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| 18:50 Uhr

Hooligans
Ist die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland sicher?

Bei den Ausschreitungen zwischen englischen und russischen Fangruppen in Marseille  bei der EM 2016 waren allein etwa 150 russische Hooligans beteiligt.
Bei den Ausschreitungen zwischen englischen und russischen Fangruppen in Marseille  bei der EM 2016 waren allein etwa 150 russische Hooligans beteiligt. FOTO: Ali Haider
Moskau. Militante Rückkehrer aus Syrien stellen ein Risiko dar. Auch Bundeskriminalamt sieht Terrorgefahr. Fifa vertraut auf russisches Sicherheitskonzept. dpa

Helmut Spahn, Sicherheitschef der Fifa, hat keine Bedenken, was die Sicherheit bei der Fußball-WM in Russland betrifft: „Die Sicherheitskonzepte sind auf höchstem Niveau“, meint er. Schon beim Confederations Cup, der Generalprobe zur WM im vorigen Jahr, sei die Fifa mit der Vorbereitung russischer Sicherheitskräfte sehr zufrieden gewesen. Russland verfügt über Erfahrungen mit Großveranstaltungen und dies auch im Umfeld des volatilen Nordkaukasus. Erst 2014 fanden in Sotschi die Olympischen Winterspiele statt.

Währenddessen kam es zu keinen terroristischen Zwischenfällen. Dabei ist der Nordkaukasus Russlands erfolgreichstes Rekrutierungsgebiet. Nach wie vor stammen die meisten russischen Dschihadisten des Islamischen Staats (IS) aus der Bergregion. Sie kämpften im Irak und in Syrien. Nach unterschiedlichen Schätzungen soll es 4000 bis 5000 russische Gotteskrieger in den Reihen des IS geben.

Dass die Wettbewerbe in Sotschi quasi in einem Hochsicherheitstrakt stattfanden, nahmen die meisten Besucher damals gar nicht wahr. Das wird sich auch bei der Fußball-WM nicht ändern. Dennoch findet die Weltmeisterschaft in einem veränderten Umfeld statt.

Militante Rückkehrer aus Syrien seien zum Angriff bereit, meint Chris Hawkins. Sie würden Russlands militärische Intervention im Mittleren Osten ablehnen, sagt der Sicherheitsexperte von der Londoner Zeitschrift für Sicherheitspolitik Jane. „Für Täter ist das eine ersehnte Herausforderung“, so Hawkins.

Je näher der Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft am 14. Juni rückt, desto häufiger versuche der IS auch über eigene Medien Einzeltäter zu Taten mit einfachen Waffen oder Autos anzustiften. Überdies kursieren im Netz Videos, in denen Gotteskrieger vor russischen Stadien mit Maschinenpistolen posieren. Auch das Bundeskriminalamt (BKA) ging in einem vertraulichen Bericht von einer hohen Terrorgefahr durch radikale Islamisten aus.

Wie viele Polizisten, Militärs, Nationalgardisten und Geheimdienstler im Einsatz sein werden, bleibt ein Geheiminis. Es dürften aber mehrere Hunderttausend sein. Allein das Katastrophenschutzministerium stellt 40 000 Kräfte ab. Private Sicherheitsdienste wurden mit 14 000 in die Pflicht genommen.

Darüberhinaus sollen Zehntausende Kameras den Fans „auf den Fersen folgen“. In Russland soll sich nicht wiederholen, was sich bei der EM in Frankreich vor zwei Jahren abspielte. Englische und russische Hooligans fielen in Massenschlägereien übereinander her. Russland war sogar ein bisschen stolz auf die Jungs. Nun ist Moskau aber Gastgeber und trägt Verantwortung. Wladimir Putin sprach der Polizeiführung daher ins Gewissen. „Von der Gründlichkeit Ihrer Arbeit hängt das Image des Landes ab“, mahnte er.

Die eigenen Hooligans hat Moskau inzwischen unschädlich gemacht, behaupten Kenner der Szene. Dem Hooligan Alexander Schprygin von Dynamo Moskau wird gerade der Prozess gemacht. Das teilte er auf Anfrage mit. Schprygin erhielt Stadionverbot und schweigt seither. Die WM ist für ihn wie für viele andere bereits im Vorfeld gelaufen.

Schlachtrufe englischer Hooligans, die den Russen einen „vierten und fünften Weltkrieg“ im englischen Boulevardblatt Daily Star prophezeiten, sorgen zwar für notwendiges Kolorit. Die Sicherheitskräfte dürften dies im Vorfeld jedoch verhindern. „Soll der Gegner mit Messern und Baseballschlägern vorgehen, uns Briten reichen die Fäuste“, prahlte ein Draufgänger von der Insel. Für solche Fälle wird die Nationalgarde mit Elektroschockern  ausgestattet.

Wladimir Markin, Fan-Beauftragter des russischen Fußballverbands, riet den „ausländischen Fans mit bösen Absichten“ unterdessen, einen Blick in Russlands Geschichte zu werfen und sich den Krieg gegen den Faschismus anzusehen.“ Wie viele Herren haben wir empfangen und was ist aus ihnen geworden?“ so Markin. Sollte sich die Fanszene doch verselbständigen, so hat der Fuhrpark der Sicherheitskräfte auch neue Waffen im Arsenal. „Schepot“ etwa, „Geflüster“ auf Deutsch. Diese Maschine neutralisiert „biologische Objekte“ durch Lärmentwicklung.

Mit Verboten geht Russlands Führung großzügig um: In einigen Spielorten wurde das Grillen unter freiem Himmel verboten. Der Grund dafür sind Waldbrände, die im Sommer 2010 weite Teile des europäischen Russlands in Rauschschwaden hüllten. Einige Industriebetriebe mit Schadstoffentwicklung müssen für die WM ebenfalls den Betrieb einstellen. Nicht erlaubt sind auch Busse in Spielorten, die nicht mit dem russischen GPS-Pendant Glonassausgestattet sind.

Auch Drohnen und Privatflugzeuge sollten 110 Kilometer vor den Spielstätten abdrehen. Allerdings verfügt die Nationalgarde über Kampfsysteme, die es mit jeder Art von Fremdkörpern aufnehmen. Auch Demonstrationen sind bis auf Weiteres untersagt. Die Verbote bei der WM fallen schärfer aus als bei Olympia in Sotschi, meinen Beobachter. Im Umkreis der Spielstätten wird auch der Verkauf von Alkohol untersagt. Kaliningrads Bürgermeister empfahl den Einwohnern, für die Zeit der WM die Stadt zu verlassen. Hunderttausend Gäste kämen, für alle würde es zu eng. Völkerverständigung hin oder her.