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| 11:59 Uhr

Interview
„Das Gemetzel geht bis zur Erschöpfung“

Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer
Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer FOTO: dpa / Kay Nietfeld
Köln . Magdeburg war das Aleppo des Dreißigjährigen Krieges – das sagt Ex-Außenminister Joschka Fischer.

Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) sieht die Vermischung mehrerer Kriege als eine Parallele zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Syrienkonflikt. In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur erläutert er, dass sich die Verwüstung Magdeburgs 1631 mit der Zerstörung Aleppos vergleichen lasse. Die syrische Stadt war zeitweise ein zentraler Schauplatz der Kämpfe zwischen den Truppen von Präsident Baschar al-Assad und seiner Verbündeten gegen Oppositionsmilizen.

Viele Historiker sehen auffällige Parallelen zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Krieg in Syrien. Sie auch?

Fischer: Vergleichen Sie Syrien mit einer Geschichte des Dreißigjährigen Krieges: Es trifft fast eins zu eins zu.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten?

Fischer: Erstens: Es ist nicht ein Krieg, sondern es sind mittlerweile mehrere Kriege, die man unterscheiden kann. Es begann als Aufstand für Demokratisierung, es wurde dann zu einem Krieg gegen den Islamischen Staat. Mittlerweile haben wir einen türkisch-kurdischen Krieg, und es droht ein israelisch-iranischer Krieg, da waren wir neulich kurz davor. Wir haben auch die Konfrontation der Weltmächte, das darf man nicht ausschließen. Die ursprüngliche Ursache ist mittlerweile in den Hintergrund getreten, und das Gemetzel geht weiter, ich vermute bis zur Erschöpfung aller Beteiligten.

Und wie im Dreißigjährigen Krieg geht es auch um Religion?

Fischer: Die Parallele, dass die Religion für machtpolitische Zwecke missbraucht wird, ist auch gegeben. Der innerislamische Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten wird sowohl vom Iran als auch von sunnitischen Mächten wie Saudi-Arabien und anderen benutzt. Also, es gibt da sehr, sehr viele Gemeinsamkeiten. Das geht so weit, dass Sie Magdeburg mit Aleppo vergleichen können. Es ist furchtbar.

 Wie kann der Krieg beendet werden?

Fischer: Ich sehe nicht, dass eine westliche Militärintervention machbar ist, oder dass sie Positives bringen würde. Insofern wird es das nicht geben. Und ich meine auch, dass Russland leicht da reingekommen ist, aber ich glaube, es wird schwer, wieder rauszukommen.

Könnte man sich einen Westfälischen Frieden für Syrien vorstellen?

Fischer: Es ist furchtbar, wie die Menschen dort zu leiden haben, das darf man nicht vergessen. Am Ende wird es nach vielen, vielen Toten und furchtbaren Gräueltaten einen Kompromiss aller Beteiligten brauchen. Ob der mit Assad erreichbar ist, das wage ich zu bezweifeln. Dazu hat der zu viele auf dem Gewissen. Wir werden es sehen.

Mit Joschka Fischer sprach Christoph Driessen

(dpa/bob)