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| 18:13 Uhr

Interview mit Pascale Ehrenfreund
„Vorreiter bei der Erdbeobachtung“

  Pascale Ehrenfreund überreichte im Mai 2017 in Köln dem deutschen Astronauten Alexander Gerst eine Zeitkapsel. Gerst kam vor Kurzem aus dem All zurück.
Pascale Ehrenfreund überreichte im Mai 2017 in Köln dem deutschen Astronauten Alexander Gerst eine Zeitkapsel. Gerst kam vor Kurzem aus dem All zurück. FOTO: picture alliance / Oliver Berg/d / Oliver Berg
Berlin. Die DLR-Chefin spricht über Sinn und Perspektiven der deutschen Luft- und Raumfahrtaktivitäten. Von Werner Kolhoff

Sogar ein Asteroid heißt mittlerweile nach ihr. Die 58-jährige Astrobiologin Pascale Ehrenfreund leitet seit 2015 das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Diese Forschungseinrichtung hat bundesweit 8000 Mitarbeiter und wendet jährlich rund eine Milliarde Euro auf. Die RUNDSCHAU sprach mit der geborenen Österreicherin über den Stand und die Perspektiven der deutschen Raumfahrtforschung.

Was war für Sie im letzten Jahr das wichtigste Ereignis?

Ehrenfreund Dass Alexander Gerst zum zweiten Mal zur internationalen Raumstation ISS gestartet ist und ein hal­bes Jahr dort Kommandant war. Die Mission war sehr erfolgreich.

Apropos ISS: Die Station ist mehr als 20 Jahre alt. Wie lange hält sie noch durch?

Ehrenfreund Die Nasa diskutiert mit ihren internationalen Partnern, die Station noch bis 2028 zu benutzen. Derzeit werden schon Industriepartner gesucht für ein neues Projekt. Das soll eine kleinere Raumstation in der Umlaufbahn des Mondes sein. Ob und in welchem Umfang sich Deutschland im Rahmen der europäischen Raumfahrtagentur Esa daran beteiligt, muss letztlich die Bundesregierung entscheiden.

Es kann also durchaus sein, dass dann irgendwann ein Deutscher zum Mond fliegt?

Ehrenfreund Wenn es dazu kommt, ja. Wenigstens in die Umlaufbahn des Mondes.

Die Bundesregierung hat Ihre Branche als Schlüsseltechnologie definiert. Handelt sie auch entsprechend?

Ehrenfreund Ja. Deutschland ist der größte Beitragszahler der Esa, und wir sind an vielen großen internationalen Missionen beteiligt. Zusammen mit Japan und Frankreich haben wir zum Beispiel ein vom DLR gebautes Landegerät zu einem Asteroiden geschickt, mit vielen Instrumenten aus deutschen Instituten. Oder die Mission „Insight“, die Ende November auf dem Mars gelandet ist. Eines der wichtigsten Instrumente dabei ist eine Art Bohrhammer, den wir Maulwurf nennen. Er wird sich ab Ende Januar in den Untergrund des Planeten vorarbeiten und viele geologische Messungen vornehmen. Beides sehr spektakulär.

Kann Europa mit den großen Playern USA oder China mithalten?

Ehrenfreund Jeder hat seine eigenen Prioritäten. Vieles läuft auch in internationaler Kooperation, wie die ISS. Aber bei der Raketentechnologie wollen wir unsere eigenen Möglichkeiten als Europäer behalten. Deswegen investieren wir ständig in die „Ariane“.

In den USA gibt es zunehmend nicht-staatliche Akteure wie Elon Musk mit Space X. Warum nicht auch hier?

Ehrenfreund Auch Musk wird massiv vom Staat gefördert. Aber bestimmte Themen hat die Nasa bewusst in private Verantwortung gegeben, auch um Entwicklungen zu beschleunigen. Wie etwa die wiederverwendbare Rakete. Von dieser Dynamik profitieren auch wir. Zum Beispiel haben wir den Satelliten „Eu:Cropis“ mit Space X ins Weltall gebracht. Das amerikanische System können wir in Europa so allerdings nicht kopieren. Es fehlt hier an ähnlichem Risikokapital.

Wer Ihre Website aufmacht, sieht ein Lastenfahrrad. Was soll das denn?

Ehrenfreund Wir haben in Berlin ein Institut für Verkehrsforschung. Da geht es um die Mobilität der Zukunft, zu dem Lastenfahrräder gehören können.

Mit Luft- und Raumfahrt hat das wenig zu tun.

Ehrenfreund Es geht um integrierte Mobilitätskonzepte. Für die Luftfahrt haben wir zahlreiche Forschungsvorhaben. Wir erwarten, dass sich das Flugaufkommen bis 2035 weltweit verdoppelt. Unser gemeinsames europäisches Ziel ist es, die Luftverkehrsemissionen bis 2050 um 75 Prozent zu senken, den Lärm um 65 Prozent. Da sehen Sie die Herausforderung. Wir arbeiten intensiv an alternativen Antrieben und Brennstoffen und an optimierten Flugrouten. Das ist eine Riesenaufgabe.

Ein Großteil der Weltraumaktivitäten dient schon jetzt der Beobachtung der Erde. Wird das angesichts des Klimawandels künftig noch wichtiger werden?

Ehrenfreund Es gibt bereits 700 aktive Erdbeobachtungs-Satelliten. Dazu gehören auch einige deutsche Orbiter. Wir versuchen, immer bessere Instrumente in den Weltraum zu bringen. Etwa zur Messung der Atmosphäre oder der Ozeane. Das ist sehr wichtig für die Klimaforschung. In Sachen Erdbeobachtung sind wir Deutsche wirklich Vorreiter. Zum Beispiel haben wir mit unseren Satelliten ein fast komplettes und sehr genaues Höhenmodell unseres Planeten gemacht. Diese Daten werden uns förmlich aus der Hand gerissen. Wir arbeiten auch an neuen Algorithmen, um die ständig von den Satelliten einströmenden Datenmengen zuverlässig verarbeiten zu können.

Manche Menschen sagen, all das Geld wäre besser auf der Erde eingesetzt.

Ehrenfreund Dann wissen sie nicht, wie abhängig wir bereits von der Raumfahrt sind. Es gibt allein 1500 Satelliten für Navigation und Telekommunikation. Würde man die alle abschalten, würde auf der Erde sofort totales Chaos ausbrechen.