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| 19:24 Uhr

Interview mit Manfred Rekowski
„Eine beklemmende und empörende Erfahrung“

Präses Manfred Rekowski (r.) machte sich vor Ort ein Bild. Im Hintergrund ist das Seenotrettungsschiff Sea-Watch zu sehen.
Präses Manfred Rekowski (r.) machte sich vor Ort ein Bild. Im Hintergrund ist das Seenotrettungsschiff Sea-Watch zu sehen. FOTO: HEIKO KANTAR
Valetta. Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, informiert sich auf Malta über die Lage der Flüchtlinge. Von Benjamin Lassiwe

Seit Malta und Italien die private Seenotrettung im Mittelmeer blockieren, ertrinken wieder Menschen auf der Überfahrt nach Europa. Der Flüchtlingsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, ist zurzeit auf Malta, um sich über die Situation der Helfer zu informieren. Die RUNDSCHAU hat mit ihm gesprochen.

Präses Rekowski, wie verläuft Ihr Besuch bei den Flüchtlingshelfern auf Malta?

Rekowski Für mich ist das, was ich hier erlebe, eine beklemmende und empörende Erfahrung. Als ich gestern durch den Hafen von Malta fuhr, habe ich dort drei zivile Rettungsschiffe gesehen, die alle für Einsätze bereit stehen, aber am Auslaufen gehindert werden. Ebenso ist es mit dem Flugzeug „Moonbird“: Es darf sich nur im Luftraum über Malta bewegen und nicht Richtung Libyen fliegen. Hier sind Menschen, die verhindern könnten, dass andere Menschen ertrinken – doch sie werden daran gehindert. Das ist für mich nicht nachvollziehbar, und ein unglaublicher Vorgang mitten in der Europäischen Union.

Warum fördert die Evangelische Kirche in Deutschland die Einsätze des Rettungsschiffes Sea-Watch und des Suchflugzeuges Moonbird?

Rekowski Dazu haben wir uns schon vor drei Jahren entschieden. Wir denken, dass eine unmittelbare Hilfe zur Rettung von Menschenleben schlicht eine Christenpflicht ist. Wir helfen den Menschen ja auch, wenn sie nach Deutschland kommen, aber im Mittelmeer retten wir Leben.

Wie nehmen Sie denn die Debatte zur Flüchtlingshilfe in Deutschland wahr?

Rekowski Ich finde, die Debatten, die in den letzten Monaten in Deutschland geführt wurden, haben etwas irrationales. Um welche Frage ging es denn da: Weisen wir vier bis sieben Flüchtlinge pro Tag an der bayerisch-österreichischen Grenze zurück? Wie kann das reichen, um in Deutschland eine Staatskrise auszulösen? Wir müssen uns dringend fragen, was die eigentlichen Probleme sind, und zu einer Rationalität in der Debatte zurückkehren. Dass sich Menschen auf der Flucht befinden, ist ein weltweites Problem, das uns dauerhaft beschäftigen wird, und das wir anders lösen müssen. Vor allem brauchen wir mehr Mut, wirklich nach Lösungen zu suchen.

Eine Frage, die man sich in Deutschland öfter stellt, ist die Frage, warum die geretteten Schiffbrüchigen nicht nur gerettet, sondern auch unter allen Umständen nach Europa übergesetzt werden müssen. Immerhin machten im letzten Jahr rund 181 000 Deutsche Urlaub in Tunesien.

Rekowski Ich kann gut nachvollziehen, wenn man sagt, dass es nicht nur eine Form humanitärer Hilfe geben kann und die dann alternativlos ist. Das wäre in der Tat ein Fehler. Es gibt auch die Möglichkeit, anderswo humanitäre Politik zu gestalten. Es ist nicht illegitim, zu fragen, wo wir wem helfen. Falsch und nicht hinnehmbar sind für mich aber alle Forderungen, die darauf zielen, sich die Menschen, die in Not sind, einfach aus dem Blick zu schaffen.

Das heißt, sie könnten sich auch vorstellen, dass die Schiffbrüchigen im Norden Afrikas angelandet werden?

Rekowski Auf dem EU-Gipfel wurden ja Pläne zu Flüchtlingszentren in Nordafrika diskutiert. Dabei hat das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, solche Zentren für grundsätzlich möglich gehalten – wenn einige Bedingungen erfüllt werden. Zum Beispiel die Einhaltung der Menschenrechte, und die Möglichkeit, dass Migranten von dort einen Zugang nach Europa erhalten.

Ich denke, dass es bei dieser Frage keine Denkverbote geben darf – aber im Moment hat auch noch kein Land im Norden Afrikas erklärt, dass es zu solchen Aufnahmeeinrichtungen bereit wäre.

Mit Manfred Rekowski
sprach Benjamin Lassiwe