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| 19:02 Uhr

Es brodelt
In Nahost droht ein neuer Flächenbrand

 Präsent in der Unruheregion: US-Soldaten schauen von ihrer Basis in Syrien zur türkischen Grenze hinüber. Für die US-Truppen im Irak und Syrien gelten höhere Alarmstufen.  Foto: Susannah George/AP/dpa
Präsent in der Unruheregion: US-Soldaten schauen von ihrer Basis in Syrien zur türkischen Grenze hinüber. Für die US-Truppen im Irak und Syrien gelten höhere Alarmstufen. Foto: Susannah George/AP/dpa FOTO: dpa / Susannah George
Washington. Iran könnte zum nächsten Brennpunkt in der Unruheregion Nahost werden. Die USA fordern im Streit um das Atomabkommen neue Zugeständnisse. Teheran lehnt das aber ab. Von Martin Gehlen

Neue Kriegswolken hängen über dem Nahen und Mittleren Osten. Und Außenminister Heiko Maas (SPD) sparte nicht mit düsteren Worten. Die Lage sei „ausgesprochen ernst“, erklärte er. Wenn es zu einer militärischen Konfrontation zwischen den USA und dem Iran komme, drohe „ein Flächenbrand in der gesamten Region“, der wiederum auch Deutschlands Sicherheit gefährden würde. Denn so provokant und problematisch der Iran agiert, die persische Nation gehört immer noch zu den stabileren Staaten vor Ort. Käme es zum Krieg, wäre die Islamische Republik der nächste, doch längst nicht der einzige Brandherd in dieser permanenten Unruheregion. Libyen, Gaza, Libanon, Syrien, Irak und Jemen - diese Länder sind bereits seit Jahren warnende Beispiele für Gewalt, Staatszerfall und Elend der Bevölkerung.

Im Jemen flogen saudische und emiratische Kampfjets am Mittwoch erneut Angriffe auf die Hauptstadt Sanaa. Tags zuvor hatten die Houthi-Rebellen mit einer Bombendrohne die saudische Ost-West-Pipeline angegriffen, mit der Rohöl vom Persischen Golf zum Roten Meer gepumpt wird. Über vier Jahre dauert nun schon der Krieg an der Südspitze der Arabischen Halbinsel, der das Land und seine Bevölkerung in Schutt und Elend gestürzt hat. Millionen Jemeniten hungern, große Teil der Infrastruktur sind zerstört. Mindestens 62 000 Menschen wurden verletzt oder getötet. Saudi-Arabien und die Emirate bewaffnen die jemenitische Regierungsarmee und sind mit angeheuerten Söldnern sowie eigenen Truppen vor Ort.

Umgekehrt helfen iranische Experten den Houthis, deren Raketenarsenal zielgenauer zu machen. Zudem lieferten die Revolutionären Garden offenbar komplette Mittelstreckenraketen des Typs Burkan-2H, die bisher zweimal den Flughafen von Riyadh trafen. Unter dem Druck des amerikanischen Aufmarschs wirkte Teheran offenbar erstmals entschieden auf seine Rebellen-Verbündeten ein. Diese räumten nun endlich den wichtigsten Hafen Hodeidah und erfüllten damit ihren Teil der Stockholm-Vereinbarung vom letzten Dezember.

Für den Irak ordnete Washington jetzt die Evakuierung von diplomatischem Personal an. Das Pentagon hat noch 5200 Soldaten in Bagdad stationiert. Die irantreuen, schiitischen Milizen mit ihren 150 000 Mann bilden mittlerweile – wie die Hisbollah im Libanon – auch im Irak einen eigenen Staat im Staate. Nach US-Erkenntnissen rückten die Paramilitärs in letzter Zeit Raketenrampen näher an US-Militärlager heran, was die irakische Regierung jedoch dementiert.

In Syrien geht der Bürgerkrieg ins neunte Jahr. Über 350 000 Menschen sind gestorben, 130 000 Regimegegner spurlos in den Verliesen verschwunden. Von mindestens 14 000 Opfern nehmen Menschenrechtler an, dass sie zu Tode gefoltert wurden. Nun rüstet Damaskus zum blutigen Finale, der Rückeroberung der letzten Rebellenenklave in Idlib. Wie zuvor in Ost-Aleppo und Ost-Ghouta lassen die Machthaber vor allem Krankenhäuser und Schulen gezielt bombardieren. Über 200 000 Menschen sind bereits auf der Flucht und versuchen, sich im Grenzgebiet zur Türkei in Sicherheit zu bringen.

Libanons Hisbollah ist die kampfstärkste Miliz des gesamten Nahen Ostens. 2006 besaß sie rund 12 000 Raketen, von denen im damaligen Krieg 4000 auf Israel abgefeuert wurden. Inzwischen sind die Bestände mit iranischer Hilfe um ein Vielfaches aufgestockt. Westliche Schätzungen gehen von 100 000 Raketen aus. Seit vergangenem Dezember entdeckten Sicherheitskräfte sechs Tieftunnel, die von libanesischer Seite bis auf israelisches Territorium reichten.

Erst letzte Woche lieferten sich Extremisten aus dem Gazastreifen und israelische Luftwaffe wieder ein massives Raketenduell. Aus dem von der Hamas kontrollierten Küstenareal flogen fast 700 Geschosse Richtung Israel. Dessen Armee antwortete mit Bombardierungen. Durch iranisches Know-how verfügen Hamas und Islamischer Dschihad, der als verlängerter Arm Teherans gilt, inzwischen über Raketen mit einer Reichweite von 75 Kilometern, die auch Tel Aviv treffen können.

Der jüngste offene Kriegsschauplatz der Region ist Libyen. Seit Anfang April versuchen die Truppen des ostlibyschen Generals Khalifa Haftar, die Hauptstadt Tripolis zu erobern. Mehr als 400 Menschen sind bisher gestorben, 30 000 auf der Flucht vor den Häuserkämpfen, die mit einer beträchtlichen Zerstörung der libyschen Metropole enden könnten. Der 75-jährige Warlord wird unterstützt von Ägypten, Saudi-Arabien und den Emiraten. Seine Gegner, die international anerkannte Regierung in Tripolis und ihre verbündeten Milizen, erhalten Geld und Waffen aus Qatar und der Türkei.

 Präsent in der Unruheregion: US-Soldaten schauen von ihrer Basis in Syrien zur türkischen Grenze hinüber. Für die US-Truppen im Irak und Syrien gelten höhere Alarmstufen.  Foto: Susannah George/AP/dpa
Präsent in der Unruheregion: US-Soldaten schauen von ihrer Basis in Syrien zur türkischen Grenze hinüber. Für die US-Truppen im Irak und Syrien gelten höhere Alarmstufen. Foto: Susannah George/AP/dpa FOTO: dpa / Susannah George