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| 18:54 Uhr

Konzept ist umstritten
Kästchen statt Noten beim neuen „Pflege-Tüv“

Der „Tüv“ soll helfen, dass Pflegebedürftige und Angehörige künftig bessere Einschätzungen von Einrichtungen bekommen.
Der „Tüv“ soll helfen, dass Pflegebedürftige und Angehörige künftig bessere Einschätzungen von Einrichtungen bekommen. FOTO: dpa / Stephanie Pilick
Berlin. Wissenschaftler legen umstrittenes Konzept vor. Die  Reform soll im Herbst nächsten Jahres starten. Von Stefan Vetter

Wer ein passendes Pflegeheim für sich oder seine Angehörigen finden will, hat es schwer. Denn den Einrichtungen sieht man nicht gleich an,  ob sie gut oder schlecht sind. Eine neue Qualitätsbewertung soll nun für Abhilfe sorgen. Dass Echo auf  den von Wissenschaftlern unterbreiteten Vorschlag ist allerdings verhalten.

Den sogenannten Pflege-Tüv gibt es schon seit rund zehn Jahren. Doch das System ist in Verruf geraten.  Selbst Einrichtungen mit mäßiger oder gar schlechter Versorgungqualität erhalten gute Noten. Denn Defizite bei den pflegerischen Leistungen können zum Beispiel durch einen vorbildlichen Speiseplan oder sinnvolle Freizeitmöglichkeiten für die Heimbewohner  teilweise wettgemacht werden.  So kommt es, dass die Heime in Deutschland aktuell auf eine sehr gute Durchschnittsnote von 1,2 kommen. Letztlich ist das ein irreführender Wert, dessen Zustandekommen von Experten immer wieder kritisiert wurde.

Vor zwei Jahren nahm deshalb  der „Qualitätsausschuss Pflege“ aus Vertretern der Pflegekassen und Pflegeeinrichtungen seine Arbeit auf.  Die von dem Gremium beauftragten Wissenschaftler unter Federführung der Uni Bielefeld  legten nun ein Konzept vor, wonach die bisherigen Benotungen durch ein Fünf-Punkte-Symbol sowie vier quadratische  Kästchen abgelöst werden sollen. Im Mittelpunkt steht dabei die Pflegequalität. Konkret zum Beispiel, wie es um die Selbständigkeit im Alltag der Heimbewohner bestellt ist. Oder, ob sich Pflegbedürftige im Bett durch mangelnde Fürsorge wundliegen.

Kriterien wie etwa gutes Essen spielen dagegen nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Punkte-Symbol beruht auf  Daten, die von den Heimen selbst erfasst werden. Die quadratischen Kästen wiederum sind das Ergebnis externer Prüfungen durch den  Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Die Kästchen stehen für vier Bewertungskategorien, die von „keine oder geringe Qualitätsdefizite“  über „moderate“ und „erhebliche“ bis hin zu „schwerwiegende“  Defizite reichen.

Fachleute befürchten, dass interessierte Laien durch die Fülle dieser Daten und Details überfordert sein könnten, um zu einem eigenen Urteil für die richtige Auswahl eines Heims zu kommen. „Das vorgeschlagene Punktesystem der Wissenschaftler ist nicht benutzerfreundlich“, sagte  der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, der RUNDSCHAU.  Vielmehr brauche es eine Gesamtnote und pflegerelevante K.O.-Kriterien, so Brysch. „Dazu gehören die Schmerztherapie und die Verhinderung von Wundgeschwüren, die Gabe von Medikamenten sowie die Behandlungspflege“. Ein neuer  Pflege-Tüv müsse leicht verständlich sein, die Praxis abbilden und eine schnelle Vergleichbarkeit ermöglichen. Der Gesundheitsexperte und SPD-Fraktionsvize,   Karl Lauterbach, äußerte sich ebenfalls kritisch. Zwar seien die Vorschläge geeignet, „die Unterschiede zwischen den einzelnen Pflegeeinrichtungen klarer zu machen, weil nicht alle Einrichtungen automatisch gut bewertet werden“. Die Informationen könnten aber sicher noch vereinfacht werden. „Es muss noch an besseren Zusammenfassungen der Ergebnisse gearbeitet werden“, erklärte Lauterbach auf  Anfrage.  Die Pflegeexpertin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, nannte es derweil grundsätzlich richtig, im neuen Prüfungsverfahren den Blick mehr auf fachliche Aspekte zu richten.

Das weitere Vorgehen ist nun Verhandlungssache der Selbstverwaltung von  Pflegekassen und Pflegeanbietern. Nach Angaben Lauterbach soll der neue „Pflege-Tüv“ spätestens im Herbst 2019 starten.

ARCHIV - 23.02.2013, Berlin: Ein Pfleger auf der Intensivstation im Spandauer Vivantes-Klinkum zieht sich einen Schutz-Umhang an. (zu dpa "Gutachter schlagen neue Bewertungen für «Pflege-Tüv» vom 19.11.2018) Foto: Stephanie Pilick/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
ARCHIV - 23.02.2013, Berlin: Ein Pfleger auf der Intensivstation im Spandauer Vivantes-Klinkum zieht sich einen Schutz-Umhang an. (zu dpa "Gutachter schlagen neue Bewertungen für «Pflege-Tüv» vom 19.11.2018) Foto: Stephanie Pilick/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: dpa / Stephanie Pilick