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Jetzt sitzt auch Zschäpes guter Freund

Sitzt jetzt in Untersuchungshaft: André E. , der sein Gesicht verdeckt.
Sitzt jetzt in Untersuchungshaft: André E. , der sein Gesicht verdeckt. FOTO: dpa
München. Mit dem Haftbefehl gegen André E. sitzen nunmehr drei der fünf Angeklagten im NSU-Prozess in Untersuchungshaft. Christoph Lemmer

Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und der mutmaßliche Waffenbeschaffer Ralf Wohlleben wurden schon kurz nach dem Auffliegen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" im November 2011 inhaftiert.

E. lebte dagegen nach nur kurzer Inhaftierung auf freiem Fuß und reist seit nunmehr viereinhalb Jahren zu jedem Prozesstag in München aus Zwickau an, wo er lebt.

Die Bundesanwaltschaft hatte E. in ihrem Plädoyer als treuesten Unterstützer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" bezeichnet und zwölf Jahre Freiheitsstrafe für ihn gefordert. Das Gericht begründete den Haftbefehl gegen E. mit Fluchtgefahr. Aus dem Plädoyer habe E. "erstmals eine Würdigung des Beweisergebnisses" mit der drohenden Konsequenz einer langen Haftstrafe erfahren. Zwar sei E. verheiratet, habe drei Kinder und sei "ausnahmslos" pünktlich zu jeder Verhandlung erschienen. Andererseits habe er sich aber bis heute nicht "aus der rechten Szene gelöst", "die ihm Schutz und Unterschlupf bieten kann". Für E. gelte außerdem der gesetzliche "Haftgrund der Schwerkriminalität".

E. ist der einzige der fünf Angeklagten im NSU-Prozess, der bis heute konsequent schweigt. Allerdings fiel er gelegentlich mit provokanter Kleidung auf. Als sein Zwillingsbruder als Zeuge vor Gericht auftrat, trug er ein Shirt mit der Aufschrift "Brüder schweigen". Erwartungsgemäß beantwortete sein Bruder dann auch keine Fragen. Einmal wurde er zwecks Beweissicherung aus dem Saal geführt, als er einen Pullover mit dem Logo einer rechtsextremen Band aus Skandinavien trug. Mehrmals wurde er als Teilnehmer rechtsradikaler Demonstrationen oder Konzerte identifiziert.

Beate Zschäpe und ihre beiden Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt lernte E. nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft in Chemnitz kennen. Dort war das Trio 1998 nach dem Untertauchen bei Mitgliedern der Gruppe "Blood & Honour" untergekommen. E. und sein Zwillingsbruder führten zu dieser Zeit eine Kameradschaft, die sie "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" nannten. Außerdem gaben sie eine Szene-Postille heraus, in der sie Nordische Gottheiten priesen, in einer Art Lexikon menschliche Rassen bewerteten oder "white Socialism World Wide" (weißen Sozialismus weltweit) propagierten. Den Ermittlern des Bundeskriminalamtes fiel bei den Ermittlungen zum NSU auf, dass die Propaganda der beiden Zwillingsbrüder mit den ersten Straftaten der Gruppe schlagartig endete.

Die Bundesanwaltschaft meint in ihrem Plädoyer, André E. sei der engste und loyalste Freund des NSU-Trios gewesen sei. Er und seine Familie hätten die gesamte Zeit im Untergrund Kontakt gehalten. Beate Zschäpe, so Oberstaatsanwältin Anette Greger, habe die Kinder von André E. als "Ersatz für eigene Kinder empfunden, weil sie selbst keine Kinder bekommen konnte".

E. habe Wohnmobile gemietet, mit denen Mundlos und Böhnhardt zu Tatorten gefahren seien. Er habe außerdem geholfen, die Tarnung des Trios zu wahren. Einmal habe er Zschäpe als seine Ehefrau ausgegeben, die als Zeugin nach einem Wasserschaden in ihrem Wohnhaus bei der Polizei aussagen musste.

Nach dem Selbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sei E. zur Stelle gewesen, als Zschäpe frische Kleidung brauchte und sich auf eine bis heute nicht restlos geklärte tagelange Irrfahrt mit der Bahn machte, nach der sie sich dann in Jena der Polizei stellte. Wenig später war dann auch E. zunächst inhaftiert, im Juni 2012 aber wieder freigelassen worden. Bei der erkennungsdienstlichen Behandlung wurden auch seine zahlreichen Tätowierungen fotografiert, etwa der Schriftzug "Die Jew Die" (stirb Jude, stirb), der groß quer über den gesamten Bauch verläuft.

Später fand die Polizei in seiner Wohnung ein gerahmtes und offenbar von E. selbst gemaltes Bild. Es zeigt die Porträts von Mundlos und Böhnhardt, dahinter die germanische Todesrune und in Sütterlinschrift das Wort "unvergessen". Das, so Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten im Anklage-Plädoyer, könne man "als den seltenen Fall einer gestehenden Wohnzimmergestaltung" verstehen.