Wenn Kanzler Olaf Scholz (SPD) den Deutschen versichert, sie kämen gut durch diesen Winter, dann vergisst er nie, das Wörtchen „wohl“ einzubauen. Denn die kalte Jahreszeit inmitten von Energiekrise und Ukraine-Krieg hat gerade erst begonnen. Experten wie der Klimaökonom Ottmar Edenhofer allerdings warnen, dass wir nicht nur die nächsten Monate bestehen müssen, sondern vor allem den Winter 2023/24: „Das wird eine größere Herausforderung werden.“ Warum das so ist – und wie die Chancen wirklich stehen:

Die LNG Terminals

Von einem „wirklich guten Tag für unser Land“, sprach Scholz kürzlich bei der Eröffnung des Flüssiggas-Terminals in Wilhelmshaven. Weitere sollen an Nord- und Ostseeküste folgen und bis Ende nächsten Jahres für eine Importkapazität von rund 30 Milliarden Kubikmeter Gas sorgen. Das ist mehr als die Hälfte der bisher durch die Pipelines aus Russland geflossenen Gasmenge. Soweit die guten Nachrichten.
Doch Infrastruktur allein genügt nicht. Die entscheidende Frage ist, wie viel Flüssiggas tatsächlich geliefert wird – und genau da fangen die Unsicherheiten an. Zwar verbreiten Bundeswirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur Zuversicht. Ihr Hauptargument sind die Absichtserklärungen der Betreiberfirmen, die allerdings nur das sind: Absichtserklärungen. Ob und welche handfesten und langfristigen Verträge es gibt, ist unklar.
Die Internationale Energieagentur IAE rechnet damit, dass es 2023 nur rund 20 Milliarden Kubikmeter zusätzliches Flüssiggas auf dem Weltmarkt geben wird. Es wird also knapp und womöglich teuer. Vor allem, wenn die LNG-Nachfrage in China wie erwartet anzieht.

Die Gasspeicher

Die deutschen Gasspeicher, die zusammen über eine Kapazität von 25 Milliarden Kubikmeter verfügen, waren zu Beginn dieses Jahres leer – und im November voll. Selbst jetzt, nach einem kalten Winterstart, ist der Füllstand immer noch höher als im Schnitt der Vorjahre. Das klingt beruhigend. Aber: Die Bedingungen waren günstig. Bis in den Sommer floss Gas aus Russland und die Nachfrage auf dem Weltmarkt war niedrig. Ersteres ist vorbei, zweiteres dürfte sich ändern. Die Energieagentur IEA geht für den nächsten Winter von einer Fehlmenge von 30 Milliarden Kubikmetern in der EU aus. Und der gerade erst beschlossenen Gaspreisdeckel könnte Einkäufe erschweren.
Hinzu kommt: Noch bezieht Europa Gas aus Russland. Wenn Moskau auch an anderen Pipelines den Hahn zudreht, steht Berlin vor der Entscheidung, entweder kostbares Gas abzugeben oder den Zusammenhalt in der EU zu riskieren.
Andererseits haben die EU-Staaten auch verabredet, künftig zumindest teilweise gemeinsame Sache beim Gaseinkauf zu machen und so ihre Marktmacht zur Senkung von Preisen einzusetzen, statt sich wie bislang gegenseitig zu überbieten. „Unsere Vorbereitungen für den nächsten Winter beginnen heute“, sagte EU-Kommissionsvize Maros Sefcovic nach dem Beschluss. Die ersten gemeinsamen Verträge mit Gaslieferanten sollen demnach noch vor dem Sommer abgeschlossen werden.

Die Atomkraft und unsere französischen Nachbarn

Noch bis Ende März, so der von Scholz durchgesetzte Plan, tragen in Deutschland drei Akw zur Stromversorgung bei. Werden sie vereinbarungsgemäß abgeschaltet, muss der Strom anders generiert werden; womöglich auch durch Gasverbrennung. Vieles hängt außerdem vom Zustand der Kernkraftwerke in Frankreich ab: Weil sie derzeit massenhaft ausfallen, muss Deutschland den Nachbarn aushelfen – und dafür auch Gas einsetzen. Bleibt es dabei, könnte hierzulande im Frühjahr die Akw-Debatte von vorne losgehen. Fahren die Franzosen ihre Meiler dagegen wieder hoch und können womöglich sogar den deutschen Strommarkt entlasten, entspannt das hierzulande die Gassituation.

Die Geopolitik

Sehr viel wird davon abhängen, ob und wie der Krieg in der Ukraine weitergeht. Ein Aspekt dabei ist auch die Gefahr von Sabotage: Netzagentur-Chef Klaus Müller mahnte kürzlich in einem Interview: „Wir tun gut daran, kritische Infrastrukturen besser zu überwachen als früher“, sagte er. Sabotageakte seien aktuell eine der größten Gefahren für die Gasversorgung.

Das Unkalkulierbare

Eine Unbekannte ist das Wetter: Ebenso wie in diesem sind auch im nächsten Winter die Außentemperaturen entscheidend. Während der zurückliegenden frostigen Dezembert­age sprangen die Anzeiger der Netzagentur für den Gasverbrauch sofort auf „kritisch“. Agenturchef Müller hält extremen Frost – neben Sabotage – für das größte Gasversorgungs-Risiko.
Und schließlich sind da noch die sogenannten unbekannten Unbekannten: Böse Überraschungen, die niemand auf dem Zettel hat. Bei Scholz klingt das so: Deutschland werde auch gut durch den Winter 2023/2024 kommen, „wenn nichts Unvorhergesehenes passiert“.