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| 18:00 Uhr

Berlin
Klöckner: Zuckersteuer als letzte Option

In vielen verschiedenen Lebensmitteln steckt sehr viel Zucker, und er versteckt sich dort hinter rund 70 verschiedenen Bezeichnungen. Beim zweiten Zuckerreduktionsgipfel diskutierte Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) mit der Industrie über Wege, dies zu ändern und setzt dabei auf Kompromisse, sagt aber auch: Wenn die Industrie nicht ausreichend tut, müsse der Staat doch eingreifen.
In vielen verschiedenen Lebensmitteln steckt sehr viel Zucker, und er versteckt sich dort hinter rund 70 verschiedenen Bezeichnungen. Beim zweiten Zuckerreduktionsgipfel diskutierte Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) mit der Industrie über Wege, dies zu ändern und setzt dabei auf Kompromisse, sagt aber auch: Wenn die Industrie nicht ausreichend tut, müsse der Staat doch eingreifen. FOTO: dpa-tmn / Franziska Gabbert
Berlin. Der Deutsche nimmt viel zu viel Zucker zu sich: Beim zweiten Zuckerreduktionsgipfel hat Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) für Kompromisse mit der Industrie geworben.

Nicht mehr als 50 Gramm Zucker – also 16 Stück Würfelzucker – soll man laut Weltgesundheitsorganisation pro Tag aufnehmen, am besten sogar nur die Hälfte. Die Deutschen kommen auf 28 Stück. Immer mehr Experten fordern drastische Maßnahmen. Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) warb am Mittwoch auf dem zweiten Zuckerreduktionsgipfel lieber für Kompromisse mit der Industrie.

„Hier geht es um viel Geld“. Für den Ökonomen Tobias Effertz von der Universität Hamburg ist klar, warum die Hersteller von Süßigkeiten massiv um Kinder werben. „Sie selbst haben bereits großes finanzielles Potenzial, beeinflussen die Kaufentscheidungen der Eltern und sind die Konsumenten von morgen.“ Die Vier- bis 13-Jährigen könnten im Jahr 3,3 Milliarden Euro selbstständig ausgeben und letztlich sogar einen Umsatz von 70 Milliarden beeinflussen. Effertz hat im Internet 300 Lebensmittel-Seiten auf Kindermarketing untersucht.

Besonders intensiv haben demnach dort Marken für ungesunde Produkte geworben, die sich eigentlich gegenüber der EU verpflichtet hatten, so etwas zu unterlassen. „Die freiwillige Selbstverpflichtung funktioniert also nicht.“ Die Industrie verführe Kinder dazu, ihr Taschengeld für Produkte auszugeben, die frühzeitig für Übergewicht sorgen. Das sei „gefährlicher Konsum“. Und dem müsse man, sagt Effertz, mit Werbebeschränkungen genauso begegnen wie mit Steuererhöhungen.

Auch für Robert Lustig, gelernter Kinderarzt und heute Professor an der Universität von Kalifornien, ist klar: „Zucker ist Gift.“ Gerade für Kinder, wo der übermäßige Zuckerkonsum dafür sorge, dass es immer häufiger zu einer Fettleber komme, die man sonst nur von Erwachsenen mit hohem Alkoholkonsum gekannt habe.

Lustig verweist darauf, dass vielen Verbrauchern gar nicht klar sei, wie viel Zucker sie täglich aufnehmen. Zwar stecke ein Drittel der konsumierten Menge in Cola & Co, aber die Hälfte stamme von Produkten, die gar keinen zugesetzten Zucker bräuchten, wie Ketchup, Dressings und Joghurt. Fertigprodukte seien „ein gescheitertes Experiment“, das die Zahl der Diabetes-Kranken immer weiter in die Höhe treibe.

Auch Ernährungsministerin Julia Klöckner räumt ein: „Viele, viele Produkte sind zu süß.“ Es werde häufig Zucker zugesetzt, wo er nicht nötig sei, gerade in Fertigprodukten. In der Folge seien 42 Prozent der Frauen und 62 Prozent der Männer sowie bereits 15 Prozent der Kinder übergewichtig. „Das sind alarmierende Zahlen.“ Dies sei Grund genug, sich als Staat einzumischen. Jedoch nicht, wie auf dem Zuckerreduktionsgipfel immer wieder gefordert wurde, durch eine generelle Steuer. Lediglich der Zuckerzusatz bei Baby-Tees soll bis Ende 2019 verboten werden.

Sonst setze sie auf den Kompromiss und die gerade unterschriebene Grundsatzvereinbarung mit Herstellern und Handel, nach der bis 2025 Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten deutlich reduziert werden sollen. Um welche Prozente genau, soll bis Ende des Jahres festgelegt werden.

Ein Hintertürchen für eine Einflussnahme über Steuern lässt sich Klöckner aber offen: Würden die Ziele nicht erreicht, müsse „der Staat nachsteuern“.

Auch Martin Litsch, Chef der AOK, die zu dem Gipfel eingeladen hatte, fordert echte Ergebnisse der Grundsatzvereinbarung. „Dazu gehört eine Einigung auf kurzfristig nachvollziehbare und messbare Reduktionsziele.“ Die AOK selbst hat sich mit Organisationen wie der Deutschen Diabetes Gesellschaft und Foodwatch zur „Aktion weniger Zucker“ zusammengetan.

Gefordert werden etwa das Verbot von an Kinder gerichtete Werbung für zuckerreiche Produkte und „steuerliche Anreize für die Lebensmittelindustrie, gesündere Rezepturen zu entwickeln“.

Immerhin sei es „erfreulich, dass Bewegung in das Thema kommt“ – auch in der Politik: Klöckners Vorgänger Christian Schmidt (CSU) „hat uns vor einem Jahr noch einen Korb gegeben“.