ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:36 Uhr

Branchenvertreter rügen Flatrate-Mentalität von Patienten
Strafgebühr beim Arzt im Gespräch

 Versicherte gehen in Deutschland zu oft zum Arzt.
Versicherte gehen in Deutschland zu oft zum Arzt. FOTO: dpa / Maurizio Gambarini
Berlin. Nach Ansicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gehen die Deutschen zu oft zum Arzt. Deswegen fordert der Verband eine Extragebühr für zusätzliche Besuche bei Medizinern. Von Hako Zenker

Die Deutschen gehen deutlich häufiger zum Arzt als Österreicher oder Schweden. Und leben trotzdem nicht länger. Dafür sind die Wartezimmer aber hierzulande besonders voll. Weshalb Andreas Gassen, als Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) der oberste Vertreter der 150 000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland, mindestens einmal im Jahr öffentlich die Flatrate-Mentalität der Patienten beklagt, die zu vielen unnötigen Arztbesuchen führe. Das hat Gassen nun gerade wieder getan. Es dürfe nicht so bleiben, dass „jeder Patient jeden Arzt jeder Fachrichtung beliebig oft aufsuchen“ könne. Sein Vorschlag: Wer jederzeit zu jedem Mediziner gehen möchte, solle mehr bezahlen. Ähnlich hatte es übrigens im Sommer bereits beim neuen Ärztepräsident Klaus Reinhardt geklungen: Es gebe Menschen, die zwei oder drei Hausärzte hätten und sich regelmäßig eine zweite oder dritte Meinung einholten. Das gehe so nicht. Man könne deshalb auch „über eine wirtschaftliche Beteiligung der Patienten nachdenken“.

Strafzahlungen durch die Hintertür

Die Reaktion auf Gassens Worte ließ nicht lange auf sich warten. „Eine Unverschämtheit“, poltert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Der KBV-Chef wolle nur vom Versagen der Kassenärztlichen Vereinigungen ablenken, die Versorgung ordentlich zu organisieren.Und Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, der Dachorganisation aller 109 Kassen, argwöhnt, dass „durch die Hintertür Strafzahlungen für kranke Menschen vorbereitet werden, die sich hilfesuchend an die vermeintlich falsche Stelle wenden“.

Hausarzt erster Anlaufpunkt

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, wirft Gassen, „maximale Patientenverunsicherung“ vor. Bei den Ärztefunktionären gehe es „wie im Tollhaus zu“. Nun solle „das Recht eingeschränkt werden, seinen Arzt frei zu wählen“. Die Kassenärzte sollten sich lieber auf ihren gesetzlichen Auftrag konzentrieren – die medizinische Versorgung der Menschen vor Ort.

Möglich wäre das auf jeden Fall. Ob in den Niederlanden, Dänemark oder Großbritannien – zuerst muss man zum Hausarzt. Der entscheidet, ob man zu einem Facharzt darf. Einfach beim Spezialisten aufzutauchen, wie in Deutschland derzeit gang und gäbe, ist dort undenkbar.

Fehlschlag Praxisgebühr

Dabei hat es auch in der Bundesrepublik andere Zeiten gegeben: In den 1980-Jahren hatte jeder Patient, abhängig von der Krankenkasse, nur einen oder zwei Überweisungsscheine für einen Facharztbesuch je Quartal in seinem Krankenscheinheft. Die mussten vom Hausarzt unterschrieben werden. Mit der Einführung der Krankenversichertenkarte 1995 ging die Steuerung immer weiter verloren. Der verzweifelte Versuch, durch die 2004 eingeführte Praxisgebühr von zehn Euro dauerhaft die Arztbesuche zu reduzieren, schlug fehl. Lediglich einkommensschwache Schichten gingen nachweislich seltener in eine Praxis. 2013 fiel die Gebühr weg. Seitdem ist die völlige Wahlfreiheit wieder kostenlos.