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| 07:13 Uhr

Analyse
Hört auf zu jammern!

Die "metoo"-Debatte hat den Diskurs um Gleichberechtigung wieder entfacht. Einige Männer fühlen sich nun vom "moralischen Feminismus" überfordert und der Frage: Wann ist ein Mann ein Mann? Aber darum geht es nicht. Julia Rathcke

Essay Die "MeToo"-Debatte hat den Diskurs um Gleichberechtigung wieder entfacht. Einige Männer fühlen sich nun vom "moralischen Feminismus" überfordert und der Frage: Wann ist ein Mann ein Mann? Aber darum geht es nicht.

Es geht ja schon mit der Frage los, ob diesen Text nun eine Frau oder doch besser ein Mann schreiben sollte. Einen Text über die Folgen der "MeToo"-Debatte, den neuen Feminismus, über die Gleichstellung der Frau, die Anpassung des Mannes und über: Männlichkeit. Und um die simple wie herausfordernde Lösung gleich vorwegzunehmen: Einigen wir uns auf die Kategorie Mensch.

Ein halbes Jahr beschäftigt die "MeToo"-Debatte jetzt Menschen und Medien; Harvey Weinstein in Hollywood, Dieter Wedel in Münchener Hotelzimmern, vom glamourösen Filmset bis hin zum Krankenbett berichten Schauspielerinnen und Pflegerinnen von Übergriffen, Belästigungen und Gewalt durch Männer. Das bedarf Aufmerksamkeit und Aufklärung. Was es allerdings überhaupt nicht bedarf: einer Debatte über Männlichkeit.

Angestoßen aber haben diese Debatte jüngst zwei Autoren der "Zeit" mit je einer wuchtigen Geschichte. "Alles, was Männer tun, sagen, fühlen oder denken, ist falsch, weil sie dem falschen Geschlecht angehören", jammert der eine. Aus der Unterdrückung der Frau eine Unterdrückung des Mannes durch Feminismus zu stricken, sei dessen einzige Bemühung, rügt ihn der andere daraufhin. Der eine schreibt vom "Unrecht der Kollektivhaftung", vom "feministischen Volkssturm", von Einschüchterung und Geschlechterkampf. Der andere vom Ringen darum, ein Feminist zu sein, und dass Feminismus eben Anpassung abverlangt. Worum es beiden letztlich aber geht, scheint die ewige Frage: Wann ist ein Mann ein Mann?

Darauf muss man (in diesem Falle tatsächlich: Mann) erst einmal kommen. Auch die stets in der "MeToo"-Debatte vorherrschende Kategorisierung von "die Männer" und "die Frauen" gleichbedeutend mit "den Tätern" und "den Opfern" ist einer Gleichberechtigungsbestrebung wenig dienlich. Ja, bei Weinstein und Wedel (und vielen anderen Beispielen) ist die Lage eindeutig: Männer sind die Täter, Frauen die Opfer. Aber Männer sind nicht Täter, weil sie Männer sind und Frauen nicht Opfer, weil sie Frauen sind. Dass ein "Zeit"-Autor gar eine "Diskriminierungserfahrung" wie bei Muslimen zu beobachten glaubt, ist fatal. Er schreibt: "Was einige getan haben, wird allen zur Last gelegt. Jeder Muslim ein potenzieller Terrorist, jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger." Dieser Generalverdacht ist genauso falsch wie die Annahme, dass Frauen nur für Frauen sprechen und Männer nur für Männer. All die Vorfälle und Vorwürfe, die derzeit besprochen und erhoben werden - seien es nun abfällige Bemerkungen oder körperliche Belästigung - haben in aller erster Linie nicht mit dem Mannsein zu tun, sondern mit: Macht.

Nun hat nicht jeder Mann Macht, aber Macht ist eben meist männlich. Das hat historische Gründe, das hat gesellschaftliche Gründe, ja oft auch kulturell-religiöse Gründe, die es langfristig zu überwinden gilt. Es gibt echte Macht, wie Chefpositionen gegenüber Praktikantinnen. Und es gibt Patienten, die jungen Krankenschwestern zuzwinkern: "Setz dich mal zu mir ins Bett, Schwesterchen." "Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht", definierte der Soziologe Max Weber schon Macht vor über Hundert Jahren.

Der Chef, der Patient, Dieter Wedel oder auch Harvey Weinstein aber können auch nur so viel Macht durchsetzen, wie ihnen eingeräumt wird. Von ihrem direkten Gegenüber, den Frauen, von der Gesellschaft. Und wenn sich eine 25-jährige Praktikantin von ihrem 55-jährigen Chef stets nach Feierabend zum Essen einladen lässt, um sich unter anderem Berichte über seine offene Ehe und seine sexuellen Vorlieben anzuhören (so erzählte es eine Betroffene jüngst in der "Süddeutschen Zeitung"), ist das natürlich Machtmissbrauch seinerseits. Aber auch eine Praktikantin muss und darf es nicht erst so weit kommen lassen, eines Tages auf das Zimmer ihres Chefs eingeladen zu werden. Gleiches gilt im Übrigen für Praktikanten, deren Chefinnen ihre Macht ausnutzen. Machtgefälle sind nicht Geschlechtergebunden. Männer können Frauen ebenso kleinhalten wie andersherum. Es liegt immer an beiden Seiten, sich auf Augenhöhe zu begegnen.

"Gleichberechtigung beruht auf Gegenseitigkeit", schreibt auch einer der "Zeit"-Autoren. Das meint nicht, dass Frauen aufgrund einer Quote in Führungspositionen befördert werden, dass es zu jedem Anlass Mädchentage geben muss und Männer sich all dem zu fügen haben, während sie um den vermeintlichen Verlust ihrer Männlichkeit bangen. Wer sich fragt, ob er überhaupt noch Komplimente machen darf, weil er sonst Denunzierung fürchtet, sollte sich über seine Komplimentkultur Gedanken machen. Wer noch mehr Mädchentage fordert, sollte sich fragen: Wäre es nicht geboten, je auch einen Jungentag einzuführen? Und wollen Frauen wirklich eine Führungsposition, die sie letztlich nur aufgrund ihres Geschlechts bekommen haben?

In Nordrhein-Westfalen hatte die rot-grüne Regierung 2016 ein Landesbeamtengesetz durchgesetzt, womit Frauen "bei im Wesentlichen gleicher Eignung" bevorzugt (!) zu befördern seien. Das Oberverwaltungsgericht Münster stoppte das Vorhaben. Zu Recht. Regelungen wie diese bringen vielleicht Gleichberechtigung auf dem Papier - aber auf Kosten der Glaubwürdigkeit.

Mit Jobs ist es ein bisschen wie mit Komplimenten: Frauen (und bestimmt auch Männer) wollen sie bekommen, wenn es um sie geht, nicht um einen Zweck dahinter. Männlichkeit kommt von Menschlichkeit. Das sang Herbert Grönemeyer schon 1984: "Männer kriegen keine Kinder, Männer kriegen dünnes Haar, Männer sind auch Menschen, Männer sind etwas sonderbar."