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| 10:44 Uhr

Ins Ungewisse

Digitalisierung, Roboter und künstliche Intelligenz bedrohen Millionen traditioneller Jobs. Skeptiker befürchten eine Spaltung der Gesellschaft. Zum Tag der Arbeit befragten wir junge Leute, wie sie ihren Beruf erleben, welche Sicherheit und Befriedigung ihnen ihr Job gibt. Fazit: Die Unsicherheit war noch nie so groß, aber auch die Chancen wachsen, etwas Sinnvolles zu tun. Martin Kessler

Digitalisierung, Roboter und künstliche Intelligenz bedrohen Millionen traditioneller Jobs. Skeptiker befürchten eine Spaltung der Gesellschaft. Zum Tag der Arbeit befragten wir junge Leute, wie sie ihren Beruf erleben, welche Sicherheit und Befriedigung ihnen ihr Job gibt. Fazit: Die Unsicherheit war noch nie so groß, aber auch die Chancen wachsen, etwas Sinnvolles zu tun.

Der große britische Ökonom John Maynard Keynes machte sich 1930 in einem Essay Gedanken darüber, wie die Welt in 100 Jahren aussehen könnte. Auch wenn wir das Datum noch nicht ganz erreicht haben, können wir schon jetzt einige seiner Prognosen überprüfen. Ziemlich korrekt lag er bei der Schätzung des künftigen Lebensstandards, den er zwischen dem Vier- und dem Achtfachen des damaligen Werts ansetzte. Völlig daneben war seine Prognose der Arbeitszeit. Angesichts des anhaltenden Produktivitätsfortschritts glaubte Keynes, dass die Menschen 2030 mit einer Arbeitszeit von 15 Stunden pro Woche auskämen. Er hatte schlicht das Wachstum der Arbeitsproduktivität 100 Jahre fortgeschrieben.

Tatsächlich arbeiten wir zwar weniger als 1930, aber nicht allzu dramatisch. Betrug damals die wöchentliche Arbeitszeit 44 Stunden in Bergbau, Industrie und Handwerk, sind es heute 37, im Dienstleistungssektor eher mehr. Der erwartete Trend, dass Maschinen die Arbeit überflüssig machen würden, hat sich nicht bestätigt.

Pünktlich zum Tag der Arbeit nehmen auch heute die Warnungen wieder zu, dass uns schon in wenigen Jahren die Arbeit ausgeht. Jack Ma, der chinesische Gründer der Internetsuchmaschine Alibaba, prognostiziert, dass Digitalisierung, Robotereinsatz und künstliche Intelligenz künftig bis zu 800 Millionen Jobs überflüssig machen. Folgt man dem Global Institute von McKinsey, muss sich jeder dritte Deutsche in nächster Zeit eine neue Tätigkeit suchen. Das sind Zahlen, die Angst machen. Entsprechend unruhig reagieren deshalb gerade viele jüngere Berufstätige, wenn sie von Befristung zu Befristung hasten oder mit unsicheren Werkverträgen nach dem Ende eines Projekts plötzlich mit leeren Händen dastehen. Wird hier schon die neue superflexible und automatisierte Arbeitswelt vorweggenommen?

Tatsächlich nimmt sich die Zukunft der Arbeit schon jetzt reichlich futuristisch aus. Die Szenarien vollautomatisierter menschenleerer Fabriken, in denen Roboter Autos, Maschinen oder Elektrogeräte zusammensetzen, sind längst nicht mehr Science-Fiction. Autohersteller wie Daimler und BMW bauen bereits entsprechende Fabriken. Auch in den Dienstleistungsbranchen ersetzen Computer mit künstlicher Intelligenz den Chemielaboranten, den Vertragsanwalt oder den Diagnose-Arzt. Schon bald wird es möglich sein, dass Versicherungen eine Drohne zum Unfallort schicken, die den Schaden aufnimmt, ehe ein Computerprogramm die Summe des Schadens berechnet, den der Roboter in einer Autowerkstatt behebt.

Die mittlerweile zu Berühmtheit gelangte Studie der Universität Oxford aus dem Jahr 2013 prognostizierte für die USA das baldige Aus von 47 Prozent der Jobs. Für Deutschland erwarteten die Forscher, dass 42 Prozent der bisherigen Arbeitsplätze wegfallen. Gleichzeitig ziehen Gutverdiener und Unternehmer der Internetwirtschaft an allen Branchen vorbei, sammeln sich Milliardensummen bei einigen wenigen Firmen wie Amazon, Facebook oder Google, während Millionen Fahrer des Taxidienstes Uber ein eher kärgliches Dasein fristen - ebenso wie die Fahrradboten des Internet-Auslieferers Deliveroo.

Es scheint, dass der in diesen Tagen seinen 200. Geburtstag feiernde Karl Marx nach all den vielen Irrtümern doch recht hatte: Einer kleinen Zahl von monopolistischen Konzernen mit unbegrenzten finanziellen Ressourcen steht eine Masse IT-bedingter Niedriglohnbezieher oder Arbeitsloser der digitalen Reservearmee gegenüber. Als Vorboten gelten all die gering- oder mittelqualifizierten Beschäftigten wie Lastwagenfahrer, angelernte Arbeiter, Kassierer, Steuerfachgehilfen oder technische Zeichner, deren Tätigkeit nach Erhebungen des bei der Bundesagentur für Arbeit angesiedelten Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schon bald Computer, Roboter oder selbstfahrende Fahrzeuge übernehmen könnten.

Doch so groß die Unsicherheit und der Wandel auch ausfallen, das "zweite Maschinenzeitalter", wie die beiden US-Forscher Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee es bezeichnen, bietet auch große Chancen. Seit der industriellen Revolution ersetzen Maschinen zumeist die harten und ungesunden Arbeiten der Menschen. Wenn jetzt Roboter monotone Verrichtungen ausführen, machen sie die Arbeiter frei für sinnvollere und befriedigendere Tätigkeiten. Sie arbeiten nachts und am Wochenende, zu Zeiten, an denen die meisten Menschen lieber bei ihren Familien oder Freunden weilen. Wenn Lastwagen automatisch fahren, entfallen für viele Fahrer die Dauerabwesenheit von der Familie, unbequeme Unterkünfte oder überlange Zeiten am Steuer. Ist das nicht auch eine Chance?

Wenn die gleiche Arbeit, die jetzt 100 Menschen machen, künftig von der Hälfte bewerkstelligt wird, können entweder alle weniger arbeiten, oder die 50 ersetzten Werktätigen stellen neue Produkte her oder bieten Dienstleistungen an, die das Leben der ersten 50 verbessern. Das nennt man seit den Tagen des anderen berühmten britischen Ökonomen Adam Smith die Vorteile der Arbeitsteilung. Auch die digitale Revolution wird nichts Anderes schaffen als eine neue Arbeitsteilung. So ersetzen der Filmeanbieter Netflix oder das Musikportal Spotify Kinos oder DVD-Hersteller. Zugleich geben sie mehr Menschen die Möglichkeit, selbst Musik zu machen oder Filme zu produzieren. Der Videokanal Youtube hat schon eine ganze Generation von Künstlern hervorgebracht.

Zugleich nimmt mit der Digitalisierung der Bedarf an den Experten dieser Revolution zu. Schon jetzt stehen Informatiker oder Ingenieure mit Computer-Expertise an der Spitze der Einkommensskala. Findige Maschinenbauer benötigen eher mehr als weniger Fachkräfte, um die vielen individuellen Wünsche der Kundschaft zu bedienen. Das Gleiche gilt für Konsumgüterhersteller. Immer mehr Menschen sind gefragt, neue Produktdesigns, bessere Vermarktungsbedingungen oder umweltverträgliche Lösungen zu finden.

Wenn Maschinen und Computer unsere harte körperliche und geistige Arbeit verrichten, bleibt mehr Zeit für sozialen Austausch - Ärzte, die sich als Gesundheitsberater verstehen, Altenpfleger, die den Lebensabend der Menschen erleichtern, Erzieher, Lehrer und Professoren, die auf die neue, komplexe Welt in einer multi-ethnischen und globalen Gesellschaft vorbereiten.

Dort liegen die Arbeitsplätze der Zukunft, dort liegen auch die Verdienstmöglichkeiten für eine neue digitale Mittelklasse. "Die Menschheit wird nicht aufhören, hart zu arbeiten, um ihren Wohlstand zu erhöhen", ist der Harvard-Ökonom Edward Glaeser überzeugt. Und weltweit sind die meisten Menschen mit ihrer wirtschaftlichen Situation unzufrieden und verlangen nach einem höheren Wohlstand - in einer intakten Umwelt. Dafür ist noch viel zu tun, am besten mit dem Einsatz von Digitalisierung, Robotern und künstlicher Intelligenz. An die Arbeit.

Pauline Schouwenburg (28): "Dass ich keinen festen Arbeitsvertrag habe, liegt auch an mir. Ich brauche Freiheit, und ich mag es, das Sagen zu haben. Meine Neugierde führte mich bereits an viele Stationen. Ich habe Niederländisch studiert, das Studium allerdings nicht beendet. Ich war Barista in Berlin, habe eine Ausbildung im Ernährungsbereich gemacht, in Kaffeebars in Rotterdam gearbeitet und hatte einen festen Job in einer Kommunikationsagentur – immerhin für ein Jahr. Jetzt arbeite ich als selbstständige Community-Managerin. Ich versuche, die Einwohner meiner Stadt mit den Bauern aus der Gegend zusammenzubringen.
Wenn ich die Chance hätte, diese Arbeit mit einem unbefristeten Vertrag zu leisten, würde ich das tun. Eine Wohnung kaufen, lange Reisen machen, heiraten, Kinder haben, das alles ist finanziell schwierig. Ich konzentriere mich lieber auf die Vorteile: Freiheit. Dass ich mache, was ich mag. Und ich muss sagen: Ich war noch nie ohne Arbeit."

Marvin Müller (32): "Nach einer Berufsausbildung und dem Bachelor in Wirtschaftsingenieurswesen habe ich vor drei Jahren als Produktionsleiter bei einem Anlagenbauer in Aachen angefangen – obwohl ich in Köln wohne. Seitdem sitze ich jeden Tag mindestens zwei Stunden im Auto. Nach dem Studium hatte ich kaum darüber nachgedacht, wie anstrengend Pendeln sein kann. Die Stelle klang interessant, beim Bewerbungsgespräch habe ich die Halle gesehen und war gleich enthusiastisch und dachte: Hier kann ich alles umsetzen, was ich im Studium gelernt habe. Inzwischen nervt das Pendeln allerdings extrem, 80 Kilometer pro Strecke sind einfach zu weit.
Je älter man wird, desto wichtiger wird Freizeit, gerade wenn man irgendwann einmal Kinder haben will. Die Bezahlung ist dann auch nicht mehr so wichtig – im Vergleich zu Freunden aus anderen Branchen kann ich über mein Gehalt aber auch nicht meckern. Zum Jahresende läuft mein Vertrag aus. Ich habe schon eine Stelle in Köln im Blick – dort hätte ich zwar keine Führungsverantwortung mehr wie jetzt, dafür aber einen kürzeren Arbeitsweg."

Anne Franke (27): "Zuletzt war ich zwei Jahre fest bei dem Hamburger Verlag Gruner und Jahr als Grafikerin angestellt. Die Arbeit dort war sehr klassisch und gut, ich habe viel für Essenszeitschriften gemacht. Kürzlich sollte mein Vertrag entfristet werden, aber ich habe mich aus freien Stücken dagegen entschieden. Einfach, weil ich mir beruflich mehr Abwechslung wünsche und mehr und intensiver gefordert sein will. Auch für meine persönliche Entwicklung ist der Schritt in die Selbstständigkeit das Richtige, glaube ich.
Nach meinem Bachelorabschluss in Kommunikationsdesign habe ich schon mal ein Jahr als freie Grafikerin gearbeitet. Der feste Job bei Gruner und Jahr war dann die sichere Bank, aber mit der Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich ein bisschen stehenbleibe. Die Strukturen in solchen Verlagen sind oft antiquiert. Deswegen habe ich das Angebot abgelehnt. Ich möchte aber dennoch gern im Team arbeiten, mit flachen Hierarchien, und ernst genommen werden, nicht zu sehr von Befehlen abhängig sein.
Was das Finanzielle betrifft, liege ich nicht nachts wach und mache mir Gedanken um meine Rente. Aber mir ist jetzt, acht Jahre nach meinem Abitur, durchaus klar geworden, dass ich niemals reich sein werde, nie zu den Gutverdienern gehören werde. Ich muss flexibel bleiben in meinem Job, und wenn ich mich anstrenge, dann kann ich ein ganz gutes Leben führen."

Manuel Lemkens (26): "Im meinem Beruf musste ich schon nach kurzer Zeit recht viel Verantwortung übernehmen, was mit einem gewissen Druck verbunden ist. Aber das sehe ich positiv: Druck sorgt bei mir für gute Leistungen. Auch Flexibilität ist ein fester Bestandteil, Dienstreisen gehören als Ingenieur für Energietechnik oft dazu. Im Gegenzug habe ich aber auch flexible Arbeitszeiten, was den Job für mich sehr attraktiv macht.
Mit Blick auf meine berufliche Zukunft zähle ich Jobsicherheit zu den wichtigsten Faktoren. Genauso wichtig ist mir das Gehalt, um mir langfristig einen gewissen Lebensstandard aufzubauen und halten zu können."

Marje Brütt (26): "Während meines Bachelorstudiums habe ich immer gejobbt. Mein erstes Praktikum überhaupt habe ich dann erst nach meinem Abschluss gemacht. Viele Geisteswissenschaftler müssen auch nach dem Abschluss Praktika machen, um überhaupt einen Einstieg in den Job zu finden und sich weiterzuqualifizieren. Dass mir im Anschluss an das Praktikum vor über zwei Jahren ein Job angeboten wurde, war eine glückliche Fügung. Viele schließen direkt nach dem Bachelor noch den Masterabschluss an. Ich wollte aber erst mal arbeiten und mich ausprobieren. Nun merke ich, dass ein Bachelorabschluss nicht immer reicht, darum werde ich im Herbst einen Erasmus-Master anfangen – unter anderem in Polen und Italien.
Den Masterstudiengang mache ich einerseits aus Wissbegier, andererseits musste ich eben feststellen, dass viele Arbeitgeber einen Masterabschluss voraussetzen – zumindest für die Stellen, die mich in der Kulturlandschaft interessieren. Mit einem Bachelor bin ich nicht konkurrenzfähig und kann letztlich nicht das machen, was ich wirklich möchte. Es gibt offenbar noch viel zu tun, bis sich der Arbeitsmarkt auf das Bachelor-Master-System eingestellt hat und auch den Bachelor als vollwertigen Studienabschluss ansieht."

Joanna Piecha (28): "Als Geisteswissenschaftlerin sehe ich derzeit meine einzige Chance der Selbstverwirklichung in einer Promotion. In der freien Wirtschaft würde ich für prozesshaftes Arbeiten und nicht für meine Ideen bezahlt. Momentan versuche ich, freiberuflich als Sprachtrainerin mein Leben zu finanzieren. Der Job gibt mir inhaltlich und didaktisch sehr viel – aber keine Sicherheit, keine Stabilität und keinen festen Arbeitsvertrag. Eine Euphorie in der Beschäftigungslage mag es zwar bei Unternehmern und in der Politik geben, aber die Mitarbeiter kommen bei dem Fokus auf Gewinnorientierung oftmals zu kurz.
Ich denke, dass wir die Rolle menschlicher Arbeitskräfte in einer immer stärker technologisierten Welt überdenken müssen. Die Fähigkeiten der jeweiligen Fachrichtung sollten erkannt, genutzt und gefördert werden. Unternehmen sollten sich in ihren Personalabteilungen stärker um die Förderung der Mitarbeiter statt um die Rekrutierung von potenziellem Ersatz bemühen. Persönliche Entfaltung und Sinnhaftigkeit einer Arbeit steigern das Wohlbefinden – und damit auch die Produktivität der Mitarbeiter, was die Zahlen dann wiederum automatisch und ohne zwecklosen Druck gut aussehen ließe."

Daniel Voss (23): "Jobsicherheit ist für mich als Berufsanfänger ein wichtiger Faktor. Deshalb freue ich mich auch, einen unbefristeten Vertrag zu haben. Es ist ein schönes Gefühl, auf diese Weise das Vertrauen seines Arbeitgebers zu spüren. Sorgen um meine Zukunft mache ich mir nicht. Im Steuerbereich werden immer gut ausgebildete Arbeitskräfte gesucht. Deshalb ist es meines Erachtens aber auch wichtig, sich durch Fortbildungen zu spezialisieren – denn je höher die fachliche Qualifikation ist, desto unverzichtbarer wird man für den Arbeitgeber.
Auch deshalb absolviere ich momentan eine Weiterbildung zum Fachassistenten Lohn und Gehalt. Langfristig gesehen erhöhe ich dadurch zudem meine Gehaltschancen. Sich fortzubilden ist außerdem hilfreich, um herauszufinden, welcher Bereich einem am meisten zusagt."

Lena Hoffmann (31): "Nach der Schule wollte ich unbedingt Literatur studieren, und im Studium habe ich schnell gemerkt, dass ich auch promovieren will. Dass die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft miserabel sind, habe ich aber erst während des Schreibens der Doktorarbeit verstanden. Ich wusste zwar vorher, dass die Leute viel arbeiten und dass die Verträge befristet sind, aber wie uns das Wissenschaftszeitgesetz unter Druck setzt und dass es nur sehr wenige Stellen gibt, ist mir erst jetzt richtig klar. Seit November arbeite ich als Dozentin an der Uni Köln und bereite meine Habilitation vor. Mein Vertrag ging erst mal nur bis Oktober, seit wenigen Tagen weiß ich, dass ich bis März 2019 bleiben kann – das ist die längste Perspektive, die ich bisher hatte.
Die ewige Befristung im Wissenschaftsbetrieb lässt einen nicht zur Ruhe kommen. Und dann wird einem in der Wissenschaft oft das Gefühl vermittelt, dass man für einen befristeten Vertrag dankbar sein muss – dabei braucht man uns doch auch! Noch führe ich kein Leben, wo eine Befristung ein Kriterium für mich ist, noch muss ich keine Kinder versorgen. Was mir mehr Angst macht, sind die Ortswechsel: Wenn man irgendwann eine Professur haben will, muss man rumgekommen sein. Aber deshalb werde ich nicht meine Leidenschaft aufgeben."