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| 19:13 Uhr

So bleibt Sachsen lebenswert
Für ländlichen Raum mit Zukunft – Bürger setzen auf Dorfläden

  Haben alles, was Langenhessener so brauchen – Jacqueline Schumann, Melanie Wutschke, Heinz-Günter Seute und Markus Thierfeldt (v.l.).
Haben alles, was Langenhessener so brauchen – Jacqueline Schumann, Melanie Wutschke, Heinz-Günter Seute und Markus Thierfeldt (v.l.). FOTO: dpa / Claudia Drescher
Langenhessen. In Sachsens Dörfern ist die Infrastruktur oft schlecht. Doch Einwohner entdecken das Genossenschaftsprinzip für sich und beleben Tante-Emma-Läden neu. Von Claudia Drescher

Lächelnd schlendert Jacqueline Schumann zwischen den Regalen des kleinen Dorfladens in Langenhessen herum. In dem Ex-Konsum findet sie alles, was sie braucht: Frisches Obst und Gemüse, Käse eines lokalen Erzeugers oder Wurst von einem alteingesessenen Fleischer aus der nächstgelegenen Stadt Werdau. Noch ein duftendes Brot und einen kurzen Plausch mit Verkäuferin Melanie Wutschke, das herzliche Lächeln gibt es gratis dazu.

„Was fehlte, war die Nahversorgung“

Jacqueline Schumann hat den Dorfladen „Grünes Tal“ vor rund sechs Jahren mit aufgebaut. „Langenhessen ist idyllisch gelegen, hier lässt es sich wunderbar leben. Was fehlte, war die Nahversorgung mit Lebensmitteln und ein Dorfmittelpunkt.“ Das sahen sieben Unternehmer aus dem Werdauer Ortsteil genauso, Sie kauften das leerstehende Gebäude und gründeten eine Genossenschaft. „Wir betreiben den Laden gemeinnützig. Auf dem Papier steht ein Minus, aber uns geht es vor allem um die Anlaufstelle“, sagt Vorstand Heinz-Günter Seute.

 „Dorfladen Grünes Tal eG“ steht auf einer Glasscheibe im Dorfladen.
„Dorfladen Grünes Tal eG“ steht auf einer Glasscheibe im Dorfladen. FOTO: dpa / Claudia Drescher

Pro Tag rund 100 Kunden und vor allem ein rege genutzter Mittagstisch im angrenzenden Dorfladengarten sichern den Erhalt, meint Seute, dessen Unternehmen gleich auf der anderen Straßenseite liegt. Mit dem Mittagsangebot werde man nun in den nächsten Ort expandieren. Doch ohne das tägliche Engagement der Initiatoren und der acht Teilzeit-Mitarbeiter hätte das ganze Projekt keine Chance, räumen die Macher ein.

Diskussionen wegen fünf Cent mehr

Auf der einen Seite beschwerten sich viele Langenhessener darüber, dass es im Dorf zu wenig Miteinander gebe. „Aber dann diskutiert mancher wegen fünf Cent mehr für ein Stück Butter, setzt sich lieber ins Auto und fährt bis Werdau“, sagt Jacqueline Schumann. Bislang erkennen noch zu wenige den sozialen Mehrwert, den ein solcher Dorfladen bietet, ergänzt der 65-jährige Unternehmer.

 Seit rund sechs Jahren betreiben engagierte Bürger den Laden in Langenhessen bei Werdau in Eigenregie.
Seit rund sechs Jahren betreiben engagierte Bürger den Laden in Langenhessen bei Werdau in Eigenregie. FOTO: dpa / Claudia Drescher

Doch das ändert sich gerade – vor allem im Osten, ist Günter Lühning von der Bundesvereinigung Multifunktionaler Dorfläden überzeugt. „Vor einigen Jahren mag das noch ein vorübergehender Trend gewesen sein, doch inzwischen verstetigt sich das.“ So bekomme sein Dorfladen-Netzwerk zunehmend häufiger Anfragen, insbesondere auch aus dem Osten. Aktuell gebe es bundesweit rund 300 solcher Läden.

Die Wege zum Einkaufen würden immer länger

Supermärkte und Discounter siedelten sich in der Regel nur noch in Orten mit mehr als 5000 Einwohnern im Einzugsgebiet an. Die Wege zum Einkaufen würden im ländlichen Raum immer länger. Doch das werde mit steigendem Alter der Bevölkerung zunehmend zum Problem, meint Lühning, der im niedersächsischen Otersen vor 18 Jahren einen Dorfladen ins Leben gerufen hat.

 Jacqueline Schumann (l) kauft im Dorfladen «Grünes Tal» bei Mitarbeiterin Melanie Wutschke ein frisches Brot.
Jacqueline Schumann (l) kauft im Dorfladen «Grünes Tal» bei Mitarbeiterin Melanie Wutschke ein frisches Brot. FOTO: dpa / Claudia Drescher

Die Anzahl der kleinen Lebensmittel-Läden befindet sich seit Jahren im Sinkflug: Gab es 2008 bundesweit noch rund 13 900 solche kleineren Geschäfte, waren es im letzten Jahr nur noch 8600 – ein Minus von 40 Prozent, wie aus einer Statistik des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels hervorgeht. Gemessen an den insgesamt 37 500 Lebensmittelgeschäften fiel zuletzt nur noch ein Fünftel in die Kategorie kleine Händler. Vor zehn Jahren war es immerhin noch jedes dritte Geschäft.

Eine Übersicht, wie viele Dorfläden Sachsen insgesamt hat, gibt es nicht. Doch im Internet finden sich etliche Initiativen von der Lausitz über Mittelsachsen bis ins Erzgebirge. Die sächsische Linke greift das Thema auch im Wahlprogramm auf. Der Partei schwebt eine landeseigene Gesellschaft vor, die beispielsweise den Einkauf organisiert, eigene Läden betreibt oder bestehende Dorfläden unterstützt, sagt Sprecher Tilman Loos.

Ohne das Engagement und die Bereitschaft, den Wocheneinkauf im Dorf statt auf der grünen Wiese im XXL-Format zu tätigen, funktioniert es jedoch nicht. Das mussten die Initiatoren des Ess-Bahnhofs Scharfenstein und der „Wilden Hirse“ in Venusberg feststellen. Beide Ortsteile der Gemeinde Drebach im Erzgebirgskreis zählen jeweils rund 1000 Einwohner.

Im Januar Insolvenz angemeldet

Beide Dorfläden hatten über eine gemeinsame Genossenschaft 340 Mitglieder. „Es hätte gereicht, wenn allein diese Mitglieder die Hälfte ihres Bedarfs bei uns gedeckt hätten“, sagt Mitinitiator Steffen Leischnig. Haben sie allerdings nicht. Im Januar musste die Genossenschaft Insolvenz anmelden. Das Miteinander, die „soziale Dividende“, wie es Leischnig nennt, sei ein wichtiger Faktor der Rechnung gewesen - in dem Fall ging die Rechnung nicht auf. „Im Nachhinein bedauern das nun viele.“

Erfolgsversprechender scheint eine Idee in der Oberlausitz: Die Initiative „Sohland lebt!“ bekam beim „simul+ Wettbewerb – Ideen für den ländlichen Raum“ von Sachsens Umwelt- und Landwirtschaftsministerium den ersten Platz und eine Prämie von 20 000 Euro. Mitten im Dorfkern von Sohland am Rotstein (Kreis Görlitz) soll ein soziokulturelles Zentrum mit Dorfladen und Café entstehen.

„Wir wollen die Menschen zum Bleiben und Kommen anregen und ihnen einen Grund geben, hier zu leben“, sagt Lotte Benesch-Jenker, die vor elf Jahren von Österreich nach Sachsen zog. Mit ihrer Mitstreiterin Ellinor von Recklinghausen, die zuvor in Berlin lebte, wollen sie gemeinsam mit den Sohländern wieder ein Dorfzentrum aufbauen. „Uns geht es um ein neues Miteinander. Deshalb fangen wir jetzt einfach mal an.“