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Gesellschaftskunde
Gutes Streiten muss man üben

Eine herzhafte Debatte fördert Wahrheit zu Tage - aber nur mit Respekt vor dem Gegner.

Gutes Streiten ist eine Kunst. Denn im Streit werden Emotionen freigesetzt, das macht den Verlauf unkalkulierbar. Ein Wort ergibt das andere, und weil das enorme Dynamik entfachen kann, geht es dann meist nicht mehr um das, was eigentlich im Zentrum stehen sollte: die Sache.

Das ist ja immer das hehere Ziel: dass ein Streit sachlich bleibt und die Streitenden voranbringt. Er nimmt dann Druck aus einem Konflikt und zwingt die Streitenden, ihre Positionen zu überdenken, ihre Argumente streitend auch selbst noch einmal auf ihre Tauglichkeit zu prüfen. Doch wenn eine Auseinandersetzung in persönliche Anschuldigungen umschlägt, wird oft mehr gesagt, als den Beteiligten nachher lieb ist. Dann wird ein Streit zerstörerisch. Er greift das Fundament an, auf dem alle Beziehungen ruhen: das Vertrauen in den grundsätzlichen Respekt voreinander. Die Gewissheit, dass man hart ringen kann, aber niemals in Frage stellt, wer der ander ist.

Diese Grenze einzuhalten, muss man lernen. Genau wie die Fähigkeit, ruhig mal einen Streit zu riskieren, ohne gleich Demontage fürchten zu müssen. Darum ist Streiten mit Kindern so wichtig. Wenn eine Auseinandersetzung gelingt, lernen sie, dass man auch mal aneinander geraten darf, ohne Gefahr zu laufen, nicht mehr geliebt zu werden. Dass man sogar Dingen sagen kann, die einem hinterher leidtun, dass das aber der Basis einer Beziehung nichts anhaben kann. Ein Streiten, das die Person des anderen achtet, kann Spaß machen, kann etwas Virtuoses haben. Plötzlich lässt man sich in Formulierungen tragen, schleudert Wahrheiten heraus, die man so noch gar nicht gedacht hatte. Natürlich ist das auch befreiend.

Wenn Erwachsene aber im Streit über das Ziel hinaus gehen, ein Kind demütigen, es als nicht mehr liebenswert darstellen, bekommt jenes Zutrauen in andere Menschen einen Knacks, ohne dass man nicht gut leben kann.

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