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| 19:21 Uhr

Interview mit Anna Kaminsky
„Immer wieder neue Zusammenhänge“

Anna Kaminsky, Vorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Stiftung hat seit ihrer Gründung deutschlandweit rund 3300 Projekte mit knapp 48 Millionen Euro gefördert.
Anna Kaminsky, Vorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Stiftung hat seit ihrer Gründung deutschlandweit rund 3300 Projekte mit knapp 48 Millionen Euro gefördert. FOTO: dpa / Soeren Stache
Berlin. Noch lange nicht ausgeforscht: 20 Jahre Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Vor 20 Jahren hat der Bundestag die Gründung der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ beschlossen. Am 2. November 1998 nahm die Stiftung die Arbeit auf. Heute beschäftigt sie 25 Mitarbeiter, hat einen Etat von fünf Millionen. Die Stiftung veröffentlicht regelmäßig Publikationen, organisiert Ausstellungen, Bildungsangebote und Diskussionsrunden. Zuletzt sorgte eine solche über das Jahr 1968 in Ost und West für Aufsehen.

20 Jahre Bundesstiftung Aufarbeitung – was war da die wichtigste Leistung? Den Opfern eine Stimme zu geben? Die Täter zu benennen?

Kaminsky Natürlich galt es zunächst herauszuarbeiten, was den Opfern der SED-Diktatur angetan wurde und wer dafür verantwortlich war. Sehr wichtig ist auch, dass sich eine dezentrale Aufarbeitungslandschaft entwickelt hat. Daran hat die Stiftung einen großen Anteil. Und wir haben dazu beigetragen, das Thema in den gesamtdeutschen Fokus zu rücken.

Markus Meckel, der Vorsitzende Ihres Stiftungsrates, hat beklagt, dass viele in Westdeutschland die DDR in die Schublade ostdeutsche Regionalgeschichte packen.

Kaminsky Ja, das ist vielfach noch so. Aber es verändert sich. Das Verständnis dafür, dass die zweite deutsche Diktatur zur gesamtdeutschen Geschichte gehört, wächst.

Wirklich?

Kaminsky Jedenfalls machen wir die Erfahrung, dass viele unserer Angebote im Westen zunehmend auf Resonanz stoßen. Vor allem die Generation, die schon im vereinten Deutschland aufgewachsen ist, geht sehr unbefangen und interessiert mit der deutschen Geschichte um.

Und die Älteren?

Kaminsky Da gibt es in Ost und West nach wie vor viele Vorbehalte. Ein bisschen gilt noch der Witz, nach dem der Ostdeutsche dem Westdeutschen erklärt, er habe immer Richtung Westen geblickt und der Westdeutsche antwortet: Ich auch.

Das Ende der DDR, das versucht die Stiftung deutlich zu machen, war aber nicht das Ende der Geschichte.

Kaminsky So ist es. Die Menschen in Ostdeutschland haben die Erfahrungen, die sie vor der deutschen Einheit gemacht haben, in das vereinigte Land mitgebracht. Dazu kamen dann aber die Erfahrungen der Umbruchzeit, als eine ganze Gesellschaft politisch und nicht zuletzt ökonomisch transformiert wurde. Das Erlebnis plötzlicher Massenarbeitslosigkeit und des Zusammenbruchs vieler Gewissheiten hat dazu geführt, dass die DDR-Diktatur im Nachhinein von vielen relativiert wurde.

Vielleicht war diese unmittelbare „Nachwendezeit“ für viele schlimmer….

Kaminsky Das mögen manche so empfunden haben. Wir haben immer versucht, deutlich zu machen, dass bei allen Fehlern, die im Vereinigungsprozess gemacht wurden, der ökonomische Zusammenbruch in Ostdeutschland letztlich eine Folge der Diktatur war, die ja auch vor der Ökonomie nicht haltgemacht hat.

In Ostdeutschland hat man oft den Eindruck, je länger das Ende der DDR zurückliegt, desto verklärter werden die Erinnerungen.

Kaminsky Ich denke, es ist unbestritten, dass man auch in der DDR ein schönes Leben haben konnte. Vor allem, wenn man es geschafft hat, die politischen Verhältnisse, die Reisebeschränkungen, die Mangelwirtschaft und die staatlichen Reglementierungen in Schule, Uni oder Betrieb auszublenden. Aber die Massenflucht der Ostdeutschen vor dem 9. November 1989 hat gezeigt, ein so eingeschränktes Leben reichte den meisten nicht.

Es gab keine Arbeitslosigkeit, die Mieten waren niedrig und Kitaplätze waren ausreichend vorhanden.

Kaminsky Ja. Aber in den Kindergärten wurde damit begonnen, „sozialistische Persönlichkeiten zu erziehen“, die Häuser verkamen und aus internen Berichten wissen wir, dass das SED-Politbüro bei ehrlicher Abrechnung der Produktivität die Arbeitslosigkeit, die es hätte geben müssen, mit 20 Prozent beziffert hat. Ich wurde mal gebeten, das Gute in der DDR zu nennen. Meine Antwort war: Das ist der falsche Ansatz. Die Frage lautet: Was ist gut an einer Diktatur?

Hängt das verklärte DDR-Bild mit Fehlern bei der Aufarbeitung zusammen? Der Blick war sehr stark auf die Stasi gerichtet. Der Alltag in der Diktatur blieb lange außen vor.

Kaminsky Dass die zu starke Konzentration auf das MfS und seine Spitzeltätigkeit in den 1990er-Jahren unzureichend war und dem Leben in der Diktatur nicht gerecht wurde, bestreitet heute niemand mehr. Als die Stiftung 1998 ihre Arbeit aufnahm, haben wir von Anfang an gesagt, wir brauchen einen breiten Ansatz. Aber man muss auch sagen: Das Interesse an allem, was mit der Stasi zusammenhing, war groß. In den 90er Jahren bestand die Aufarbeitung in den Medien vorwiegend aus Stasi-Enthüllungsgeschichten.

Interessant waren die Täter und nicht die Opfer?

Kaminsky Genau. Die mühevolle Darstellung, wie zum Beispiel die Diktatur vor Ort funktioniert hat, war offensichtlich nicht spannend genug. Die Stiftung hat sich aber genau darum von Anfang an gekümmert. Wir haben allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass sich diejenigen, die sich mit dem Alltag in der Diktatur beschäftigen wollten, als unpolitisch verdächtigt wurden.

Ist es das nicht?

Kaminsky Natürlich nicht. Im Gegenteil. Der Alltag der Menschen sagt oft genauso viel über eine Diktatur aus wie Berichte über Gefängnisse. Die sind ja das Ende der Repressions-Kette. Davor stehen verhinderte berufliche Entwicklungen. Oder der Eingriff des Staates in Familienbeziehungen, wenn er etwa entschied, ob man Verwandte im Westen sehen durfte oder nicht. Das war permanenter stiller Repressionsdruck, der das Verhalten der Menschen beeinflusste.

Im Alltag wurden die DDR-Bürger vor allem von der Mangelwirtschaft geplagt.

Kaminsky Aber das gehört doch alles zusammen. Selbst der Kaffee war hochpolitisch in der DDR. Weil die Betriebe international nicht konkurrenzfähig waren und kaum Devisen erwirtschaften konnten, wurde etwas als Kaffee verkauft, was den Namen nicht verdiente. Wer diese Zusammenhänge öffentlich machte, bekam Probleme.

Es ist eine gewaltige Leistung an Forschungs- und Publikationsarbeit geleistet worden. Manche sagen, die DDR ist überforscht.

Kaminsky Das stimmt einfach nicht. Und was soll das eigentlich heißen, ein Thema ist überforscht? Wir stoßen doch immer wieder auf neue Zusammenhänge. Denken Sie an die Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen für Westfirmen. Da stehen wir erst am Anfang der Aufarbeitung. Ähnlich ist es mit Zwangsadoptionen. Oder mit der Indoktrination in den Schulen. Und. Und. Und. Außerdem stellt jede Generation eigene, neue Fragen.

Ihnen ist ein großes Anliegen, den Sozialismus in der DDR im Kontext der weltweiten Kommunismusgeschichte zu betrachten. Warum?

Kaminsky Weil man die Diktatur in der DDR und in vielen anderen Ländern sonst nicht verstehen würde. In den 80er Jahren lebte ein Drittel der Weltbevölkerung unter kommunistischer Herrschaft. In Europa war es die Hälfte der Bevölkerung, die unter kommunistischen Regimen leben musste. Und nur um ein Beispiel für die historisch langen Linien zu nehmen: Das Ende der Weimarer Republik ist nicht vollständig zu verstehen, wenn man die Rolle der von Moskau gelenkten KPD nicht ausreichend betrachtet.

Gibt es denn anderswo der Stiftung vergleichbare Einrichtungen?

Kaminsky Nein. Leider nicht. Das heißt nicht, dass es anderswo keine Aufarbeitung der kommunistischen Diktaturen gibt. In unterschiedlicher Ausprägung. In Polen oder im Baltikum ist man sich sehr dessen bewusst, dass der Kommunismus von Moskau aufgezwungen wurde. In Tschechien sind die Diskussionen auch vom Prager Frühling geprägt. In Bulgarien und in anderen Ländern sind die Eliten weitgehend an der Macht geblieben. Das mindert das Aufarbeitungsinteresse. Aber eine Einrichtung wie unsere Stiftung, die dezentrale Aufarbeitungsprojekte unterstützt, ist bisher einmalig.

Als die wichtigste Aufgabe der Stiftung bezeichnen Sie die Bildungsaufgabe. Umfragen zeigen aber, dass das Wissen über die DDR eher permanent abnimmt. Was läuft da schief?

Kaminsky Wir machen die Erfahrung, dass die jungen Leute, wenn sie denn mit der DDR-Geschichte konfrontiert werden, durchaus Interesse dafür zeigen. Unsere Aufgabe ist es, gute Angebote zu machen. Für die Schulen fordern wir, dass die deutsche Nachkriegsgeschichte verpflichtendes Prüfungsthema wird.

Die eigentliche Idee der Diktaturaufarbeitung ist doch, dass wir lernen, allen Versuchen, die Demokratie zu unterminieren, mit fundierten Kenntnissen und Überzeugungen entgegentreten können. Ist in diesem Sinne Aufarbeitung gescheitert.

Kaminsky Nein. Aufarbeitung ist nicht der Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Entwicklung und kann das auch nicht sein. Dass Menschen unzufrieden sind und demokratischen Institutionen nicht mehr vertrauen, hat mit unserer Arbeit, die der Aufklärung und Vermittlung gewidmet ist, erst einmal nichts zu tun. Da sind politische Instrumentarien und Entscheidungen gefragt. Unser Beitrag ist, als Stiftung einen Ort für kontroverse Diskussionen zu bieten.

Zu den Merkwürdigkeiten des wiedervereinigten Deutschlands gehört, dass es noch kein zentrales Denkmal zum Gedenken an die Opfer der SED-Diktatur gibt. Ein weiterer Beweis für gesellschaftliche und politische Ignoranz?

Kaminsky Also wir haben eine Vielzahl von Einrichtungen und Gedenkorten, die an die Diktatur in der DDR erinnern. Viele Gefängnisse etwa wurden zu Gedenkstätten, die vor allem auch Orte des Lernens sind. Das war nicht zuletzt den Opferverbänden besonders wichtig. Ein zentrales Denkmal wurde erst später diskutiert.

Jetzt wird erst einmal über das Einheitsdenkmal geredet.

Kaminsky Das ist ja nun beschlossen. In absehbarer Zeit wird die Debatte über das Opferdenkmal Fahrt aufnehmen. Und wie immer, wenn es in einer Demokratie um Denkmale geht, wird die Debatte kontrovers geführt werden.

Mit Anna Kaminsky sprach
⇥André Bochow

Das komplette Interview zum Nachlesen auf www.lr-online.de

Anna Kaminsky wurde 1962 in Gera geboren und wuchs in Halle (Saale) auf. Nach ihrem Sprachwissenschaftsstudium an der Karl-Marx-Universität Leipzig, bei dem sie sich mit romanischen Sprachen beschäftigte, promovierte sie 1993 zu dem Thema: „Sprache in der Politik“, wobei es dabei um Texte des katalanischen Nationalismus a, Anfang des 20. Jahrhunderts ging. Nach der Mitarbeit in verschiedenen Forschungs-und Ausstellungsprojekten . 1998 begann sie bei der Stiftung Aufarbeitung als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Seit 2001 leitet Kaminsky die Stiftung. Sie hat zahlreiche Bücher herausgegeben und geschrieben. Unter anderem eines über Frauen in der DDR.