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| 10:08 Uhr

Analyse
Keine Angst vor den Robotern!

FOTO: C. Schnettler
Düsseldorf. Künstliche Intelligenz gilt als Schlüsseltechnologie, weil sie Computern erlaubt, zu lernen und eigenständig Probleme zu lösen. Deutschland hechelt in dem Bereich anderen Staaten hinterher. Der Bund gelobt Besserung. Philipp Jacobs

Künstliche Intelligenz gilt als Schlüsseltechnologie, weil sie Computern erlaubt, zu lernen und eigenständig Probleme zu lösen. Deutschland hechelt in dem Bereich anderen Staaten hinterher. Der Bund gelobt Besserung.

Dame ist ein Spiel mit "perfekter Information". Der Begriff entstammt der mathematischen Spieltheorie und beschreibt ein Spiel, bei dem es keine Zufallseinflüsse gibt und jedem Spieler alle Regeln und alle Spielzüge bekannt sind. Für den Elektroingenieur Arthur Samuel war Dame somit ideal für ein Experiment. Ende der 50er Jahre schrieb Samuel ein Computerprogramm, das bei dem Brettspiel gegen einen Menschen gewinnen konnte - weil es lernfähig war und sich die Spielzüge seines Gegners aneignete, um sein eigenes Spiel zu perfektionieren. Samuels Programm war eine der ersten Anwendungen für Künstliche Intelligenz (KI), also für maschinelles Lernen.

Heute dürfte jedem bewusst sein, dass ein menschliches Gehirn dem virtuellen zumindest bei Brettspielen nichts mehr entgegensetzen kann. Der Mensch denkt angestrengt über seinen nächsten Schachzug nach, führt ihn nach einiger Zeit aus, und das Computerprogramm reagiert innerhalb weniger Sekunden mit dem Gegenzug, der mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Sieg führen wird. Derlei Vorführungen sind immer lustig anzusehen, doch vernebeln sie die tatsächlichen Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz.

Dank ihrer Hilfe lässt sich etwa mit Computertomografie-Bildern das Tumorwachstum bei bestimmten Krebsarten sehr genau vorhersagen. Dadurch können bessere Entscheidungen für Therapien getroffen werden. Computersysteme in Fahrzeugen lassen sich derzeit noch von einem himmelblauen Lkw irritieren, doch werden Autos mithilfe von KI in einigen Jahren vollständig autonom und sicher fahren können.

Auch Sprachassistenten, die uns den Alltag erleichtern, werden durch die Technik immer besser. Auf seiner Entwicklerkonferenz stellte der Suchmaschinen-Konzern Google kürzlich sein Projekt "Google Duplex" vor - einen digitalen Sprachassistenten, der selbstständig Telefonate führt. Google-Chef Sundar Pichai ließ seine Software nahezu problemlos einen Termin beim Friseur vereinbaren und einen Tisch in einem Restaurant reservieren. Die Computerstimme war dabei kaum mehr von der eines echten Menschen zu unterscheiden. Das dürfte so manchen eher gruseln.

Viele denken bei KI an seelenlose Roboter, die uns Arbeitsplätze wegnehmen. In einigen Fällen wird dies mitunter so sein. Selbst der Verfasser dieses Artikels kann nicht mit Sicherheit sagen, ob sein Text künftig nicht viel schneller von einem Computerprogramm geschrieben wird (siehe Info-Kasten).

Es gibt namhafte Wissenschaftler und Unternehmer, die sich an der Schwarzmalerei beteiligen. Der kürzlich verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking sowie Tesla-Gründer Elon Musk warnten schon früh vor einer Superintelligenz, die uns alle eines Tages übertreffen werde - wie im Hollywood-Film, in dem eine eigenwillige KI auf die Idee kommt, die Spezies Mensch aufgrund ihrer offensichtlichen Makel vom Erdball zu entfernen. Der in Oxford arbeitende Philosoph Nick Bostrom meinte 2014: "Künstliche Intelligenz könnte die letzte Erfindung sein, die die Menschheit machen wird." Klingt dramatisch. Dient aber nur der Angstmache. Wir werden nicht eines Tages von den Maschinen unterworfen. Es besteht nur die Gefahr, dass wir uns ihnen freiwillig unterwerfen, weil es so schön bequem ist, wenn sie unsere Probleme lösen.

Die technische Revolution schreitet voran, ob wir das wollen oder nicht. Entscheidend ist, inwieweit wir selbst an ihrer Gestaltung mitwirken und dadurch an Einfluss gewinnen wollen. Ein Land, das sich nicht aktiv an der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz beteiligt, könnte in dem Bereich bald schneller abgehängt werden, als so manchem womöglich klar ist. China und die USA liefern sich bereits einen technologischen Kalten Krieg. Peking hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 zur dominierenden KI-Nation zu werden. Und die EU? In einem offenen Brief warnen führende Wissenschaftler davor, Europa könnte in der Erforschung dieser Schlüsseltechnologie den Anschluss verpassen.

"Das Level des Wagniskapitals innerhalb der EU ist im Vergleich zu den USA um ein Vielfaches geringer", sagt Max Welling, Professor für maschinelles Lernen an der Universität Amsterdam und einer der Unterzeichner des offenen Briefs. Die Forschung in der EU sei zwar auf einem hohen Niveau, so Welling, "doch die Talente werden dem Geld folgen". Sie werden zu Google oder Facebook gehen. Beide US-Unternehmen ermöglichen ihren Forschern schon heute echte Grundlagenarbeit inklusive freier Publikation.

Doch nicht nur das Geld ist ein Problem, sondern auch der Datenschutz. Bei der Verabschiedung von Henning Kagermann als Präsident der Technik-Akademie Acatech Anfang Mai erzählte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass ihr kürzlich jemand gesagt habe: "Künstliche Intelligenz zu entwickeln ohne Daten, ist wie Kühe zu züchten ohne Futter." Treffender geht es kaum. Man könne Künstliche Intelligenz nur entwickeln, wenn man ein positives Grundverhältnis zu großen Datenmengen habe, sagte Merkel. Doch in dieser Frage "tun wir Deutschen uns ein wenig schwer".

Eine zentrale Frage lautet daher: Zu welchem Preis wollen wir uns daran beteiligen, Künstliche Intelligenz zu erschaffen? Darüber will die große Koalition umfassend diskutieren, wie es heißt. Freilich, am Ende des Gedankenspiels darf nicht der gläserne Bürger stehen, der seine privaten Daten offenlegt, damit die Forschung ihre Maschinen damit füttert, um sie effizienter zu machen. Aber Deutschland darf auch nicht zum scheuen Staat werden, der die technische Entwicklung ausbremst, nur um den Datenschutz unberührt zu lassen.