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| 02:38 Uhr

"Glücklich ist, wer vergisst"

Bei allem Zoff, das kommt von innen: In Wahlkampfzeiten sind Horst Seehofer und Angela Merkel besonders beieinander.
Bei allem Zoff, das kommt von innen: In Wahlkampfzeiten sind Horst Seehofer und Angela Merkel besonders beieinander. FOTO: dpa
Bad Staffelstein. War da was? Streit über die Obergrenze für neue Flüchtlinge? Drohungen an Kanzlerin Angela Merkel, notfalls in die Opposition zu gehen? Mindestens eine Ewigkeit muss das her sein, wenn man sieht, wie einträchtig CSU-Chef Horst Seehofer und die "liebe Angela" bei einer Klausur der CSU-Bundestagsabgeordneten am Montagabend nebeneinander stehen. Dabei ist der erste große Akt der Versöhnung gerade mal fünf Monate her. Christoph Trost

Da war die Bundestagswahl also schon in Sichtweite. "Hätten wir's malen müssen, hätten wir's nicht besser zeichnen können", sagt Seehofer trotzdem im Rückblick.

CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt allerdings dürfte sich noch gut an die Hochphase des Unionsstreits erinnern. Etwa an eine Klausur der Landtags-CSU 2015, genau hier im oberfränkischen Kloster Banz, als sie quasi stellvertretend für Merkel massiv von den Landtagsabgeordneten angegangen wurde. Darauf angesprochen zitiert Hasselfeldt jetzt einfach ein kleines Operetten-Lied: "Glücklich ist, wer vergisst." Und Seehofer sagt mit Blick auf Hasselfeldt schmunzelnd: "Da haben die einen mehr diplomatisches Geschick. Und die anderen sind Bayern."

Jetzt, gut zwei Monate vor der Bundestagswahl, üben sich CDU und CSU jedenfalls in demonstrativer Harmonie. Schweißt die Wahl die Union zusammen? Nein, versichert Seehofer. "Das kommt von innen raus." Und was ist mit dem "Bayernplan", dem CSU-Wahlprogramm, in dem Seehofer die Punkte festschreiben will, die die Schwesterparteien entzweien (Obergrenze, Mütterrente, Volksentscheide auf Bundesebene). Seehofer betont: "Wir machen kein Anti-CDU-Programm, ganz sicher nicht."

Nach den Krawall-Nächten beim G20-Gipfel hat die CSU jedenfalls eines ihrer Themen wiedergefunden: die innere Sicherheit. Spitzenkandidat für die Bundestagswahl ist ja nicht ohne Grund der bayerische Innenminister Joachim Herrmann. Und damit hat auch die Banzer Klausur ihr Thema: Was tun gegen linke Gewalt? Seehofer fordert ein entschiedenes Vorgehen, juristisch wie auch politisch. Und er denkt öffentlich darüber nach, das Wahlversprechen der Union von 15 000 zusätzlichen Polizisten noch weiter aufzustocken. "Es kann durchaus noch mehr werden", sagt er.

Die CSU sieht aber auch einen neuen Grund, den politischen Gegner zu attackieren. Denn auch wenn Seehofer versichert, die CSU habe kein Interesse daran, das nun in den Mittelpunkt des Wahlkampfes zu rücken, greifen andere SPD, Grüne und Linke scharf an. "Rot-Grün und Rot-Rot-Grün sind über Jahre auf dem linken Auge blind gewesen", schimpft etwa CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, lästert über eine "Politik des Stuhlkreises". Und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt klagt, wo Rot-Grün regiere, werde nicht genau hingesehen.

Die Kanzlerin ist also längst nicht mehr der Hauptgegner. Jedenfalls bis zum Wahltag im September. Denn auf die Frage, ob er die fast ultimativen CSU-Forderungen inzwischen aufgegeben habe, sagt Seehofer vielsagend wenig. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil lästert deshalb, in zentralen Fragen sei die Union zerstritten: "Streitpunkte werden totgeschwiegen und auf die Zeit nach der Wahl vertagt."

Kommentar Seite 10

Zum Thema:
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) rät seiner Partei dringend davon ab, im Bundestagswahlkampf nach rechts abzudriften. "Die Union wird heute und auch in der Zukunft Wahlen nur in der Mitte gewinnen", sagte er dem "Spiegel". "Die These, man gewinne Wahlen, indem man die Tonlage des rechten Rands laut und aggressiv übernimmt, ist durch die NRW-Wahl widerlegt." Als Stellvertreter von CDU-Chefin Angela Merkel unterstützte Laschet die umstrittene Flüchtlingspolitik der Kanzlerin auch im Wahlkampf vorbehaltlos. "In den katholischen, konservativen Landesteilen leben und arbeiten unsere Stammwähler", sagte er dem Nachrichtenmagazin. "Die AfD liegt dort unter fünf Prozent." Mit Feinheiten zu Islamgesetzen erreiche man der AfD zuneigende Protestwähler ohnehin nicht. "Sie verschrecken aber die bürgerlichen, christlich engagierten Menschen." Ohnehin sei das Flüchtlingsthema inzwischen nicht mehr so bestimmend. "Die Leute sorgen sich heute eher um ihre Sicherheit", sagte Laschet.