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| 14:49 Uhr

Interview mit Karl Lauterbach
SPD-Gesundheitsexperte: „Es droht kein Kassensterben“

Für Karl Lauterbach (SPD) droht in den kommenden Jahren kein Sterben der Krankenkassen.
Für Karl Lauterbach (SPD) droht in den kommenden Jahren kein Sterben der Krankenkassen. FOTO: Bernd von Jutrczenka / dpa
Berlin. Der Chef der Barmer-Ersatzkasse, Christoph Straub, erwartet, dass sich rund 15 Millionen Versicherte in den nächsten Jahren eine neue Krankenkasse suchen müssen, weil ihrer angestammten Kasse die Pleite drohe. Der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, hält diese Prognose für unbegründet. Von Stefan Vetter

Das hat er im Gespräch mit unserem Korrespondenten Stefan Vetter deutlich gemacht.

Herr Lauterbach, droht Deutschland wirklich ein Kassensterben?

Lauterbach: Nein. Angesichts der derzeit guten konjunkturellen Lage und der Tatsache, dass wir deshalb den Beitragssatz im kommenden Jahr sogar absenken, halte ich das für unvorstellbar. Herrn Straub geht es wohl in erster Linie darum, für die Barmer mehr Geld aus dem sogenannten Risikostrukturausgleich, also dem Finanzausgleich unter den Kassen, zu bekommen.

Straub beklagt, dass der Finanzausgleich unter den Kassen nicht funktioniere und manche Kassen gerade deshalb in Schieflage kämen.

Lauterbach: Die Kassen, die wirtschaftlich nicht so gut dastehen, sagen, dieser Ausgleich funktioniert nicht. Und die Kassen, die gut dastehen, sagen, dass er funktioniert. Die Kritik an der Finanzverteilung ist also nur ein Teil der Wahrheit.

Das heißt, Sie sehen keinen Bedarf für eine Neuregelung?

Lauterbach: Zunächst ist es völlig richtig, dass eine Kasse mit vielen älteren und kranken Versicherten einen höheren Ausgleich bekommt als eine Kasse mit jüngeren und gesünderen Versicherten. Ansonsten würde sich der Kassenwettbewerb nur um die Gesunden drehen. Das wäre ein perverser Wettbewerb.

Also alles in Ordnung?

Lauterbach: Tatsache ist freilich auch, dass derzeit nur 80 Krankheiten finanziell ausgeglichen werden. Es gibt aber viel mehr, und es kann nicht sein, dass für einen an Zucker Erkrankten mehr Geld fließt, aber für einen Versicherten mit einer teuren und seltenen rheumatischen Erkrankung nicht. Eine solche Reform ist aber sehr kompliziert und bedarf einer längeren Vorbereitung.

Die frühere SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte schon im Jahr 2009 erklärt, dass maximal 50 Kassen in Deutschland reichten, um für Wettbewerb zu sorgen. Gilt das für ihre Partei auch heute noch?

Lauterbach: Die Zahl der Kassen, die am Ende übrig bleiben, überlassen wir dem Wettbewerb. Derzeit haben wir immerhin noch 113 gesetzliche und 45 private Krankenkassen. Anstatt sich gegenseitig das Geld aus dem Risikostrukturausgleich streitig machen, wäre es allerdings besser, dass sich die gesetzlichen Kassen mehr für die Einführung der Bürgerversicherung einsetzen würden. Denn es sind ihre Versicherten, auch die der Barmer, die unter der Zwei-Klassen-Medizin leiden.

Die gesetzlichen Kassen fürchten aber ein Minusgeschäft, wenn im Zuge einer Bürgerversicherung heutige Privatpatienten mit hohen Gesundheitsrisiken zu ihnen wechselten.

Lauterbach: Das wird nicht passieren. Wir wissen, dass gerade junge Leute aus der privaten in die gesetzliche Krankenversicherung wechseln würden, weil bei ihnen die Angst vor stark steigenden Beiträgen umgeht.

Wären weniger Kassen im Interesse einer Bürgerversicherung?

Lauterbach: Uns ist nicht die Anzahl der Kassen wichtig, sondern, dass der Wettbewerb ohne Zwei-Klassen-Medizin funktioniert. Die Bürgerversicherung muss kommen. Dafür setzen wir uns auch bei möglichen Gesprächen mit der Union über einer Regierungsbildung ein.