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| 07:02 Uhr

Reportage
„Für Wladimir Putin! Wen sonst?“

Soldaten verlassen die Wahlkabinen, um ihre Stimmen abzugeben – für Staatschef Putin, der weitere sechs Jahre im Kreml arbeiten will.
Soldaten verlassen die Wahlkabinen, um ihre Stimmen abzugeben – für Staatschef Putin, der weitere sechs Jahre im Kreml arbeiten will. FOTO: Uncredited / dpa
Moskau. Putin tut es, der Patriarch tut es, viele Wähler tun es: In Russland wird gewählt. Der Präsident gibt sich siegessicher. Doch Wahlbeobachter berichten über eine Reihe von Manipulationen. Von Helge Donath

„Guten Morgen, aufstehen und wählen gehen an diesem sonnigen Tag!“ meldete sich der Conferencier vom gegenüber liegenden Wahllokal 1776. Es war 8.30 Uhr in der Früh, und die Sonne jubilierte. Blauer Himmel, wolkenlos. Moskauer Zarenwetter. Schunkelmusik und Sowjetschlager setzten ein, und die ersten Tänzer bewegten sich in der sonnig winterlichen Morgenkühle. „Kommen Sie und wählen Sie unseren Präsidenten“, ließ sich der DJ davontragen und empfahl auch gleich wen. Wladimir Putin! Es war ihm einfach rausgerutscht und nicht als Verstoß gegen das Reglement gedacht. Wladimir Putin hatte just in diesem Moment ein paar hundert Meter weiter am Leninskij Prospekt gewählt. Für den Kremlchef eine ungewöhnlich frühe Zeit. Eigentlich zählt der Präsident zu den Spätaufstehern.

Diesmal war es eine Wahl für Frühaufsteher, meinte der Antikorruptionskämpfer, Alexei Nawalny, den der Kreml zur Wahl nicht zugelassen hatte. Die Wähler wurden zentral eingesammelt und morgens zu den Urnen gefahren. Auch sonst ist diese Wahl etwas Besonderes. Die Wahlbeteiligung ist entscheidend, um den Urnengang zu einem Erfolg zu machen. Die Teilnahme war im Vorfeld eine Zitterpartie. Dass Kremlchef Putin wieder den Zuschlag erhält, stand fest. Der Nachteil hingegen: Das Wahlvolk war nicht motiviert. Dennoch wollte der Kreml wissen, für wie viele Bürger die Wahl auch eine Herzenssache war.

So war alles bestens vorbereitet. Wegweiser und Fähnchen wiesen den Weg. Auch das Registrieren war in diesem Jahr einfacher geworden. Die Vereinfachung hatte aber den Nachteil, dass es auch den Missbrauch erleichterte. Besonders beliebt waren diesmal wieder organisierte Rundreisen mit Bussen zur Mehrfachstimmabgabe. Aus den entlegeneren Regionen wurden Wahlurnen gemeldet, die bei der Öffnung der Wahllokale schon Zettelstöße enthalten haben sollen.

Im Wahllokal 1776 warteten Verkaufsstände auf die Besucher. Lebensmittel, Toilettenartikel und Bücher wurden zu günstigen Preisen angeboten. Draußen kümmerten sich freiwillige Helfer um den Nachwuchs mit Tanz und Kletterburgen. In den Buffets türmten sich Piroggen und Kuchen zu Niedrigstpreisen. Ganz so wie in Sowjetzeiten, als Wahlen auch nur Bestätigung des eingeschlagenen Kurses bedeuteten.

Gegen 18 Uhr hatten russlandweit 53 Prozent gewählt, in St. Petersburg, der Heimat Putins, waren es nur 39 Prozent.

Der unabhängige TV-Sender Doschd berichtete auch aus dem Moskauer Untersuchungsgefängnis Lefortowo. Hier gab der inhaftierte Ex-Chef der Republik Komi, Wjatscheslaw Gajser, seine Stimme ab. Für Putin, berichtete der Sender. Statt Trainingsanzug trug er zu Ehren des Tages ein Jacket. Gajser wird der Korruption verdächtigt. Auch der in Ungnade gefallene Gouverneur Leonid Merkelow aus Mari El gab sein Wahlgeheimnis preis. Auch er setzte auf Putin, ohne sich indes in Schale zu werfen. Nachtragend scheinen sie nicht zu sein.

Wahlbeobachter der NGO Golos waren bei den Wahlen nicht zugelassen worden. Der Kreml hatte sie vorher bereits zu „ausländischen Agenten“ erklärt. In den Wahllokalen 1776 und 1772 hatten stattdessen Beobachter aus der Gesellschaftskammer Platz genommen. Die Kammer ist eine Kreml-Erfindung, die die Zivilgesellschaft simulieren soll. Dennoch meldeten unabhängige Beobachter der NGO Golos 2000 Verstöße landesweit.

Der Druck der Verwaltungen und staatlichen Einrichtungen scheint in diesem Jahr noch stärker auszufallen als in den Vorjahren. Von Universitäten, Schulen, Krankenhäusern, Staatsbetrieben wurde berichtet, dass sie angehalten wurden, in Großverbänden wählen zu gehen.

Nawalnys Beobachter berichteten, dass Wahlverweigerern auch mit Gehaltsentzug gedroht wurde. Die Nowaja Gaseta erwähnte Studenten, denen mit Studienplatz-
entzug gedroht wurde. Noch ist die Überwachung nicht lückenlos, aber es scheint angestrebt zu sein.

Auf dem offiziellen Aushang der Wahlkommission mit den acht Kandidaten ist der Lebenslauf des kommunistischen Kandidaten Pawel Grudinin der längste. Neueste Erkenntnisse über den kommunistischen Millionär wurden noch dazu getuckert. 13 Konten soll er bei Schweizer Banken haben, die er den Wählern zuvor verheimlicht hatte.

Bei Wladimir Putin steht, er sei der stolze Besitzer eines russischen Pkw der Marke Wolga.