedächtig, als er präsentiert, was die Arbeit seiner Mitarbeiter in Berlin und ihrer Unterstützer in Syrien bereits revolutioniert hat. Er ist Gründer des 2014 in Berlin gegründeten Syrian Archive. Die Gruppe sammelt, verifiziert und analysiert Videos und Bilder aus öffentlich zugänglichen Quellen, um Menschenrechtsverstöße von allen Beteiligten zu dokumentieren. Mehr als 1,5 Millionen Videos hat das Syrian Archive gesammelt. Das seien mehr, als ohne technische Hilfe ausgewertet werden könnten. Rund 4500 Clips hat die Gruppe bis Anfang Mai verifiziert.

Der Krieg in Syrien ist einer der ersten Konflikte, der live in die Timelines sozialer Netzwerke übertragen wird - in Form verwackelter Handyaufnahmen auf Youtube, Facebook oder Twitter. Während Menschen Videos komplett anschauen müssten, um eventuelle Hinweise auf Menschenrechtsverstöße zu entdecken, liefert die App in Sekunden einen Zusammenschnitt verdächtiger Funde. Etwa 51 Mal schneller als Menschen sei das Programm, sagt der Wissenschaftler und Mitentwickler Adam Harvey.

"Verdächtig", das sind vor allem nach internationalen Übereinkommen geächtete Kriegsmittel - Waffen und Munition, zum Beispiel bestimmte Giftgaszylinder. Achtzehn Waffentypen kann der Algorithmus bereits erkennen, selbst dann, wenn sie nur verdreckt oder beschädigt zu sehen sind. Bis Anfang Juni wollen die Entwickler dem Programm die Erkennung weiterer Munitions- und Waffentypen antrainieren.

Katib zeigt Aufnahmen eines Luftangriffs in Aleppo. "Wer hat Zugriff auf den Luftraum?", fragt er und antwortet selbst: Syrien und Russland. Die Kamera folgt dem Geschoss eines Kampffliegers. Gebäude ragen ins Bild. Khatib markiert sie. "Wir gehen durch das gesamte Video und markieren Landmarken", sagt er. Anhand der Markierungen wird der Ort der Aufnahmen bestimmt. Kinder laufen durchs Bild. "Es passiert in zivilem Gebiet, wir haben das mit Satellitenbildern abgeglichen." Aber es ist ein Wettlauf mit der Zeit: Im Versuch, extremistische Inhalte zu verhindern, löschten Mitarbeiter von Youtube, Facebook und anderen sozialen Netzwerken massenhaft Aufnahmen, die Menschenrechtsverstöße belegen könnten, erklärt Khatib. Allein Youtube löschte 2017 mehr als acht Millionen Videos mit "unangemessenen Inhalten", etwa 6,7 Millionen davon automatisch. Viele enthielten keinen Extremismus, dafür aber Hinweise auf Kriegsverbrechen, sagt Khatib, der die Löschpraxis kritisiert.

Die Inhalte sind oft traumatisierend. "Die Kamera fokussiert auf Dämpfe, die aus den Körpern austreten", heißt es in der Beschreibung eines Videos, das Opfer einer mutmaßlichen Giftgasattacke zeigt. Seit der Chemiewaffenkonvention von 1993, die vier Jahre später in Kraft trat, sind Chemiewaffen weltweit geächtet. 212 mutmaßliche Chemie-Attacken während des Syrienkriegs hat das Syrian Archive lokalisiert. Eine Datenbank, die die Gruppe Ende April zu den mutmaßlichen Attacken angelegt hat, listet mehr als 860 verifizierte Videos.