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"Hier ist viel Rhetorik im Spiel"

Die von der Regierung Nordkoreas am 30. August verbreitete Aufnahme soll den Start einer ballistischen Mittelstreckenrakete des Typs "Hwasong-12" am 29. August in Nordkorea zeigen.
Die von der Regierung Nordkoreas am 30. August verbreitete Aufnahme soll den Start einer ballistischen Mittelstreckenrakete des Typs "Hwasong-12" am 29. August in Nordkorea zeigen. FOTO: dpa
Wien. Der jüngste Atomwaffentest Nordkoreas ängstigt die Welt. Die USA fordern nun einen Stopp der Öllieferungen und feuern verbal zurück.

Der Nordkorea-Experte Rüdiger Frank vor der Universität Wien erläutert, was noch alles kommen könnte.

Herr Frank, Pjöngjang will auf sein Atomprogramm um keinen Preis verzichten. Will Staatschef Kim Jong Un überhaupt reden und wie sähe ein überzeugendes Angebot für Verhandlungen aus?
Frank Nordkorea will auf jeden Fall reden. Das Atomprogramm ist ja kein Selbstzweck. Es soll Nordkoreas Verhandlungsposition stärken, um Kim Jong Uns eigentliche Ziele zu erreichen. Dazu gehört an oberster Stelle langfristig eine koreanische Wiedervereinigung in Form einer Konföderation. Auf dem Weg dahin will Nordkorea einen Friedensvertrag mit den USA, eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen mit Washington und vor allem den Zugang zum Weltmarkt für Güter und Finanzmittel. Als Nächstes steht der Aufbau der nordkoreanischen Wirtschaft auf dem Plan. Für all das sieht Kim Jong Un jedoch eine glaubwürdige atomare Abschreckung als die Ausgangsvoraussetzung an, und darum verfolgt er dieses Ziel auch so beharrlich. Verhandlungen, die Erfolg haben sollen, müssten sich daher mit der Frage befassen, wie wir mit dieser Realität umgehen.

Nordkorea beschreibt den Konflikt auch als Kräftemessen mit den USA. Unterschätzt Pjöngjang eine mögliche militärische Antwort von US-Präsident Donald Trump da nicht?
Frank Hier ist viel Rhetorik im Spiel. Nordkorea möchte sich gern als David im Kampf gegen Goliath darstellen, und zwar sowohl den eigenen Leuten gegenüber als auch international. Man hat in Pjöngjang schnell erkannt, dass Donald Trump international nicht sehr populär ist, und nutzt diesen Umstand für die Propaganda. Faktisch geht es aber primär um ein verbales Kräftemessen. Wirtschaftlich und militärisch hat Nordkorea gegen die USA keine Chance, und das weiß die Führung dort auch sehr genau. Spätestens seit dem Einmarsch im Irak unterschätzen die Nordkoreaner die USA nicht mehr.

Werden Sanktionen, wie etwa ein Öl-Embargo, Druck auf die Führung ausüben können?
Frank Ein Öl-Embargo wäre schmerzhaft, aber nicht für das Militär. Die Nordkoreaner sind ja nicht dumm, sie erwarten so ein Embargo schon sehr lange und sind entsprechend vorbereitet. Es gibt Reserven, und man hat sich auch um eine Substitution von Öl durch einheimische Ressourcen bemüht. Im Übrigen würde diese Sanktion das einfache Volk treffen, und zwar hart. Das geht bis hin zu Nahrungsmittelknappheit, weil Erdöl ein wichtiger Grundstoff für die Düngemittelproduktion ist und die Landwirtschaft hohe Inputs an Treibstoff benötigt, zum Beispiel für die Bewässerungssysteme.

Sehen Sie in den kommenden Wochen und Monaten eine weitere Eskalation der Situation?
Frank Nordkorea wird versuchen, den Druck aufrechtzuerhalten, solange Donald Trump sich noch nicht wirklich festgelegt hat. Außerdem werden die Nordkoreaner ihre Tests völlig unabhängig davon solange fortsetzen, bis sie eine glaubhafte Abschreckung besitzen. Die Amerikaner wiederum geben ihre Manöver nicht auf; die nächsten sind Anfang des kommenden Jahres geplant. Darüber hinaus dürfte auch die Rivalität zwischen Washington und Peking nicht besser werden, und darum geht es ja eigentlich bei diesem Konflikt.

Welchen Ausweg aus der Krise gibt es?
Frank Entweder Nordkorea kollabiert; dann wäre diese Krise vorbei, es würden aber sofort andere, erhebliche Probleme und Risikofaktoren auftreten. Oder die USA springen über ihren eigenen Schatten und fangen an, mit Nordkorea über eine vernünftige Regelung von deren Status als Atommacht zu verhandeln. Das ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Letztlich dürfte es darauf hinauslaufen, dass alles so weitergeht wie bisher, verbunden mit der Hoffnung, dass niemand zu weit geht. Das ist eine wenig zufriedenstellende Situation, in jeder Hinsicht. Unter anderem bleiben dabei die Menschen und die Menschenrechte in Nordkorea auf der Strecke, über die in den letzten Monaten erschreckend wenig gesprochen worden ist.

Können Sie einschätzen, wie weit die Nordkoreaner hinter der Politik der Führung stehen? Gibt es Risse?
Frank Diese Risse gibt es, das habe ich vor Ort erlebt. Sie sind eine Folge der marktwirtschaftlichen Reformen, die um das Jahr 2000 begonnen haben. Die Einkommens- und Wohlstandsschere geht immer weiter und vor allem deutlich sichtbar auseinander, und das in einem Land, das auf der Idee von Gleichheit aufgebaut ist. So etwas schafft erhebliche Probleme. Auch ist das Informationsmonopol des Staates längst nicht mehr so stabil wie noch vor 20 Jahren. Andererseits werden Sie keinen Koreaner finden, der nicht sofort alles opfern würde, um die Unabhängigkeit des Landes zu schützen. Genau das ist aber die Geschichte, die die Führung ihren Menschen erzählt: Wir müssen alles tun, um uns gegen die Aggression der Amerikaner zu wehren. Darum halte ich den harten Kurs des Westens auch für falsch; er stärkt die nordkoreanische Führung innenpolitisch. Den Ostblock hat man seinerzeit durch eine Kombination aus wirtschaftlicher Kooperation und Wettrüsten zu Fall gebracht. Im Falle Nordkoreas lassen wir die Hälfte weg und wundern uns dann, warum es nicht funktioniert.

Mit Rüdiger Frank

sprachen Sandra Walder

und Dirk Godder

Nordkorea-Experte Frank
Nordkorea-Experte Frank FOTO: dpa