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| 07:01 Uhr

Gesellschaftskunde
Hetze im Parlament schafft Aufmerksamkeit. Sachfragen stellt niemand mehr.

Das Wesen der Provokation besteht darin, dass sie sich in den Vordergrund schiebt. Sie will starke Reaktionen hervorrufen, Wut auslösen, Bestürzung oder andere negative Emotionen, weil das Aufmerksamkeit garantiert. Und weil es von anderen Dingen ablenkt.

Das Wesen der Provokation besteht darin, dass sie sich in den Vordergrund schiebt. Sie will starke Reaktionen hervorrufen, Wut auslösen, Bestürzung oder andere negative Emotionen, weil das Aufmerksamkeit garantiert. Und weil es von anderen Dingen ablenkt.

Der Soziologe Rainer Paris definiert Provokation als gezielten "Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll". Die Provokation diene sowohl der Selbstdarstellung als auch der Eskalation von Konflikten. Doch geht es dabei nicht um Fortschritt in der Sache, sondern um möglichst viel Lärm auf dem Nebenschauplatz. Den nutzt der Provokateur, um sich aufzuspielen - für gewisse Zeit hat er ja die Aktion an sich gerissen.

Auch in der Politik funktioniert Provokation auf diese Weise. Eine AfD-Abgeordnete benutzt plumpe Hetzbegriffe im Bundestag. Das löst die kalkulierten Reaktionen aus. Sie sorgen für ein Echo in der Öffentlichkeit. Auf Provokationen kann man nicht nicht reagieren.

Doch das Problem ist gar nicht dieser Mechanismus. Wenn einer auf die Pauke haut, dröhnt es eben eine Weile. Das Problem liegt darin, was dies Dröhnen alles schluckt. Zum Beispiel die Frage danach, was die Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel, sachlich beizutragen hatte. In ihrer Rede gab es neben den Provokationen Allgemeinplatz-Forderungen wie die, Deutschland müsse endlich den Sozialstaat sichern, Einkommen entlasten und die Zukunft gestalten. Dazu Behauptungen, die leicht zu widerlegen sind, wie, Deutschland vertusche seine Ausgaben für die EU. Doch darüber spricht natürlich keiner mehr. Nur die diffamierenden Wortprägungen aus ihrer Rede klingen nach. Im Großkoalitionsdeutschland mag es zu wenig leidenschaftliche Auseinandersetzung gegeben haben. Diese Art von Debatte führt zu gar nichts.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)