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| 18:48 Uhr

Gesundheit
„Wir sehen immer wieder die gleichen Fehler“

Die gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr etwas weniger Behandlungsfehler in Kliniken und Arztpraxen festgestellt. Nach Patienten-Beschwerden wurden 13 519 Gutachten geschrieben und 3337 Fehler und Schäden bestätigt – also fast in jedem vierten Fall, wie der Medizinische Dienst der Kassen (MDK) am Dienstag mitteilte. Im Jahr 2016 hatte es 3564 solcher Fälle gegeben.
Die gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr etwas weniger Behandlungsfehler in Kliniken und Arztpraxen festgestellt. Nach Patienten-Beschwerden wurden 13 519 Gutachten geschrieben und 3337 Fehler und Schäden bestätigt – also fast in jedem vierten Fall, wie der Medizinische Dienst der Kassen (MDK) am Dienstag mitteilte. Im Jahr 2016 hatte es 3564 solcher Fälle gegeben. FOTO: dpa / Felix Kästle
Berlin. Krankenkassen registrierten 2017 weniger Behandlungsfehler, aber darunter viele vermeidbare. Und es gibt eine hohe Dunkelziffer. Von Stefan Vetter

Eine Patientin war an den Nieren erkrankt und musste geröntgt werden. Dafür kam ein ungeeignetes Kontrastmittel in viel zu hoher Dosis zum Einsatz, wodurch die Patientin einen schweren Nierenschaden erlitt. Ein anderer Patient kam mit starken Bauchbeschwerden zu seinem Hausarzt. Doch eine eingehende Untersuchung blieb aus. Am Ende war eine Notfalloperation wegen akuter Blinddarmentzündung erforderlich.

Die Zahl der von den gesetzlichen Krankenkassen  registrierten Behandlungsfehler mit Schäden für Patienten ist im vergangenen Jahr um gut 200 auf  3337 Fälle gesunken. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit, denn in Deutschland gibt es keine systematische Erfassung solcher Vorgänge.

Nur zwei von 13 519 Verdachtsfällen fallen auf einen Behandlungsfehler, über die der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) 2017 auf Initiative der Patienten oder ihrer Angehörigen ein Gutachten erstellte. Dabei bestätigte sich jeder vierte Verdacht. 156 Fälle endeten für die Patienten tödlich.

Die Bilanz sei „ernüchternd“, klagte Stefan Gronemeyer, stellvertretender Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes, am Dienstag bei der Vorstellung der neuen Statistik in Berlin. „Wir sehen immer wieder die gleichen Fehler, und zwar solche, die nie passieren dürften, weil sie gut zu vermeiden wären“, so Gronemeyer. Als Beispiele nannte er „im Körper vergessene Tupfer bis hin zu Verwechslungen von Patienten und  falschen Eingriffen“.

Vor allem eigentlich undenkbare Fehler seien nicht auf ein Versagen Einzelner zurückzuführen, sondern Alarmzeichen für fehleranfällige Prozesse, erläutert der Medizinische Dienst der gesetzlichen Krankenkassen. Medizinische Teams könnten solche groben Pannen aber etwa mit Checklisten, Vier-Augen-Prinzip und Trainings vermeiden.

Die Daten des MDK gelten als die umfangreichste Statistik zu Behandlungsfehlern. Nachfolgend die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

TATORT KLINIK: Zwei Drittel der Verdachtsfälle gehen auf Behandlungen im Krankenhaus zurück, ein Drittel auf Untersuchungen in Praxen. Das ist praktisch kaum eine Veränderung zu den Vorjahren.

SCHWERPUNKT CHIRURGIE: Allein ein Drittel aller Vorwürfe bezieht sich auf die Fachgebiete Orthopädie und Unfallchirurgie. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn bei chirurgischen Eingriffen sind mögliche Fehler einfacher zu erkennen als etwa bei der Verabreichung von Medikamenten.

Es folgen mit 13 Prozent beziehungsweise neun Prozent die Innere Medizin und Allgemeinmedizin sowie die Allgemeinchirurgie.

BESTÄTIGTE FEHLER: Eine hohe Zahl an Vorwürfen sei nicht gleichbedeutend mit einer hohen Zahl an tatsächlichen Behandlungsfehlern, stellte Astrid Zobel vom MDK Bayern klar.

So bestätigte sich im Bereich der Pflege immerhin fast jeder zweite Verdacht auf einen Fehler. In der Orthopädie und Unfallchirurgie dagegen war laut  Gutachten nur etwa jeder vierte Vorwurf plausibel.

Bei Knie- und Hüftgelenkoperationen, die ganz oben auf der Verdachtsliste stehen, bestätigten sich nur 21 beziehungsweise 24 Prozent der Vorwürfe. Bessere Chancen auf Anerkennung eines Vorwurfs hatten Patienten bei Zahnbehandlungen (35,2 Prozent) sowie in der Frauenheilkunde (27 Prozent).

Wenn Versicherte Behandlungsfehler vermuten, können sie sich bei Gutachtern und Schlichtern der Ärzte und bei den Krankenkassen melden, die dann Gutachten in Auftrag geben. Als Fehler gilt, wenn eine Behandlung nicht dem anerkannten Standard entsprechend angemessen, sorgfältig, richtig und zeitgerecht ist.

Der Medizinische Dienst der Kassen wies darauf hin, dass von einer großen Dunkelziffer bei der Zahl der Fehler auszugehen sei. Die verfügbaren Daten seien nicht repräsentativ für das Fehlergeschehen in Deutschland und erlaubten daher kaum Rückschlüsse auf die Patientensicherheit. Nötig sei daher eine Meldepflicht wie für Arbeitsunfälle. Unbekannt ist auch, wie viele Patienten wegen Beeinträchtigungen zum Beispiel direkt vor Gericht ziehen.

Da sich mutmaßlich Geschädigte auch an die Schlichtungsstellen der Ärztekammern wenden können, hat man dort eine eigene Statistik. Nach diesen schon Anfang April bekannt gewordenen Zahlen wurden im vergangenen Jahr 2213 ärztliche Fehler anerkannt, was ebenfalls einem leichten Rückgang entsprach. Sie kämen also noch zu den MDK-Daten hinzu.

Darüber hinaus können Patienten direkt zu einem Anwalt gehen und den Verdacht von einem freien Gutachter prüfen lassen. Wie viele Patienten vor Gericht ziehen, ist also unbekannt, da dies statistisch nicht registriert wird. Die Krankenkassen fordern deshalb eine  Meldepflicht für ärztliches oder pflegerisches Versagen ähnlich wie bei Arbeitsunfällen.

Auch der Medizinische Dienst der gesetzlichen Krankenkassen (MDS) moniert, dass es keine Meldepflicht und keine offizielle Statistik für Behandlungsfehler gibt.

Dabei wäre undenkbar, dass zum Beispiel die Notlandung eines Flugzeugs unbekannt bleibt und nirgendwo erfasst wird. Fehlermeldungen sollten anonym und ohne Angst vor Nachteilen möglich und als normales professionelles Handeln akzeptiert sein, sagt der Vize-Geschäftsführer des MDS, Stefan Gronemeyer.

So funktioniere es auch mittlerweile schon bei Arbeitsunfällen oder Verkehrsunfällen. ⇥mit dpa