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| 18:28 Uhr

Politik und Fußball
Ist Merkels auch Jogis Abstieg?

Das waren noch besser Tage: Die Weltmeister 2014 jubeln mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestrainer Joachim Löw . 
Das waren noch besser Tage: Die Weltmeister 2014 jubeln mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestrainer Joachim Löw .  FOTO: Guido Bergmann
Berlin. Es gibt erstaunliche Parallelen zwischen Kanzlerin und Bundestrainer – auch früher schon. Von Hagen Strauss

  Erst WM, dann Krise: Vor der Nachtsitzung der Unionsführung zum Asylstreit versammelte Kanzlerin Angela Merkel ihre CDU-Parteifreunde zunächst einmal zum Fußballgucken. CSU hin, Seehofer her. Die Niederlage der Nationalmannschaft am Sonntagabend gegen Mexiko dürfte freilich auch der Kanzlerin nicht geschmeckt haben. Erstens, weil sie Fan ist. Zweitens, weil womöglich „Jogis“ Abstieg auch mit „Angies“ Abstieg einhergeht – und umgekehrt. Viele denken schon so.

Beide Karrieren weisen Parallelen auf. Joachim Löws Aufstieg zum „Jogi“ der Nation begann mit der WM 2006 in Deutschland, als er Co-Trainer von Jürgen Klinsmann war und die Kicker mit ihrer frischen Vorstellung für ein neues, entspanntes Nationalgefühl sorgten. Ein halbes Jahr zuvor war Merkel Kanzlerin geworden. Den Schwung der DFB-Elf nahm sie gerne auf der Tribüne jubelnd mit. Es herrschte blendende Laune auf dem Platz und in der Politik. Merkel avancierte zur „Mutti“ der Nation.

Seitdem verbindet die CDU-Chefin eine enge Beziehung mit dem Chefcoach: Besuche im Trainingslager vor wichtigen Turnieren sind Pflicht, Abendessen mit Löw – dann gibt es Cordon bleu mit Pommes oder Bratkartoffeln – und der Nationalelf sind Kür. „Die Mannschaft und ich, wir freuen uns jedes Mal, sie zu sehen“, so kürzlich der Bundestrainer. Und Merkel weiß: Bilder mit der Kicker-Elite kommen meist gut an. Doch nicht nur beide Karrieren verliefen vergleichbar, auch charakterlich scheinen sich Merkel und Löw zu ähneln: Hier die „schwäbische Hausfrau“, wie sie mal in einer Rede meinte, dort der Mann aus dem Schwarzwald, beide bodenständig und unprätentiös, ohne große Allüren. Merkel wie Löw gelten als Moderierende, die eine im Kabinett, der andere in der Kabine. Und sie umgeben sich seit Jahren mit einem engen Kreis von Vertrauten. Ratschläge von außen werden nur widerwillig befolgt. Das funktioniert, bis es zum Trott wird.

So wie Merkel und Löw entsprachen sich komischerweise auch ihre Vorgänger im Amt. Als Gerhard Schröder Bundeskanzler war, hieß der Teamchef  Rudi Völler. Beide waren impulsiv, hauten gerne mal mit der Faust auf den Tisch. Vor Schröder war Helmut Kohl Kanzler – und Berti Vogts eine Zeitlang der Chef auf dem Platz. Der Fußball, den Vogts spielen ließ, war so wie die Politik des Pfälzers: defensiv und unkreativ, Abschlussschwäche auf beiden Seiten. 1998 verloren Kohl und Vogts dann ihre Ämter. Anders übrigens 1990: Da wurde Deutschland mit „Kaiser“ Franz Beckenbauer als Teamchef wieder Weltmeister und Helmut Kohl vollzog die historische Wiedervereinigung. Beides passte gut zusammen.

Es gibt ein Zusammenspiel von Fußball und Politik, eine geheimnisvolle Interaktion. Forscher haben dies längst herausgefunden. Zum Beispiel, dass der Zeitgeist beide Sphären prägt – Reformelan passt zum offensiven Spiel, Reformstau zum Rumpelfußball. Oder, dass Siege in wichtigen Spielen den Kanzler in der Wählergunst steigen lassen. Bei Merkel und Löw ist es jetzt so: Jogis Team wirft man eine zu große Selbstzufriedenheit vor, Merkel, dass sie kraftlos geworden ist. Die Kanzlerin muss um ihr Amt bangen, da die CSU die Revolution gegen sie angezettelt hat. Zugleich droht dem Bundestrainer in der Vorrunde das Aus bei der Weltmeisterschaft, wenn am kommenden Samstag nicht gegen Schweden gewonnen wird. Beide könnten dann aufhören müssen – so, wie beide fast zeitgleich begonnen haben.

Aber es kann auch alles ganz anders kommen: Merkel gewinnt gegen die CSU und Löw mit seinem Team gegen Schweden. Denn das haben große Philosophen auch herausgefunden: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.