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| 18:55 Uhr

Neue Studie zu Lohnunterschieden
In Cottbus verdienen Frauen besser als Männer

 Lohnunterschied
Lohnunterschied FOTO: LR / Elisabeth Wrobel
Cottbus. Bereits heute verdienen die in Cottbus in Vollzeit arbeitenden Frauen mehr als die Männer. Dabei fallen in der Lausitz mit dem Aus von Braunkohleabbau und -verstromung Tausende gut bezahlte Jobs weg – was vor allem Männer betrifft. Geht mit dem Strukturwandel diese Lohnschere weiter auseinander? Von Andreas Blaser

In Cottbus sind die Frauen in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Hier verdienen sie besser als die Männer. Immerhin gut vier Prozent macht dies in der Lausitz aus. Auch in Frankfurt (Oder) sowie in Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt und im mecklenburgischen Schwerin liegen vollzeitbeschäftigte Frauen mit ihrem Gehalt im Durchschnitt vor den Männern. Bundesweit erhalten dagegen vollzeitbeschäftigte Männer rund 21 Prozent mehr Lohn oder Gehalt, geht aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor.

Als einen Grund nennt die Studie, dass Frauen wesentlich häufiger als Männer ihre Erwerbstätigkeit für Kindererziehung und Familienphasen unterbrechen. „Als Folge müssen Frauen einen Lohnabschlag aufgrund familienbedingter Erwerbsunterbrechungen in Kauf nehmen“, schreiben die IAB-Arbeitsmarktforscherinnen Michaela Fuchs, Anja Rossen, Antje Weyh und Gabriele Wydra-Somaggio. Frauen arbeiten zudem häufig im Büro-, Dienstleistungs- oder Gesundheitsbereich. Tätigkeiten in diesen Bereichen seien meistens nicht nur mit einem geringeren Verdienst, sondern auch mit flacheren Karriereverläufen verbunden. Außerdem seien Frauen häufiger in kleinen Betrieben tätig. Damit profitieren sie laut IAB nicht im gleichen Ausmaß wie Männer von den im Durchschnitt höheren Löhnen in Großbetrieben.

In Cottbus arbeitet ein Fünftel der Frauen im öffentlichen Dienst

„Es hängt allerdings sehr stark von den konkreten Beschäftigungsmöglichkeiten vor Ort ab, ob und wie viel Frauen weniger verdienen als Männer“, erklären die Forscherinnen. Auf Kreisebene betrachtet unterscheidet sich diese unbereinigte Lohnlücke – das heißt, Unterschiede bei Qualifikation, Berufswahl und Arbeitserfahrung sind nicht berücksichtigt – daher erheblich. Im Bodenseekreis zum Beispiel verdienen vollzeitbeschäftigte Frauen rund 40 Prozent weniger als Männer, in Cottbus dagegen vier Prozent mehr. „Männer verdienen vor allem in solchen Regionen deutlich mehr, in denen Großbetriebe gut bezahlte Jobs in Produktion, Fertigung und Forschung anbieten“, erläutern die Forscherinnen. So sei der Bodenseekreis stark vom Maschinenbau wie beispielsweise ZF Friedrichshafen geprägt. Den Frauen in Ostdeutschland biete dagegen der öffentliche Dienst häufig attraktive Verdienstmöglichkeiten. Rund ein Fünftel der Frauen in Cottbus arbeitet laut Studie im öffentlichen Dienst.

Männer seien in Cottbus dagegen überdurchschnittlich häufig in der Zeitarbeitsbranche tätig. In der Industrie sind in Cottbus vergleichsweise wenige Männer beschäftigt, auch wenn Otto Normalverbraucher dies angesichts der Allgegenwart der Themen Braunkohleausstieg und Strukturwandel anders empfinden mag. Für die in Kohle- und Energiewirtschaft wegfallenden Jobs sollen neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Bund und Länder bemühen sich um neue Firmenansiedlungen und die Verlagerung oder die Gründung von Behörden in der Lausitz. Heinz-Wilhelm Müller, der Chef der Cottbuser Arbeitsagentur, stellt dabei aber klar, dass für den Arbeitsagenturbezirk Cottbus nicht die Zahl der wegfallenden und neuen Jobs entscheidend ist, sondern die Zahl der gut bezahlten Jobs. „Nur Tausende Helfer bringen nichts“, wird Müller deutlich.

„Auch Behördenjobs bieten eine Perspektive für jüngere Menschen“

Der Arbeitsagenturchef geht aber davon aus, dass ein Großteil der jetzt vom Arbeitsplatzabbau Betroffenen schon ältere Arbeitnehmer sind und über verschiedene Regelungen sozialverträglich ausscheiden werden. Neu entstehende Arbeitsplätze – ob in Industrie und Gewerbe oder in den Behörden und Verwaltungen – seien wahrscheinlich eher für Jüngere interessant. Und angesichts der Überlegungen, ein brandenburgisches Ministerium in Cottbus anzusiedeln und andere „Verwaltungsstellen“ hier zu schaffen, bricht er für diese Arbeitsplätze eine Lanze. „Auch Behördenjobs sind Jobs und bieten durchaus eine Perspektive für jüngere Menschen.“ Auch steige damit die Kaufkraft, womit wiederum Handwerker und kleinere Firmen bessere Löhne zahlen könnten.

Aus Sicht von Müller sind für einen erfolgreichen Strukturwandel und die damit verbundenen gut bezahlten Arbeitsplätze für Frauen und für Männer vor allem zwei Dinge wichtig: zum einen die weitere Ansiedlung von Betrieben und Behörden und zum anderen die deutliche Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur – sowohl auf Straße und Schiene als auch das Internet.

In der Lausitz verdienen Männer besonders wenig

Ausgeprägte Besonderheiten sind aber nicht nur zwischen Frauen und Männern, sondern auch zwischen den Regionen zu erkennen. So sind die hohen Löhne auffällig, die die Männer im Bodenseekreis verdienen. Sie liegen mit 143 Euro um 22 Prozent über den Löhnen, die im Referenzkreis Kaiserslautern verdient werden (117 Euro). Demgegenüber liegen die Löhne der Männer in Cottbus mit 85 Euro um 27 Prozent unter den Löhnen der Männer in Kaiserslautern. Der Cottbuser Arbeitsagenturchef kommentiert dies mit den Worten: „Das Problem ist, dass in der Region die Männer im Durchschnitt besonders wenig verdienen.“ Bei den Frauen ist diese regionale Spannweite nicht so stark ausgeprägt. Am Bodensee sind die Löhne der Frauen nur zwei Prozent höher als im sogenannten Mediankreis in der Pfalz, und in Cottbus sind sie gerade einmal um vier Prozent niedriger.

Auch zeigt sich, dass die Beschäftigten in Cottbus älter sind als in Kaiserslautern und im Bodenseekreis. Die Altersunterschiede zwischen Frauen und Männern sind jedoch in allen drei Kreisen gering. Bei der Qualifikation machen sich ostdeutsche Besonderheiten in der formalen Bildung bemerkbar, denn der Anteil der gering qualifizierten Beschäftigten ist sehr niedrig und der Anteil insbesondere der hoch qualifizierten Frauen sehr hoch. Im Bodenseekreis stechen hingegen die hoch qualifizierten Männer heraus, die 30 Prozent aller männlichen Beschäftigten ausmachen.

Cottbuser arbeiten häufig als Fernfahrer oder in ähnlichen Jobs

Sowohl geschlechts- als auch regionalspezifische Muster spiegeln sich in den jeweiligen Top-3-Berufen wider. In allen drei Kreisen sind Männer stark in Berufen der Maschinenbau- und Betriebstechnik vertreten, wobei ihr Beschäftigtenanteil im Bodenseekreis besonders hoch ausfällt. In Cottbus und Kaiserslautern arbeiten die Männer häufig als Fernfahrer und ähnlichen Berufen. Tätigkeiten der Unternehmensorganisation und -strategie schließlich gehören in Cottbus und dem Bodenseekreis ebenfalls zu den drei am häufigsten ausgeübten Berufen der Männer.

Bei den Frauen hingegen dominieren in allen drei Kreisen Dienstleistungs- und Gesundheitsberufe. In Cottbus sticht noch die große Bedeutung der Verwaltungsberufe hervor, und auch an zweiter Stelle stehen hier Büroberufe.

Nicht überraschend ist, dass die Berufsstruktur sehr stark mit der Branchen- und Betriebsstruktur vor Ort zusammenhängt. So arbeitet laut der Studie in Cottbus rund ein Fünftel der Frauen im öffentlichen Dienst, der neben der öffentlichen Verwaltung auch die Sozialversicherung umfasst. Er biete gerade den Frauen in Ostdeutschland attraktive Verdienstmöglichkeiten gegenüber der Privatwirtschaft. Ein Zehntel der Frauen arbeitet demnach in Krankenhäusern. Auch in Cottbus ist mit dem Carl-Thiem-Klinikum und dessen rund 2500 Beschäftigten und Auszubildenden ein Krankenhaus der größte Arbeitgeber in der Stadt.