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| 18:06 Uhr

Gipfeltreffen von Donald Trump und Kim Jong Un
Ein historischer Handschlag

Keine Berührungsängste: US Präsident Donald Trump (r.) streckt dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un die Hand entgegen.
Keine Berührungsängste: US Präsident Donald Trump (r.) streckt dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un die Hand entgegen. FOTO: dpa / Evan Vucci
Washington. Sie loben sich über den grünen Klee. Donald Trump feiert den Singapur-Gipfel euphorisch. Kim Jong Un gibt sich ziemlich zufrieden. Doch was ist das Treffen wert – und wem nützt es? Von Frank Herrmann

Was für Bilder! Was für ein Kontrast! Noch vor neun Monaten war Kim Jong Un in Donald Trumps Diktion der Raketenmann auf einem Selbstmord-Trip. Jetzt ist er der weise Staatenlenker, bereit, ein neues Geschichtskapitel zu schreiben. Bisweilen, kommentieren spitze Zungen in Washington, konnte man sogar den Eindruck gewinnen, als sei der US-Präsident ziemlich stolz auf den jungen Diktator. Als wäre der Nordkoreaner mit seiner markanten Frisur ein aufstrebendes Show-Talent und er selber der wohlwollende Mentor.

Bei allen Spitzen, es ist wohl das Wort Erleichterung, das die Stimmung am treffendsten beschreibt. Selbst scharfe Kritiker machen Trump Komplimente, weil er eine Kehrtwende vollzog und von kriegerischer Rhetorik auf eine Sprache des Friedens umschaltete. Manche gestehen ihm sogar zu, Kim durch extremen Druck, mit der Schläue eines Pokerspielers, überhaupt erst zu Aussöhnungssignalen veranlasst zu haben.

Dass es sich in einer Atmosphäre verminderter Spannungen besser verhandeln lässt als mit Nerven, die blank liegen, gehört zu den Binsenweisheiten der Diplomatie. Und Trump, der Unberechenbare, will sich zumindest für ein paar Monate kooperativ und berechenbar zeigen. Innenpolitisches Kalkül dürfte dabei eine gewichtige Rolle spielen, denn im November stehen die „midterm elections“ ins Haus. Die Kongresswahlen zur Halbzeit einer präsidialen Amtszeit, die traditionell auch eine Art Referendum über den Mann im Weißen Haus sind.

In der Pose des Friedensstifters hofft der bald 72-Jährige Punkte zu sammeln: Soll ihm keiner nachsagen, dass er sich nicht um die Lösung vertrackter Konflikte bemühe. Falls sich Fortschritte abzeichnen im Dialog mit Nordkorea, könnte er den Demokraten so viel Wind aus den Segeln nehmen, dass es für seine in die Defensive geratenen Republikaner reicht, doch noch die parlamentarische Mehrheit zu wahren. „Vielleicht werde ich in sechs Monaten vor Ihnen stehen und sagen, hey, ich habe mich geirrt“, skizzierte er vor der Presse in Singapur, launig wie oft, ein Szenario, bei dem es auch schiefgehen kann. Die Opposition hat den Satz genauestens registriert: In sechs Monaten ist das Kongresswahlrennen gelaufen, dann müsste Trump nicht mehr den nobelpreiswürdigen Retter des Weltfriedens geben.

Wie auch immer, das Treffen im Hotel Capella symbolisiert nicht mehr als einen Startpunkt. Was folgt, ist ein Marathon, bei dem heute keiner zu sagen vermag, ob die Läufer die Ziellinie erreichen. Und wenn ja, wann. Kein Wunder, dass in den USA an skeptischen Stimmen kein Mangel herrscht.

Richard Haass, Direktor des Thinktanks Council on Foreign Relations, ein Konservativer der realpolitischen Schule, spricht von den Fallstricken der Diplomatie. Im Leben gehe es nun mal zu 90 Prozent darum, ob Worten Taten folgen, was für die Staatenbeziehungen genauso gelte wie für die privaten. „Und die Geschichte lehrt uns, vorsichtig zu sein.“ Wie andere auch stellt Haass die Frage, ob Kim es ernst meint mit dem Bekenntnis zur Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel. Ob er unter dem dehnbaren Begriff tatsächlich die Verschrottung der eigenen Atomwaffen versteht, ohne sie etwa an den Abzug der 28 500 US-Soldaten aus Südkorea oder die Aufkündigung amerikanischer Sicherheitsgarantien für die Alliierten in Seoul und Tokio zu knüpfen.

Für Victor Cha, einen Korea-Experten, den Trump als Botschafter nach Seoul entsenden wollte, der dann aber einen Rückzieher machte, sind es Fragen, auf die es momentan keine Antworten gibt. Vage Absichtserklärungen, dämpft er, habe man von den Nordkoreanern zuvor auch schon gehört.  Kim Il Sung und Kim Jong Il, der Großvater und der Vater des heutigen Herrschers, hätten die Amerikaner dann jedes Mal an der Nase herumgeführt. Ob sich der dritte Kim anders verhalte, bleibe abzuwarten.

Und Trump? Wird er das Stehvermögen für die diplomatische Langstrecke aufbringen? Vor der Reise nach Singapur erklärte er großspurig, er wisse schon nach einer Minute, ob sein Gegenüber ein seriöser Gesprächspartner sei. Seine Neigung, impulsiv auf Widerspruch zu reagieren, gepaart mit notorischer Ungeduld, lässt indes an seiner Eignung zum Marathonläufer zweifeln. Weil der kanadische Premier Justin Trudeau es wagte, Stahl- und Aluminiumzölle zu kritisieren, widerrief er kurzerhand seine Zustimmung zur Abschlusserklärung des G7-Gipfels am Sankt-Lorenz-Strom. Wenn er wegen einer solchen Petitesse schon die engsten Verbündeten brüskiert, fragen die Skeptiker, wie wird er dann erst auf Rückschläge im Nukleardialog mit Pjöngjang reagieren?

Apropos Verbündete. Der wahre Paukenschlag dröhnte, als Trump vor der Presse in Singapur das Ende gemeinsamer Manöver mit Südkorea ankündigte. Das Ende „sehr provokanter“ Kriegsspiele, wie er es formulierte. Für Strategen wie Christopher Hill, einen Veteranen früherer Atomverhandlungen mit Pjöngjang, ist es eine faustdicke Überraschung.

Er hoffe nur, sagt Hill, der Präsident habe das zuvor mit der Regierung in Seoul abgesprochen – statt erneut einen Alliierten vor Rätsel zu stellen.