Geht es um die Digitalisierung, sind die Deutschen gern am Jammern. Das Internet ist lahm, der Handyempfang auf der Schwäbischen Alb und im Spreewald sind dürftig. Solche hundertfach ähnlich vorgetragenen Klagen sind berechtigt. Glasfaser für alle, das existiert in zahlreichen Dörfern und Städten einfach noch nicht.
Nach einer Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln gibt es Breitband-Internet mit einer Datenübertragungsrate von mindestens 1000 Megabit pro Sekunde längst nicht an jedem Gewerbestandort in Deutschland – skandalös für eine der größten Volkswirtschaften der Welt. Doch die Autoren der Studie belegen eben auch, dass es die Unternehmen selbst mit der Digitalisierung nicht so ernst nehmen: Auf vollständige digitale Datenanalyse und Prognose setzt demnach nur jede fünfte Firma.
Das legt die Vermutung nah, dass die Deutschen gar nicht so digital sind, wie sie es gern hätten. Wir leben in einem Land, in dem laut Hasso-Plattner-Institut das beliebteste Passwort für Computer und Software immer noch 123456 lautet und in dem laut Statistischem Bundesamt knapp ein Fünftel der Älteren über 65 Jahre nicht online geht. Das ist keine Marotte, sondern ein ernstes Problem. Unsere Gesellschaft braucht Digitalisierung dringender denn je.

Warum wir Digitalisierung dringender denn je brauchen

Beispiel Fachkräftemangel: Wie sollen Produktivität und Dienstleistungen erhalten bleiben, wenn immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen? Die Rente mit 80 kann jedenfalls nicht die Lösung sein. Digitale Prozesse hingegen können die Arbeit erleichtern. Roboter als Kollegen, künstliche Intelligenz, die Tätigkeiten von Menschen übernimmt, das muss in vielen Betrieben Wirklichkeit werden.
Oder Medizin: Um die Gesundheitsversorgung zu sichern, müssen medizinischer Rat und Diagnosen zügig aus der Ferne möglich werden – in der Stadt und auf dem Land. Ältere Menschen sollten daher schon aus Eigeninteresse lernen, wie dieses Internet funktioniert, von dem die Enkel immer sprechen.
Ein guter Vorsatz fürs Jahr 2023: Digitalisieren wir uns! Wie wäre es mit dem Einsatz eines sicheren Passwort-Managers? Wann haben Sie zuletzt eine neue App auf dem Smartphone ausprobiert? Was könnten Vorteile sein, wenn Sie Eltern oder Großeltern den Tablet-Computer nahebringen? Auch der engere Kontakt mit den Jüngeren in der Familie beispielsweise.

Wer Digitalisierung lebt, kann handfest darüber meckern

Für Führungskräfte: Wer kümmert sich wirklich um Digitalisierung Ihrer Abteilung? Oder für Lehrkräfte: Haben Sie schon mal mit dem Whiteboard oder digital unterrichtet, oder verteilen Sie weiterhin nur kopierte Arbeitsblätter in A4 an Schülerinnen und Schüler wie vor 30 Jahren?
2023 wird wieder ein Jahr der Digitalisierung; Bund, Länder, Verbände, Unternehmen und Schulen werden neue Anstrengungen dafür unternehmen. Das ist keine Angelegenheit für Nerds, also digitale Sonderlinge. Jeder kann mitmachen. Weiterer Vorteil: Aus eigener Anschauung lässt sich über Mängel der digitalen Infrastruktur auch viel handfester meckern.