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| 18:51 Uhr

Sachsen
Von „Arsch huh“ zu „#wirsindmehr“

„#wirsindmehr“ – unter diesem Motto versammelten sich am Montag vor der Chemnitzer Johanniskirche Zehntausende zum Konzert gegen rechts.
„#wirsindmehr“ – unter diesem Motto versammelten sich am Montag vor der Chemnitzer Johanniskirche Zehntausende zum Konzert gegen rechts. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
Chemnitz. In Chemnitz gehen seit Tagen immer wieder Tausende auf die Straße – als Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit. Nun senden Musiker mit einem Konzert ein Signal gegen rechts. Von Christina Peters

Als Anfang der 1990er-Jahre Flüchtlingsheime brannten, stellten Kölner Musiker ein Konzert auf die Beine, das quasi über Nacht zur Legende wurde. Hunderttausend Menschen folgten dem Aufruf, ihren Hintern hoch zu kriegen: „Arsch huh, Zäng ussenander“, hieß das Motto auf Kölsch (Arsch hoch, Zähne auseinander). „Wie wär es, wenn du dem Blaumann jetzt sagst, dass du Rassistensprüche gar nicht verträgst?“ dichtete Wolfgang Niedeckens Band BAP damals. Den Song stellte die Gruppe nun wieder auf ihre Internetseite – als Werbung für das Konzert unter dem Motto „#wirsindmehr“, das als Reaktion auf fremdenfeindliche Aktionen am Montag in Chemnitz stattfand.

Knapp 30 000 Menschen hatten sich schon im Vorfeld auf Facebook als teilnehmend eingetragen, mehr als 100 000 ihr – teils auch symbolisches – Interesse bekundet. Auf der Bühne standen politisch wie musikalisch laute Stimmen wie die Punkrockbands Die Toten Hosen und Feine Sahne Fischfilet. Auch die Rapper von K.I.Z und die Chemnitzer Indieband Kraftklub waren dabei.

Eine Gruppe stand bei manchen besonders im Fokus: Die Verfassungsschützer in Mecklenburg-Vorpommern hatten Feine Sahne Fischfilet zwischenzeitlich wegen „linksextremistischer Bestrebungen“ im Blick, woran etwa AfD-Vertreter am Wochenende erinnerten. In sozialen Medien lautete eine Frage, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für dieses Event werben könne. Ein Hinweis für das Konzert in Chemnitz wurde Ende vergangener Woche auf der Facebook-Seite des Bundespräsidenten geteilt. Die Band setzt sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus ein. Der CDU-Abgeordnete Philipp Amthor äußert auch Kritik an Steinmeier: „Es gehört nicht zu den Aufgaben eines Bundespräsidenten, für Konzerte zu werben, bei denen auch linke Bands auftreten, die in ihren Texten zu Gewalt gegen Polizisten aufrufen“, sagte er.

Ziel der Veranstalter und Künstler des Konzerts in Chemnitz war es auch nicht, eine Party zu feiern. Vielmehr ging es darum, „unsere Abscheu darüber auszudrücken, dass Menschen so einen Mord instrumentalisieren, um ihrem Rassismus freien Lauf zu lassen“, schrieben die Organisatoren auf Facebook. „Es geht darum, endlich mal aus dieser Schockstarre rauszukommen“, erklären Feine Sahne Fischfilet. „Wenn da 10 000 Leute zusammenkommen und es auch nur für einen Tag schaffen, dem Rassistenmob zu zeigen, dass es da noch Leute gibt, die ihnen die Straße streitig machen, dann ist das der Hammer.“

Das Konzert begann mit einer Schweigeminute für den 35-Jährigen, dessen Tod Auslöser der Vorfälle in Chemnitz wurde. Tatverdächtig sind ein Syrer und ein Iraker.

Dass prominente Künstler als politisches Statement auf die Bühne steigen, gab es in Deutschland immer mal wieder – nicht nur unter dem Motto „Arsch huh“. So etwa 1979 in Frankfurt am Main, als Rechte aufmarschieren wollten. Linke Organisatoren setzten damals auf Musik als Mobilisierungsfaktor. Zehntausende versammelten sich zum „Rock gegen Rechts“ in der Innenstadt. Erst am vergangenen Wochenende feierten laut Veranstaltern rund 10 000 Menschen unter dem Motto „Frieden und Solidarität“.