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| 12:01 Uhr

Kampf gegen Insektensterben
EU-Staaten verbieten bienenschädliche Pflanzenschutzmittel

Brüssel. Vertreter einiger EU-Staaten wollen die umstrittenen Neonikotinoide verbieten, die Bienen und Insekten schaden können. Auch in Deutschland werden die Chemikalien eingesetzt.

Vertreter einiger EU-Staaten wollen die umstrittenen Neonikotinoide verbieten, die Bienen und Insekten schaden können. Auch in Deutschland werden die Chemikalien eingesetzt.

Drei bienenschädliche Insektengifte, sogenannte Neonikotinoide, werden europaweit verboten. Vertreter der Mitgliedstaaten stimmten am Freitag mehrheitlich für ein Freilandverbot der Insektizide, wie die EU-Kommission in Brüssel mitteilte. Der Einsatz in Gewächshäusern bleibt aber erlaubt.

Umweltschützer erhoffen sich von einem Verbot Hilfe im Kampf gegen das Bienensterben. Agrarverbände befürchten dagegen Qualitäts- und Ertragsverluste.

  • Was ist das Problem mit den Stoffen?

Neonikotinoide können Experten zufolge Insekten bereits bei einer niedrigen Dosierung lähmen, töten oder das Lernvermögen und die Orientierungsfähigkeit beeinträchtigen. Die tödliche Dosis liege für viele der Wirkstoffe bei etwa vier Milliardstel Gramm pro Biene.

Schweizer Forscher zeigten 2016, dass bestimmte Sorten dieser synthetisch hergestellten Wirkstoffe die Fruchtbarkeit männlicher Honigbienen verringern und deren Lebensspanne senken. Eine andere Studie befand, dass Bienen die mit den Stoffen behandelten Pflanzen nicht etwa meiden, sondern sogar bevorzugt ansteuern.

Nach einem ersten Bericht 2013 bestätigte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) Ende Februar dieses Jahres erneut die Gefahren: "Die Mehrzahl der Anwendungen von Neonikotinoid-haltigen Pestiziden stellt ein Risiko für Wild- und Honigbienen dar." Erschwerend kommt hinzu, dass alle Pflanzenteile, auch die Blüten und Pollen, die mobilen Moleküle aufnehmen - diese verbreiten sich unter anderem durch den Wind in der Umwelt und bleiben lange wirksam.

  • Worüber wurde abgestimmt?

Der Einsatz der Wirkstoffe Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid auf Äckern wird untersagt. Dann dürfen die Substanzen auf dem Acker gar nicht mehr genutzt werden - weder in Form von Saatgutbehandlung noch als Spritzmittel.

Im Dezember 2013 hatte die EU-Kommission bereits den Einsatz der drei Substanzen nach einem Gutachten der Efsa eingeschränkt: So war es nicht erlaubt, die Mittel etwa auf Rapssaat und beim Anbau von Kirschen, Äpfeln oder Gurken anzuwenden. Es gab aber Sondergenehmigungen: So war etwas Getreide wie Hafer oder Weizen, das zwischen Januar und Juni ausgesät wurde, von der Regelung befreit.

  • Warum betrifft uns das?

Ganz abgesehen vom Honig sind Bienen essenziell für die Bestäubung von Blüten. "Bestäuber haben einen großen Einfluss auf die weltweite Lebensmittelproduktion", sagte Ex-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) vergangenen Oktober. In Deutschland wären "vor allem der Obst- und Gemüsebau, aber auch Raps, Sonnenblumen oder Ackerbohnen von einem Ausfall der Bestäubungsleistungen betroffen."

  • Welche Folgen hätte das für die Bauern?

Der Deutsche Bauernverband (DBV) nannte es eine "echte Herausforderung", Alternativen zu entwickeln. "Um Qualität und Erträge abzusichern brauchen wir Pflanzenschutzmittel", sagte DBV-Präsident, Joachim Rukwied. Ohne Pflanzenschutzmittel könne man weder in der ökologischen noch in der konventionellen Landwirtschaft Qualität und Erträge garantieren, hatte er zuvor schon betont. Es sei "eine echte Herausforderung, Alternativen zu entwickeln".

Kritik kam auch vom Pharmariesen Bayer, der unter anderem Neonikotinoide herstellt. "Die Entscheidung wird die Möglichkeiten europäischer Landwirte, gegen verheerende Schädlinge vorzugehen, weiter einschränken", teilte das Unternehmen mit. Die EU-Entscheidung sei "ein schlechter Deal für die europäische Landwirtschaft".

  • Wie steht die deutsche Politik zu Neonikotinoiden?

Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) freute sich über das Freilandverbot für die Stoffe Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid. "Heute ist ein guter Tag für den Schutz der Bienen in Deutschland und in Europa". Bereits vor dem Votum hatte sie gesagt, was der Biene schade, müsse weg vom Markt. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) wies am Freitagmorgen im ZDF-"Morgenmagazin" auf die Folgen der Gifte hin: "Das Insektensterben ist jetzt wirklich dramatisch". Neonikotinoide sind für Insekten deutlich giftiger als für Säugetiere oder Vögel. Sie greifen das zentrale Nervensystem an, können lähmen oder zum Tode führen.

  • Und wie argumentieren Naturschutzverbände?

Die Grünen und Umweltorganisationen werten die Entscheidung zwar als Erfolg, weisen aber auf die Gefahren zukünftiger Alternativen hin: "Lediglich alte Gifte durch ganz ähnliche neue, genauso gefährliche Stoffe zu ersetzten, wäre Etikettenschwindel", warnte der Bundestagsabgeordnete Harald Ebner von den Grünen. Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter ergänzte: "Um Bienen und andere wertvolle Insekten dauerhaft zu schützen, müssen wir den Einsatz giftiger Pflanzen- und Insektengifte schnell und drastisch senken."

  • Wäre damit alles geklärt?

Es gibt weitere Neonikotinoide, die ohne Einschränkung eingesetzt werden können, etwa Thiacloprid und Acetamiprid - letztes wird von der Efsa als "geringes Risiko für Bienen" eingeordnet. Ein Verbot oder weitere Einschränkungen seien daher "weder wissenschaftlich noch rechtlich angebracht". Das kritisieren Umweltverbände: Alle Neonikotinoide und ähnlich wirkenden Insektizide müssten komplett vom Markt verschwinden, sagte Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller.

(heif)