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| 17:44 Uhr

Berlin
Zur Impfung in die Apotheke

 Mit dem Impfangebot in Apotheken will Gesundheitsminister Jens Spahn auch jene Menschen erreichen, die noch eine Influenza-Schutzimpfung bekommen haben.
Mit dem Impfangebot in Apotheken will Gesundheitsminister Jens Spahn auch jene Menschen erreichen, die noch eine Influenza-Schutzimpfung bekommen haben. FOTO: Pharma Suisse
Berlin. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will mit dem Vorhaben breiten Grippeschutz erreichen.

Weniger Leid durch Influenza: Der Gesundheitsökonom Professor Uwe May von der Hochschule Fresenius hat eine deutliche Senkung von Grippeerkrankungen errechnet, wenn auch Apotheker impfen dürften. Jährlich 900 000 Fälle könne es weniger geben. Das würde Deutschland Jahr für Jahr 4700 Krankenhauseinweisungen und 41 Grippetote ersparen, so seine Rechnung. Grundlage dafür waren Erfahrungen aus Ländern wie Irland, England und der Schweiz. May hat daraus geschlussfolgert, dass sich die Impfquote in der Bundesrepublik um zwölf Prozent erhöhen lassen könnte. Denn ganz bestimmt würden „viele Menschen das Angebot wahrnehmen. Aktuell sind lange Wartezeiten beim Arzt noch eine große Hürde“. Für den Gesundheitsökonomen ist Grippe keine Privatsache, denn eine Grippewelle könne die Volkswirtschaft beeinträchtigen und das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen. Impfen in der Apotheke würde sich seiner Meinung nach sogar gesamtwirtschaftlich rechnen.

Zwar müssten laut May die Kassen an die 340 Millionen Euro mehr bezahlen, dafür aber würden knapp drei Millionen Arbeitsunfähigkeitstage wegfallen. Was einer jährlichen Kosteneinsparung von über einer Milliarde Euro entsprechen würde. Kein Wunder also, dass May das Vorhaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unterstützt, die Möglichkeit von Grippeimpfungen in Apotheken gesetzlich festschreiben zu lassen.

Was sich so einleuchtend anhört, ist aber längst noch nicht in trockenen Tüchern. Die deutsche Ärzteschaft läuft Sturm gegen das Vorhaben. Sie hatte sich auf dem Ärztetag Ende Mai in Münster erneut gegen das Impfen durch Apotheker ausgesprochen. Denn, so formulierte es der nach acht Jahren aus dem Amt geschiedene Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery in seiner letzten großen Rede: „Impfen ist nicht einfach nur ein Piks in den Arm!“ Dazu gehörten vorherige Befragungen und Untersuchungen von Patienten sowie Eingriffsmöglichkeiten bei Zwischenfällen. Die Verantwortung dafür könne auf gar keinen Fall an andere Berufsgruppen wie Apotheker übertragen werden. „Impfen gehört in ärztliche Hand.”

Das sieht die Kassenärztliche Bundesvereinigung als Vertretung der Praxisärzte ganz genauso. Impfen sei „eine originär ärztliche Aufgabe“, betont KBV-Vizechef Stephan Hofmeister. Die von Spahn vorgesehenen Modellvorhaben könnten das „hohe Qualitätsniveau von Impfleistungen“ absenken. Und der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, findet, dass Impfungen immer in einer Umgebung stattfinden sollten, „in der eine ärztliche Überwachung und notfalls auch Behandlung möglich ist“.

Das deckt sich allerdings nicht mit Erfahrungen aus anderen Ländern. In Portugal wird seit 2007 in der Apotheke geimpft, in Irland seit 2011, in der Schweiz und in England seit 2015. Allein in England wurden in der Grippesaison 2018/19 mehr als 1,4 Millionen Menschen gegen Influenza immunisiert, 87 000 mehr als 2017/18. In der Schweiz waren es 25 000, 5000 mehr als in der Vorsaison. Generelles Ergebnis im Ausland: Die Zahl der Menschen, die sich insgesamt gegen Grippe impfen lassen, steigt. Denn viele Apotheken-Geimpfte kommen zusätzlich zu den in den Praxen immunisierten Menschen dazu. Man erreicht Leute, die zuvor noch nie eine Influenza-Schutzimpfung bekommen hatten. Weil der Weg in die Apotheke für viele Menschen selbstverständlicher ist als der zum Arzt. Die Öffnungszeiten sind ebenfalls verbraucherfreundlicher. Die Zufriedenheit bei den Bürgern ist deshalb hoch, schwere Komplikationen sind ausgeblieben.

Die französische Regierung hat das überzeugt: Seit 2019 ist die Grippeimpfung in Apotheken im ganzen Land möglich. Das ist auch die Reaktion auf einen Pilotversuch in zwei Regionen. Dort hatte man während der Grippesaison 2017/2018 mit 35 000 Impfungen in Apotheken gerechnet. Tatsächlich waren es 150 000. Auf Modellversuche setzt jetzt ebenfalls Jens Spahn, der auch für Deutschland zuversichtlich ist, „dass ein neues, niedrigschwelliges Angebot zu einer besseren Impfquote führt“. Das Ausland zeigt aber auch: Das klappt nicht über Nacht. Die Pharmazeuten, die das Angebot machen wollen, müssen zunächst ordentlich geschult und dann kontinuierlich weitergebildet werden. Das kostet Zeit und Geld. Und einen Extra-Raum braucht man in der Apotheke natürlich auch. Die deutsche Apothekerschaft hält sich mit öffentlichem Jubel jedoch zurück. Nicht nur, weil längst nicht jeder Pharmazeut auch impfen will. Vor allem fürchtet man den Konflikt mit den Ärzten. Die könnten ja, wenn Pharmazeuten impfen, auf die Idee kommen, in der eigenen  Praxis auch Medikamente an Patienten abgeben zu wollen. In der Schweiz etwa dürfen nicht nur viele  Apotheker impfen. Dort dürfen auch viele Ärzte Arzneimittel abgeben.

In einer Stellungnahme zum Gesetzentwurf schreibt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) allerdings, die geplanten Modellprojekte seien „sinnvoll, da es sich um eine neue Dienstleistung handelt und somit Erfahrungen gesammelt werden können“, insbesondere zur sicheren Umsetzung und zur Akzeptanz bei den Versicherten.

Die Erfahrungen aus mehr als 20 Ländern weltweit zeigten eine deutliche Erhöhung der Impfquote und eine hohe Zufriedenheit der Patienten. Es sei deshalb davon auszugehen, dass die deutschen Modellprojekte „zu vergleichbaren Ergebnissen führen werden“. Um aussagekräftige Ergebnisse zu bekommen, sollten aber, anders als bisher geplant, in einer Region alle Apotheken beim Modellversuch mitmachen – und nicht nur einzelne.

Dass die Ärzteschaft aber ihren Widerstand auf Dauer aufrechterhält, glaubt etwa Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit beim Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen, nicht. Spätestens in fünf Jahren würden es die Kassenärztlichen Vereinigungen nicht mehr schaffen, alle Praxen im ländlichen Raum zu besetzen. Dann hätten die verbliebenen Ärzte auf dem Land so viel zu tun, „dass sie sogar dankbar dafür sein werden, wenn der Apotheker ihnen Arbeit abnimmt“. Die Modellprojekte, die Spahn plant, sind übrigens auf fünf Jahre ausgelegt.

 Gesundheitsminister Jens Spahn plant eine Entlastung des Gesundheitssystem mit dem Impfprojekt.
Gesundheitsminister Jens Spahn plant eine Entlastung des Gesundheitssystem mit dem Impfprojekt. FOTO: dpa / Britta Pedersen
 Mit dem Impfangebot in Apotheken will Gesundheitsminister Jens Spahn auch jene Menschen erreichen, die noch keine Influenza-Schutzimpfung bekommen haben.
Mit dem Impfangebot in Apotheken will Gesundheitsminister Jens Spahn auch jene Menschen erreichen, die noch keine Influenza-Schutzimpfung bekommen haben. FOTO: Pharma Suisse
 Gesundheitsminister Jens Spahn plant eine Entlastung des Gesundheitssystems mit dem Impfprojekt.
Gesundheitsminister Jens Spahn plant eine Entlastung des Gesundheitssystems mit dem Impfprojekt. FOTO: dpa / Britta Pedersen