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| 09:07 Uhr

Wuppertal
Jung, lesbisch, CDU

Wuppertal. Wohin steuert die CDU nach Angela Merkel? Das wird auch davon abhängen, ob Frauen wie die 27-jährige Diana Kinnert gehört werden. Sebastian Dalkowski

Das ganze Ausmaß des Problems zeigt ein Foto. Vier Männer um oder jenseits der 60 stehen in Anzug und Krawatte an einem Tisch vor einem Tennisheim, außerdem ein Mann unter 40. Sie strahlen in die Kamera, es ist der 70. Geburtstag der CDU Henstedt-Ulzburg in Schleswig-Holstein. Nur die sechste Person fällt sofort auf zwischen den Abgeordneten und Wahlkreiskandidaten: eine junge Frau mit langen dunklen Haaren und dunklerem Teint. Sie hat die Ärmel ihres grünen Hemdes aufgekrempelt, auf dem Kopf trägt sie eine blaue Baseballkappe, der Schirm zeigt zur Seite. Auch Diana Kinnert ist CDU-Mitglied, doch sie vereint alles, was in der CDU unterrepräsentiert ist: Sie ist jung, 27, weiblich, lesbisch und hat einen Migrationshintergrund. Ihr Vater ist polnischer Spätaussiedler, die Mutter kommt von den Philippinen. Sie hat zwar kein höheres Amt, aber ein erfolgreiches Buch geschrieben mit dem Titel "Für die Zukunft seh' ich schwarz". Wie landet so jemand in der CDU?

Den Volksparteien mangelt es an jungen Leuten, vor allem an jungen Frauen. Gerade in der CDU wird sich das bald bemerkbar machen, denn die Frage, wohin die Partei nach Angela Merkel steuert, wird immer dringlicher. Die Antwort wird auch davon abhängen, welche Rolle Frauen wie Diana Kinnert in der Partei spielen werden.

Kinnert wächst am Stadtrand von Wuppertal auf. Weil ihre Eltern nicht deutschstämmig sind, muss sie ihre Identität erst zusammensuchen. Es ist kein Ereignis, das sie politisiert, es sind die Fahrten mit der Schwebebahn. Die Verschiedenheit, die sie in ihrer Person vereint, sieht sie auch dort. Sie guckt in leer stehende Fabrikgebäude, in Büros, Wohnungen von Arbeitslosen, sie sieht in Parks türkische Familien grillen, weil sie keinen Garten haben. Wie hängt das zusammen? Was kann man da machen? In Kinnerts Kopf fängt es an zu rattern. Mit 17 Jahren tritt sie der CDU bei. Zwar passt ihr vieles an der Partei nicht, aber sie findet dort mehr Übereinstimmungen mit ihren eigenen Positionen als bei den anderen. Kinnert ist katholisch, sie glaubt an die Marktwirtschaft. Links, das erscheint ihr zu unrealistisch, dogmatisch.

Doch auf diese junge Frau ist die Partei nicht eingestellt. Erst als sie das dritte Mal am Stammtisch des Ortsverbandes teilnimmt, spricht sie ein Mann an. Er hält sie für die Kellnerin und bestellt zwei Bier. Dann lernt sie an einem 1. Mai die Arbeit der CDA kennen, der christlich-demokratischen Arbeitnehmerschaft. Ab jetzt läuft es besser. Sie gründet die Schüler-Union in Wuppertal, bloggt darüber, wie Parteien attraktiver für junge Leute werden können. Die Konrad-Adenauer-Stiftung wird auf sie aufmerksam, sie wird Mitgründerin des Jugendbeirats, dann Mitglied einer Bundeskommission der CDU, die die Modernisierung der Partei vorantreiben soll. "Schon wenn ich sage, was ich denke, stoße ich bei der CDU Reaktionen an", sagt Kinnert. Sie wird Büroleiterin von Peter Hintze in Berlin, dem Abgeordneten in ihrem Wuppertaler Wahlkreis, und bleibt es bis zu seinem Tod 2016. Danach bietet man ihr an, sich bei Wahlen aufstellen zu lassen, in NRW, im Bund, aber sie verzichtet - vorerst. Berufspolitikerin ist nicht ihr Ziel, lieber ist sie Unternehmerin, sie betreibt eine Nachrichtenplattform für grüne Technologie.

Doch was hat diese 27-Jährige zu sagen? Worauf Kinnert schon mal keine Lust mehr hat: Leitkulturdebatten. Sie hat nichts dagegen, freiheitliche Werte als Leitkultur zu definieren, "aber so wie Jens Spahn zu sagen: Muslime wollen nicht nackt im Fitnessstudio duschen, das ist gegen meine Kultur - das finde ich Quatsch. Das schafft nur neue Feindbilder, anstatt zu gucken, was diese Leute mitbringen. Kultur ist, was eine Bedeutsamkeit entwickelt, ohne dass du darüber sprechen musst."

Kinnert treibt die Sorge um, dass Deutschland den Wandel verpasst. Dass die Industrienation im dritten Jahrtausend abgehängt wird, weil es nicht mehr so entscheidend ist, Industrienation zu sein. Das, was Deutschland auszeichne, werde in der Zukunft nicht mehr so gefragt sein: "In Ordnung und Organisation sind wir Deutschen gut, beim Reformieren und Experimentieren, im Pragmatismus und Flexibilität sind wir schlecht. Genau das aber wird der Rohstoff des nächsten Jahrhunderts sein."

Sie möchte bei der Bildung ansetzen, und da kommen die jungen Politiker ins Spiel, weil deren Ausbildung noch nicht so lange zurückliegt. Manche Berufe werde es gar nicht mehr geben, manche werden sich verändern, manche werden wir neu brauchen. Vielleicht brauche es bald Lotsen für automatisiertes Fahren. "Darauf ist unser Schulsystem nicht vorbereitet, die Uni nicht, das Rentensystem nicht." Sie fordert neue Schulfächer wie Programmieren. "Man muss sich an lebenslanges Lernen gewöhnen - dass ein 40-Jähriger mit einem 12-Jährigen in einem Coding-Kurs sitzt."

Doch damit junge Leute neue Themen in die Politik bringen, müssen sie erst mal Parteien beitreten. Kinnert hält ihre Generation nicht für unpolitisch, bloß engagiere diese sich anders, lieber eine Demo statt jede Woche Ortsverband. Kinnert sieht das nicht nur positiv: "Ich finde, dass meine Generation zu bequem geworden ist. Man muss länger dabei bleiben. Konsense ausfechten. Damals saßen Leute mit Tofu und Mettwurst nebeneinander und beides war okay - heute schreien wir sofort: Der und der ist extremistisch." Doch sie verlangt auch, dass Parteien den jungen Leuten entgegenkommen. Themenspezifisches Arbeiten statt immer nur Ortsverband, Online-Gremien statt Regionalgebundenheit, mehr Mitbestimmung der kleinen Mitglieder, eine Internet-Ortsgruppe.