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| 09:32 Uhr

Panmunjom
Historische Grenzüberschreitung

Panmunjom. Die Staatschefs Nord- und Südkoreas treffen sich an der Demarkationslinie. Es geht um nicht weniger als Frieden - nach 65 Jahren. Dirk Godder und Andreas Landwehr

Die Staatschefs Nord- und Südkoreas treffen sich an der Demarkationslinie. Es geht um nicht weniger als Frieden - nach 65 Jahren.

Es ist ein Bild für die Geschichtsbücher: Die Staatschefs beider koreanischer Staaten stehen sich zwischen zwei blauen Baracken im Grenzdorf Panmunjom gegenüber, schütteln sich lächelnd die Hände und tauschen Worte der Begrüßung. "Es ist schön, Sie zu sehen", sagt Südkoreas Präsident Moon Jae In (65) zu seinem jüngeren Gast Kim Jong Un (34) aus Nordkorea. Er bittet ihn, eine Betonschwelle im Boden zu übertreten, die seit dem Bruderkrieg vor 65 Jahren die Trennlinie zwischen beiden Ländern markiert.

Vor Monaten war es für die Südkoreaner noch unvorstellbar: Kim, der am Neujahrstag noch mit dem "Atomwaffenknopf" auf seinem Schreibtisch drohte, betritt als erster Machthaber Nordkoreas südkoreanischen Boden. Nach dem ersten Handschlag und dem historischen Schritt in Richtung Süden bittet Kim dann in einer überraschenden Geste den südkoreanischen Präsidenten, seinerseits die Schwelle zum Norden zu überschreiten. Für einen kurzen Moment ist Moon auf nordkoreanischem Territorium.

Es sind diese symbolhaltigen Bilder, die an dem sonnigen Freitagmorgen aus Korea um die Welt gehen und erneut die Hoffnung nähren auf eine Aussöhnung beider Länder und damit eine Befriedung der koreanischen Halbinsel. Südkorea setzte bei den Vorbereitungen des Gipfels alles daran, die Bedingung für eine gute Atmosphäre zu schaffen. Es geht um Nordkoreas Atomprogramm, eine Friedenslösung und um nicht weniger als die Zukunft beider Koreas.

Hochsymbolisch ist auch der Ort des Treffens. Das einst ganz normale Dorf Panmunjom ist der Ort an der schwer bewachten innerkoreanischen Grenze, an dem 1953 das Waffenstillstandsabkommen zur Beendigung des Korea-Krieges unterzeichnet wurde. Er liegt mitten in der vier Kilometer breiten demilitarisierten Zone, die als Pufferzone dient und beide Länder von Feindseligkeiten abhalten soll.

Kurze Zeit nach der ersten Begrüßung posieren beide Staatschefs mit zwei elfjährigen Schülern aus einem nahe gelegenen Dorf. Später pflanzen Moon und Kim gemeinsam eine Kiefer an der schwer gesicherten Grenze. Sie enthüllen einen Gedenkstein mit der Aufschrift: "Frieden und Wohlstand pflanzen", darunter stehen die Namen und Titel der beiden.

Kim zeigt sich in seinem typischen schwarzen Mao-Anzug, Moon im klassischen Herrenanzug mit blauer Krawatte. Kim, der vor einigen Wochen in China war, ist seit seiner Machtübernahme nach dem Tod seines Vaters Ende 2011 erst das zweite Mal offiziell auf Auslandsreise - doch diesmal waren es für ihn nur einige Schritte von der nordkoreanischen Seite über die Grenze.

Doch wie groß ist der Unterschied zum China-Besuch, der bis zur Rückkehr Kims mit seinem Sonderzug nach Pjöngjang geheimgehalten worden war. Jetzt werden die Bilder des Gipfeltreffens sogar live in die Welt ausgestrahlt. Die Kameras halten direkt auf das Gesicht des fülligen Kim, der beim Eintrag ins Gästebuch im Friedenshaus von Panmunjom schweratmig wirkt und etwas schwitzt. "Ein neues Kapitel der Geschichte beginnt jetzt", schreibt er. Es solle ein "neues Zeitalter des Friedens" werden.

Schon zweimal gab es ein Spitzentreffen beider Staaten, 2000 und 2007 in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang. Schon 2007 erklärten beide Seiten, für eine Denuklearisierung und Friedenslösung zusammenarbeiten zu wollen. Doch die Hoffnung auf eine dauerhafte Aussöhnung zerstob nicht lange nach dem zweiten Treffen des damaligen Präsidenten Roh Moo Hyun mit Kim Jong Uns Vater Kim Jong Il. Der Atomstreit verschärfte sich in den Jahren wieder.

Nun tauschen Kim und Moon bei ihren einleitenden Gesprächen Freundlichkeiten aus und äußern die Hoffnung auf gegenseitige Besuche, sie wollen erst einmal eine persönliche Verbindung herstellen. Die Kernfrage aber, die Denuklearisierung, umgehen sie zunächst vor den Kameras. Erst hinter verschlossenen Türen geht es dann um atomare Abrüstung. Moon hatte angekündigt, mit Kim auch über eine dauerhafte Friedenslösung und die Verbesserung der Beziehungen zu sprechen. Die Erwartungen, bei der Denuklearisierung einen sofortigen Durchbruch erzielen zu können, waren jedoch eher gering.

In der Schlusserklärung geben beide Staaten das Ziel aus, Korea völlig frei von Atomwaffen zu machen. Wie genau das erreicht werden soll, bleibt vage. Dafür vereinbaren sie eine Serie anderer vertrauensbildender Maßnahmen. So soll noch in diesem Jahr endlich offiziell Frieden geschlossen werden.

Hoffnungen auf eine baldige, komplette Beseitigung des nordkoreanischen Atomprogramms dürften aus Sicht des Experten Andrej Lankow aber enttäuscht werden. "Nordkorea ist ein Atomwaffenstaat", sagt der Professor der südkoreanischen Kookmin-Universität. "Das ist eine Tatsache. Sie haben Atomwaffen und können sie explodieren lassen. Wir müssen uns mit der Realität auseinandersetzen."

Aber genau das ist der Punkt: Die USA und ihre Verbündeten Südkorea und Japan wollen Nordkorea keinesfalls als Atommacht anerkennen. Sie verlangen einen kompletten und unumkehrbaren Abbau des Programms. Und so war US-Präsident Donald Trump als unsichtbarer Dritter in Panmunjom dabei. In wenigen Wochen will er selbst Kim treffen. Dann geht es vor allem um die Atomfrage.

Trump ist überzeugt, dass es seiner harten Linie und dem "maximalen Druck" der Weltgemeinschaft zu verdanken sei, dass Kim auf seinen plötzlichen Annäherungskurs geschwenkt ist. Der Korea-Gipfel ist somit nur ein Warmlaufen für das Treffen Kims mit Trump, da eine grundlegende Lösung des Atomkonflikts nur von den USA und Nordkorea zu erreichen ist.