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| 18:38 Uhr

Politik
Kontroverse Debatte über Kita-Pflicht

Berlin. Frankreich will Regelung für Kinder ab drei Jahren beschließen. Dänemark fokussiert sich auf Einwanderer. Von Michael Gabel

Wie können Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern möglichst früh gefördert werden? Manche Experten favorisieren den verpflichtenden Kita-Besuch.

In ihrer Zeit als Neuköllner Bezirksbürgermeisterin hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) oft erlebt, dass Kinder aus Migrantenfamilien von ihren Eltern nicht in die Kita geschickt wurden. Deshalb sagt sie: „Wir brauchen eine Kitapflicht ab dem dritten Lebensjahr, und wenn möglich, auch davor.“

Frankreich und Dänemark gehen bereits diesen Weg. In Frankreich will Staatschef Emmanuel Macron eine allgemeine Kindergartenpflicht für alle Kinder ab drei Jahren einführen. Sie soll sicherstellen, dass eventuelle Sprachprobleme der Kinder schon vor der Schule beseitigt werden. Die neue Regelung soll ab Sommer kommenden Jahres gelten. Kosten kommen auf die Eltern nicht zu, weil der Besuch der „Ecole maternelle“ sowieso kostenlos ist. Die dänische Mitte-Rechts-Regierung will dagegen nur die Kita-Pflicht für Kinder, die in besonderen Gebieten mit vielen Einwanderern und hoher Arbeitslosigkeit leben. Der Kita-Besuch ist für die Eltern kostenlos. Wer jedoch nicht mitzieht, riskiert, dass ihm das Kindergeld gekürzt wird.

Der Vorsitzende des Aktionsrats Bildung, der Hamburger Universitäts-Rektor Dieter Lenzen, befürwortet eine Kita-Pflicht auch in Deutschland. Die frühe Förderung sei entscheidend für den späteren Bildungsverlauf, sagt er. „Allerdings müssen die Kitas dann auch Bildungseinrichtungen sein und nicht nur Aufbewahrungsanstalten.“ Der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Marcus Weinberg, favorisiert dagegen „verpflichtende Vorschulmaßnahmen nur für Kinder, bei denen Sprach- oder Integrationsdefizite festgestellt werden“. Von einem Kita-Zwang für alle Kinder halte er aber nichts, betont er. FDP-Generalsekretärin Nicola Beer wendet sich ebenfalls gegen eine allgemeine Pflicht. Ihr Argument: Bei Kindern über drei Jahren liege die Quote bereits jetzt bei annähernd 100 Prozent.

Ganz exakt ist die Angabe aber nicht. Laut Statistischem Bundesamt besuchten 2017 im Bundesdurchschnitt zwar 93,4 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen eine Kita. Aber in Bremen beispielsweise, das bei Pisa-Tests immer besonders schlecht abschneidet, sind es nur 87,5 Prozent (Brandenburg 94,9 Prozent). Bei den unter Dreijährigen sind es in Bremen sogar nur 26,4 Prozent (Brandenburg 55,8 Prozent).

Laut einer Allensbach-Umfrage wünschen sich 60 Prozent der Deutschen den obligatorischen Kita-Besuch bei Jungen und Mädchen ab drei Jahren. Anders als in den anderen Bundesländern gibt es in Berlin bereits jetzt eine – teilweise – Kita-Pflicht. Das Problem dabei: Die Regelung von 2014 wird nicht umgesetzt. Beabsichtigt ist, dass Kinder, die keine Kita besuchen und als Vierjährige bei einem Sprachtest durchgefallen sind, zu einem 18-monatigen Kita-Besuch gezwungen werden können. Doch wer sich verweigert, wird in aller Regel in Ruhe gelassen. Die Bezirke seien angehalten, in solchen Fällen Bußgelder zu erheben, heißt es von Seiten der Senatsverwaltung. Kontrolliert werde das jedoch nicht.